Anzeige

Medienwissenschaftler über Facebook als Nachrichten-Medium: „Da scheint ein Limit erreicht zu sein“

Jeder zweite Erwachsene vertraut den Nachrichten, jeder Fünfte explizit nicht
Jeder zweite Erwachsene vertraut den Nachrichten, jeder Fünfte explizit nicht

Von Nachrichtenmüdigkeit kann in den Zeiten von Fake News, Terror und Trumps Twitter-Feuerwerk keine Rede sein. Das Interesse daran, was in der Welt passiert, sei in Deutschland sogar höher als in vielen anderen Ländern, sagte Sascha Hölig vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg. Dieses veröffentlichte heute die deutsche Teilstudie zum "Reuters Institute Digital News Survey 2017".

Anzeige

Interview: Andreas Heimann, dpa

Die aktuellen Daten zeigen, wie Erwachsene mit Internetzugang ihre Mediennutzung einschätzen. Jeder Zweite vertraut den Nachrichten, jeder Fünfte explizit nicht. „Ich würde mir mehr Sorgen machen, wenn 100 Prozent sagten, sie vertrauen all den Sachen, die sie innerhalb des gesamten Medienspektrums zu hören bekommen“, sagte Hölig der Deutschen Presse-Agentur.

Fast jeder 2. vermeidet Nachrichten manchmal bewusst, jeder 20. macht das häufig – ist das schon Nachrichtenmüdigkeit?
Sascha Hölig: Es lässt sich schon beobachten, dass es teilweise eine gewisse Nachrichtenverdrossenheit gibt, einfach weil Nachrichten von Terroranschlägen, Krieg und politischen Affären dominiert werden, was manche Leute nicht mehr hören können. Die meisten von uns kennen sicher Momente, in denen man keine Lust auf Nachrichten hat und diese in diesem Moment lieber umgeht, was ja durchaus nachvollziehbar ist.

Im internationalen Vergleich ist das in Deutschland ohnehin nicht sehr ausgeprägt.
Stimmt, das ist in anderen Ländern stärker der Fall. Und man muss es auch etwas relativieren, wenn gerade mal fünf Prozent sagen, dass sie Nachrichten häufig bewusst umgehen. Die Hauptursachen dafür sind übrigens, dass die Betreffenden negative Auswirkungen auf ihre Stimmung befürchten, dass zum Beispiel brutale Bilder sie traurig machen könnten.

Hat das Interesse an Nachrichten in Deutschland insgesamt abgenommen?
Das Interesse ist vergleichsweise hoch, 94 Prozent der erwachsenen Onliner sagen, dass sie an Nachrichten interessiert sind und sogar 70 Prozent, dass sie „sehr“ oder „äußerst“ interessiert sind. Wenn man das im Rahmen der 36 untersuchten Länder anschaut, liegt Deutschland damit auf Platz 9. Die Zahlen ähneln denen aus dem vergangenen Jahr. Wenn man es mit 2013 vergleicht, hat das Interesse allerdings etwas nachgelassen.

Sie haben auch untersucht, wie sich das Vertrauen in die Medien entwickelt. Was hat sich aktuell verändert und wie schneidet Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern ab?
In diesem Jahr sagt etwa die Hälfte, dass sie den Nachrichten in der Regel vertrauen. Das sind im Vergleich zum Vorjahr etwa zwei Prozentpunkte weniger. Jeder Fünfte sagt, dass man Nachrichten in der Regel nicht vertrauen könne. Jüngere sind da deutlich kritischer als Ältere. Aber das darf man nicht überinterpretieren. Ich würde mir mehr Sorgen machen, wenn 100 Prozent sagten, sie vertrauen all den Sachen, die sie innerhalb des gesamten Medienspektrums zu hören bekommen.

Bei den 18- bis 24-Jährigen nutzt fast jeder Vierte Blogs und soziale Medien als Hauptquelle für Nachrichten, deutlich mehr als im Jahr davor – ist das ein klarer Trend?
Fernsehen ist auch in der jüngsten Altersgruppe wahnsinnig wichtig, aber nicht das wichtigste Nachrichtenmedium – das ist das Internet. Aber was soziale Medien angeht, würde ich noch nicht von einem Trend sprechen. Man bekommt Nachrichten über soziale Medien mit, und bei einem Teil der Nutzer werden soziale Medien so zur wichtigsten Nachrichtenquelle. Aber man muss auch sagen, dass diejenigen, die sich hauptsächlich in sozialen Medien über Nachrichten informieren, nicht unbedingt diejenigen sind, die ein großes Interesse daran haben.

In keinem der untersuchten 36 Länder wird das Internet so selten als wichtigste Quelle für Nachrichten genannt wie in Deutschland – wie kommt das?
Das liegt vor allem daran, dass wir in Deutschland ein sehr hochwertiges Nachrichtenangebot in den klassischen Kanälen haben. Wir haben hier vergleichsweise wenige Probleme mit Einschränkungen der Pressefreiheit, der Unabhängigkeit, Zensur. Es gibt deshalb gar nicht so sehr das Bedürfnis, nach alternativen Quellen zu suchen wie in anderen Ländern. Außerdem können die öffentlich-rechtlichen Sender ihr Angebot im Internet gar nicht komplett entfalten, weil sie politisch ausgebremst werden. Das ist zum Beispiel in Großbritannien ganz anders. Dort sind die Öffentlich-rechtlichen im Internet viel präsenter, als sie es in Deutschland dürfen.

Fast niemand vertraut beim Thema Nachrichten ausschließlich auf soziale Medien – was ist der Grund dafür?
Man darf die Nutzer nicht unterschätzen. Sie bekommen mit, dass zahlreiche Akteure mit interessengeleiteten oder schlecht recherchierten Informationen aufwarten. Deswegen halten sich die Nutzer eher an journalistische Angebote, auch wenn da nicht immer alles perfekt ist. Nur 2,8 Prozent der 18- bis 24-Jährigen nutzen ausschließlich soziale Medien für Nachrichten, insgesamt sind es sogar nur 1,6 Prozent.

Bei den Erwachsenen ist der Anteil derjenigen, die jede Woche Nachrichten auf Facebook lesen oder anschauen, sogar von 26,7 auf 24,9 Prozent zurückgegangen – hat das etwas zu bedeuten?
Es ist ein Trend, den wir in vielen Ländern beobachten. Da scheint ein Limit erreicht zu sein. Es steigt nicht weiter an, weil viele Menschen mitbekommen haben, dass Facebook nicht die ideale Quelle ist, um das aktuelle Weltgeschehen zu verfolgen.

Soziale Medien werden fast nur passiv genutzt – wie ist da die aktuelle Entwicklung? Und woran liegt das eigentlich? Wir stellen uns doch vor, dass User ständig liken, teilen und kommentieren…
Es ist nur ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung, der Nachrichten teilt und kommentiert, nur zehn Prozent der Nutzer von sozialen Medien. Es ist ein verbreitetes Zerrbild, dass die Menschen alles diskutieren und teilen möchten. Das Interesse daran besteht gar nicht. Man sollte nicht unterschätzen, wie viele die klassische Lean-Back-Situation vor dem Fernseher vorziehen, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen.

Anzeige

Alle Kommentare

  1. Aha, die öffentlich-rechtlichen Zwangsbezahlsender, wenn man sich denn einschüchtern lässt oder die Bedrohungskulisse tatsächlich existenzgefährdendes Potenzial annimmt, werden also „politisch ausgebremst“. Deren Online-Aktivitäten gehen doch längst über die sogenannte „Grundversorgung“ hinaus. Das Internet ist mittlerweile zu einer unabhängigen Quelle für Nachrichten geworden, die so oder überhaupt nicht in den öffentlich-rechtlichen Medienfirmen zu finden sind – und das hat mit Verschwörungstheorie nichts zu tun. Die meisten suchen sich doch die Couleur an Medien und Nachrichten nach dem persönlichen Geschmack oder der politischen Färbung nach aus.

  2. In Zeiten der postfaktischen Gefährdungslage mit bloß gefühlten Bedrohungsszenarien sollten doch Selbstauskünft sorgsam ausgewählter Einzelschicksale mit etwas mehr Vorsicht in statistich untermauerte Fakten einfließen.
    Gerade sog. Medienwissenschaftler singen fast ausschließlich dessen Lied, der sie üppig füttert.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige