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DJV kritisiert „Tarifbruch“: WDR führt neue Honorar-Modelle für crossmediale Arbeiten ein

Der WDR will das Honorar-Modell für crossmediale Arbeiten umstellen – die Gewerkschaften protestieren
Der WDR will das Honorar-Modell für crossmediale Arbeiten umstellen – die Gewerkschaften protestieren

Der Westdeutsche Rundfunk will freie Autoren, die für mehrere Gattungen beauftragt werden, schlechter bezahlen als bisher. Nachdem die Verhandlungen mit den Gewerkschaften über ein Tarifwerk für "crossmediale" Aufträge deshalb vor zwei Monaten gescheitert sind, macht die öffentlich-rechtliche Anstalt nun einen Alleingang. Der Deutsche Journalistenverband kritisiert den "Tarifbruch".

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Die neuen Regelungen, die sich der WDR ausgedacht hat, sollen ab dem 1. Juli gelten – zunächst in den „Leuchtturm-Redaktionen“ Sport, Wirtschaft und Wissenschaft. Dort wird verstärkt auf crossmediales Arbeiten gesetzt, Journalisten sollen also nicht nur für eine Mediengattung Inhalte produzieren, sondern beispielsweise für Hörfunk und Fernsehen oder Fernsehen und Internet.

Bislang wurden die Aufträge einzeln vergütet, Journalisten haben also für jede Gattung jeweils ein Honorar erhalten. Der unter Spardruck stehende WDR will das ändern, was er in einem Schreiben, das im Intranet des Senders veröffentlicht wurde und MEEDIA vorliegt, als „modernisieren“ bezeichnet. Den Plänen zufolge erhalten die freien Journalisten zukünftig nur noch für eine – die am besten honorierte – Gattung 100 Prozent der bisherigen Vergütung, jede weitere Gattung wird mit nur noch 50 Prozent vergütet. Bedeutet: Je mehr Stücke der WDR bei einem Journalisten beauftragt, desto geringer wird das Einkommen im Vergleich zu vorher. Noch nicht bestimmt ist die Honorierung für Beiträge, die auf die sozialen Medien zugeschnitten sind. Zeitgleich will der Sender ein Parallel-Modell entwickeln und so genannte „Tagesreporter“ einführen, die pauschal vergütet werden. Die Honorare sollen sich zwischen 330 und 430 Euro bewegen.

Trotz solcher Einschnitte bekommen die freien Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nach wie vor höhereHonorare als Mitarbeiter anderer Medien. Vor allem bei Verlagen ist es üblich, dass crossmediale Arbeiten gar nicht zusätzlich honoriert werden, abgedruckte Texte werden ohne weitere Bezahlung auch online publiziert. Für Öffentlich-rechtliche war die ordentliche Mehrfach-Honorierung stets auch ein Qualitätsmerkmal.

Für angemessen halten die Verantwortlichen das neue Honorar-Modell aber weiterhin. „Es geht uns darum, die bestehenden Honorierungs­formen zu modernisieren. Zudem soll die Honorierung insgesamt gerechter für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden, indem etwa neue Leistungen, z.B. Beiträge für Social Media, angemessen vergütet werden“, schreibt WDR-Personalchef Kurt Schumacher.

„Wir wollen mit den crossmedialen Honoraren fair und aufwandgerecht vergüten, die Honorare sollen Planbarkeit und Verlässlichkeit – für die Redaktionen ebenso wie für die freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – erreichen“, ergänzt Verwaltungsdirektorin Katrin Vernau an die Mitarbeiter. Valerie Weber, WDR-Hörfunkdirektorin, will für Radio-Journalisten sogar bessere Möglichkeiten erkennen. „Bei jedem Modell kann es auch Fälle geben, in denen Autoren weniger verdienen. Ich wünsche mir, dass gerade die Hörfunker die Chance sehen, die ein neues Modell auch bieten kann. Denn es sind vor allem die freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Radiowellen, denen das Modell Vorteile bietet, da die Tagessätze im Hörfunk in der Vergangenheit oft unter denen des Fernsehens lagen.“

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Laut Schumacher könnte das neue Modell samt crossmedialer Aufgaben insgesamt mehr Aufträge bedeuten, begründet sieht er diese These in möglichen Synergien. In der Praxis besteht aber durchaus auch die Gefahr, dass Journalisten im Schnitt schlechter wegkommen. Das neue Honorarmodell greift nämlich nur dann, wenn die Aufträge für mehrere Gattungen im Voraus erteilt werden. Sollte sich erst im Nachhinein ergeben, dass aus einem Hörfunk auch ein Social-Media-Beitrag werden kann, sollen beide Leistungen voll vergütet werden. Das kann bedeuten, dass verantwortliche Redakteure von vorn herein pauschal crossmediale Aufträge erteilen, obwohl sie vielleicht nicht notwendig sind.

Kritik am neuen Honorarmodell kommt vor allem von den Gewerkschaften. Sie kritisieren den Alleingang, den der WDR nun vornimmt, als „Tarifbruch“. Mit den Arbeitnehmern abgestimmt das ist neue Werk nämlich nicht, sie hatten die Verhandlungen vor wenigen Wochen abgebrochen, weil die Vorstellungen beider Parteien zu weit voneinander entfernt waren.

„Der WDR kann die bislang geltenden Vergütungsregeln nicht einfach ignorieren und für einen Teilbereich neue Tarifierungen einführen – er gibt selbst zu, dass er sich ‚außerhalb der bestehenden Honorarrahmen‘ bewege“, schreibt der DJV NRW in einer Pressemitteilung. „Umso unverständlicher aus Sicht des DJV: Im WDR gibt es im ‚Laborstudio‘ Wuppertal bereits einen erfolgreichen und gerade erst von beiden Tarifparteien verlängerten crossmedialen Tarifvertrag, den der Sender aber nicht auf die drei ‚Leuchttürme‘ anwenden will.“

Die Gewerkschaften forderten in den Verhandlungen nicht nur höhere Honorare, sondern auch einen sozialen Ausgleich für die Einkommensverluste. Obwohl alle Parteien Gesprächsbereitschaft signalisieren ist unklar, ob und wann Verhandlungen wieder aufgenommen werden. „Die Gewerkschaften betrachten nur die Mindesthonorare, meistens liegt die Vergütung aber darüber. Auch haben die Gewerkschaften nicht anerkannt, dass die bestehenden Vorschläge, insbesondere die Tagessätze für die Tagesreporter, eine Verbesserung gegenüber der aktuellen Vergütung darstellen“, schreibt Vernau im Intranet des WDR weiter.

Die Rundfunkanstalt will ihr Modell nun sechs Monate lang ausprobieren und schließlich notwendigen Anpassungen vornehmen. „Danach soll der crossmediale Honorarrahmen in weiteren Bereichen, in denen sich crossmediale Arbeitsformen mehr und mehr durchsetzen, eingeführt werden.“

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