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Ein Magazin wie Urlaub in Bullerbü: Mit hygge der Wirklichkeit entfliehen

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Seit diesem Mittwoch ist hygge auf dem Markt, ein "Magazin für das einfache Glück". Wer das Heft aufschlägt, verliert sich in weich gezeichneten Aufnahmen einer perfekten Welt und kann nahezu den Duft frisch gebackener Zimtschnecken riechen: Perfekt für eine Realitätsflucht. Dem einen oder anderen könnte dies allerdings zu viel heile, unrealistische Welt werden.

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Es gibt eine neue Elite in unserer Gesellschaft. Eine Elite, die davon überzeugt ist, „dass es sich lohnt, fünf Dollar für ein paar Bioerdbeeren auszugeben“, erklärt die Soziologin Elisabeth Currid-Halkett im Interview mit Zeit Online. „Sie schwören auf Sport und Fitness, wollen die Umwelt schützen und verachten Billigwaren aus China. Sie stillen ihre Kinder möglichst lange und ernähren sich gesund, spenden Geld für wohltätige Zwecke, kaufen handgemahlenen Kaffee und Biogemüse.“

Zwar bezieht sich Currid-Halkett in dem Gespräch auf die USA, doch auch in Deutschland lässt sich diese gesellschaftliche Strömung gut beobachten: So ist beispielsweise der Slogan ‚Teilen statt Besitzen‘ schon seit einigen Jahren zum festen Bestandteil der Konsumwelt geworden. Und auch Nachhaltigkeit, Wertschätzung der kleinen Dinge, Selbstliebe und Entschleunigung gehören zu den Werten, durch die sich diese Gruppe – oft sind es Frauen – auszeichnet.

Scrollt man durch bildlastige soziale Netzwerke wie Instagram oder Pinterest, wird auf vielen Accounts ein ganz bestimmtes Lebenskonzept zelebriert: nachhaltige Mode, gesundes und biologisches Essen, bedürfnisorientierte Kindererziehung, Selbstgenähtes oder Selbstgebasteltes und traumhaft schön dekorierte Wohnungen. „Zurück in die Spießigkeit“, könnte mancher spötteln. „Rückbesinnung auf die wirklich wichtigen Dinge und Konzentration auf ein nachhaltiges Leben“, würden die Verfechter darauf antworten.

Zu welcher Seite man auch gehören mag, es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass genau diese Themen auf großes Interesse stoßen. Mit hygge setzt die Deutsche Medien-Manufaktur seit dieser Woche auf genau dieses Pferd. Das Wort stammt aus Dänemark und steht für ein Gemeinschaftsgefühl und Freude an den kleinen Dingen in einer immer hektischeren Welt.

Hält man das Print-Magazin nun in der Hand, fühlt es sich beinah an, als wäre man kopfüber in die heile Welt von Astrid Lindgrens Bullerbü getaucht: Wir suchen Blaubeeren, wir singen, wir backen Zimtschnecken und wir sitzen mit unseren Familien gemeinsam an der großen Holztafel. Alles festgehalten in wunderschönen, hochwertigen Fotografien, die auf Instagram ganz sicher mehrere tausend Herzchen abkassieren würden.

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In Zeiten von Bodyshaming – sowohl in einschlägigen Klatschmagazinen als auch in den sozialen Netzwerken – ständigem Diät- und Schönheitsdruck, Hasskommentaren und einer Werbeindustrie, die Frauen einredet, sich mit Smoothies ‚entgiften‘ zu müssen, ist es nur konsequent, dass es – endlich – eine Gegenbewegung gibt. „Immer mehr Menschen suchen nach der ‚richtigen’ Art zu leben, dem bestmöglichen Lebensstil, der sie glücklich macht. Hygge schreibt Ihnen nicht vor, was Sie tun sollen oder was das Beste ist, sondern nur, wie Sie es tun sollen – mit Freude. Seien Sie zusammen mit Menschen, die Sie lieben, seien Sie dankbar für das, was da ist, seien Sie nett zu sich selbst und zu anderen – all das trägt enorm zu Ihrer Lebensqualität bei. Und vergessen Sie den Kuchen nicht!“, erklärt Meik Wieking, Leiter des Kopenhagener Institutes für Glücksforschung in ihrer Pressemitteilung zu hygge.

Es ist den Machern tatsächlich gelungen, ein hochwertiges und mit viel Liebe zum Detail produziertes Heft zu erschaffen. Man verliert sich in den Momentaufnahmen der Fotografien und in den durchweg positiven Geschichten mit Formulierungen wie „Es geht um die Freude, sich in Musik fallen zu lassen“ oder „Egal, wie aufregend das Leben draussen ist, manchmal macht das Zuhause sein mehr Freude“.

Komplett ausgespart hingegen wird jegliche Komplexität oder Themen, die in die Tiefe gehen könnten, wie beispielsweise Karriere, Herausforderungen im Familienleben, Sexualität oder gar Politik. Doch hygge hat auch gar nicht den Anspruch zu polarisieren oder zur Diskussion anzuregen; hygge will Glücksgefühle und Wohlbefinden auslösen. Ein Vergleich mit den deutschen Heimatfilmen der Nachkriegszeit liegt hier nah.

Ob dieses Konzept auf Dauer befriedigen kann, muss sich zeigen. In den sozialen Netzwerken gibt es zu dieser Positiv-Strömung nämlich auch schon wieder eine erste Gegenbewegung: Menschen, die sich dagegen wehren, dass alles immer himmelblau und matt gezeichnet ist. Die die ewigen Filter nicht mehr sehen wollen. Auf Instagram sammeln sich zum Beispiel immer mehr Aufnahmen, die genau das Gegenteil der perfekt inszenierten und mit Filtern versehenen Fotos abbilden – nämlich die Realität. Darauf sind dreckige Küchen, müde Mütter oder ungesundes Essen zu sehen.

Wer für eine gewisse Zeit dieser Realität in eine weich gezeichnete Welt entfliehen möchte, für den ist hygge genau richtig. Das Magazin eignet sich hervorragend zum Eskapismus – und das ist ja per se erstmal nichts Schlechtes.

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Alle Kommentare

  1. Ich glaube in dieser Welt, wo viele im Konsumrausch ihre Einsamkeit ertränken, an der Informationsflut ersticken und im Job austrocknen, braucht es wieder dieses Gefühl von „Ich bin zufrieden“. Die Zeitschrift versucht zu entschleunigen und uns wieder auf die einfachen Dinge zu besinnen. Denn die Menschen waren vor 50 Jahren glücklicher als wir jetzt. Obwohl wir Waschmaschine, Spülmaschine und alle anderen erdenklichen Hilfsmittel im Alltag haben, benutzen wir die wertvolle gewonnene Zeit bloß um zu Shoppen, mehr zu arbeiten oder uns durch Fernsehen/Social Media abzulenken von unserer Unzufriedenheit.
    Ich fand den Artikel von Christian Meier „Hygge? Diese Zeitschrift macht mich zum Zyniker!“ sehr erfrischend. Man muss nicht danach leben, aber man sollte es einfach mal ausprobieren und das eine oder andere Ritual/Gewohnheit vielleicht gar fix einbauen. Sozusagen als kleine Oasen vom „verrückten Alltag“ und dem Leben im Dauerstress 🙂

  2. Und wehe, die Familie ordnet sich nicht dem angestrebten „hygge“-Gefühl unter – da wird die von ihrer materiellen Übersättigung gelangweilte Mutti aber ganz schnell zur Furie. Oder braucht ein paar mehr Termine beim Therapeuten, weil sie dieses papiergewordene Instagram tatsächlich für bare Münze nimmt.

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