Anzeige

„Maria W. hat ihre Geschichte frei erfunden“: Buzzfeed weckt massive Zweifel an Bild-Zeugin im Fall Lubitz

Andreas Lubitz brachte 2015 eine mit insgesamt 150 Menschen besetzte Germanwings-Maschine zum Absturz – Bild-Chef Julian Reichelt (r.) verteidigt ein Interview mit einer angeblichen Geliebten des Todespiloten
Andreas Lubitz brachte 2015 eine mit insgesamt 150 Menschen besetzte Germanwings-Maschine zum Absturz – Bild-Chef Julian Reichelt (r.) verteidigt ein Interview mit einer angeblichen Geliebten des Todespiloten

Recherchen von Buzzfeed erhärten den Verdacht, dass Maria W. – eine angebliche Geliebte des Germanwings-Todespiloten Andreas Lubitz – mindestens ihre Aussagen über den Mann, der 149 Menschen mit sich in den Tod riss, frei erfunden hat. Damit wird erneut die Arbeit der Bild-Zeitung in Frage gestellt, die ein Interview mit der Frau veröffentlicht hatte. Bild aber hält an der Zeugin trotz ungeklärter Identität fest.

Anzeige

Das Adjektiv „offenbar“ verrät, dass eine Geschichte (juristisch) nicht wasserdicht ist, das entscheidende Fakten für die Verifizierung vorliegender Informationen fehlen. Journalisten wenden diesen handwerklichen Kniff dann an, wenn  sie ihre Recherchen trotzdem für veröffentlichungsreif halten – obwohl es die eigene Geschichte dennoch gleich ein wenig unglaubwürdiger macht. Das ist besonders dann schwierig, wenn es thematisch ohnehin um Glaubwürdigkeit geht – wie im Fall eines neuen Artikels von Buzzfeed, der die Bild-Zeitung ins Visier nimmt. Der deutsche Ableger des US-Portals, der unter Leitung des ehemaligen und renommierten Correctiv-Journalisten Daniel Drepper mit exklusiven Geschichten an seiner Expansion arbeitet, hat gleich mehrere Artikel zur Causa Andreas Lubitz veröffentlicht.

Recherchiert hat die Artikel die freie Journalistin Petra Sorge, die vor einigen Wochen ein exklusives Interview mit Andreas Lubitz‘ Vater Günter Lubitz ich der Wochenzeitung Die Zeit veröffentlicht hatte. Dass der Nachdreher nicht dort erscheint, ist für Beobachter verwunderlich. Sorge begründet dies mit den Möglichkeiten, die Buzzfeed ihr geboten habe. dazu: „Ich habe mich sehr gefreut, dass BuzzFeed Interesse an der gesamten Recherche hatte – über das Stück zur Bild-Zeitung hinaus. Die Geschichte von Maria W. konnte nur im Kontext weiterverfolgt werden.“

In ihren Artikel geht es überwiegend um das von der Familie beauftragte Gutachten, mit dem Günter Lubitz, Vater des ehemaligen Germanwings-Piloten, seinen Sohn rehabilitieren will. Lubitz wird verantwortlich gemacht für den Tod von 149 Menschen, die beim Absturz des Fluges 4U9525 im März 2015 ums Leben gekommen sind. Nach Ermittlungen der zuständigen Behörden hat Lubitz, der psychisch krank und zum Zeitpunkt des Absturzes fluguntauglich gewesen sein soll, diese Menschen absichtlich mit sich in den Tod gerissen. Die Familie und ihr Gutachten bestreiten das und weitere Erkenntnisse der Ermittler. Vorgestellt wurde dieses Gutachten des Experten Tim van Beveren bereits vor drei Monaten, im März dieses Jahres. Ausgerechnet am zweiten Jahrestag des Unglücks veranstaltete Vater Lubitz eine Pressekonferenz. Die Aktion wurde als takt- und respektlos den Opfern gegenüber gewertet.

Buzzfeed hat das Gutachten der Familie gelesen und Details vorgestellt. In einem weiteren Bericht geht es aber auch um eine Kronzeugin, die „genau jenes letzte Puzzleteilchen“, das „zum Bild eines Wahnsinnigen“ fehlte, geliefert habe. So beschrieb es die freie Journalistin Petra Sorge, die bereits vor drei Monaten in einem Stück für die Zeit die Glaubwürdigkeit dieser Zeugin und die Rechercheleistung der Bild angezweifelt hatte, und ihre weitere Recherchen nun bei Buzzfeed veröffentlicht hat. Bei besagter Zeugin handelt es sich um „Maria W.“, die als „Ex-Freundin“ in der Bild exklusiv über ihr Verhältnis zu Andreas Lubitz gesprochen hatte. „Eines Tages wird jeder meinen Namen kennen“, soll Lubitz mal zu ihr gesagt haben. Die Bild machte diese Aussage zur Schlagzeile. Ob diese Aussage angesichts einer erdrückenden Indizienlast, die dafür sprach, dass Lubitz den Jet absichtlich zum Absturz brachte, tatsächlich das entscheidende „letzte Puzzleteilchen“ war, darf indes bezweifelt werden.

Denn während es an der Existenz der Zeugin keine Zweifel gibt, wird vor allem der Inhalt ihrer Aussagen von vielen für unglaubwürdig gehalten. Zu dieser Schlussfolgerung kam bereits für die Ermittlungen zuständige Staatsanwaltschaft in Düsseldorf, deren Staatsanwalt Christoph Kumpa sich dazu äußerte, zugleich und obwohl er der Suche nach Maria W.  keine besondere Priorität zugesprochen hatte. Die Annahme des Staatsanwaltes stützte sich vor allem auf Indizien. Von diesen legen Journalistin Sorge und Buzzfeed New, nun zwei weitere vor:

Für das Gutachten habe man Lubitz‘ Dienstpläne und Reiserouten rekonstruieren können, die kaum Übernachtungen in fremden Städten zugelassen hätten. Die Affäre von Lubitz und Maria W., die als Stewardess bei Germanwings gearbeitet haben soll, habe sich laut Aussagen der Zeugin allerdings auf solchen Dienstreisen abgespielt. Sollte das stimmen, können sie und Lubitz sich zumindest nicht häufig gesehen haben. Mehr noch: „Andreas Lubitz ist in dem gesamten Jahr, in dem er bei Germanwings als Copilot beschäftigt war, der Auswertung von Gutachter van Beveren zufolge nur mit drei Stewardessen überhaupt mehr als einmal gemeinsam geflogen“, schreibt Buzzfeed. Bei vielen Übernachtungsmöglichkeiten sei er zudem alleine auf Reisen gewesen. Dass sich Lubitz und seine Affäre unabhängig von gemeinsamen Berufsreisen an einem Ort getroffen haben, ist dieser Analyse zufolge zwar ein unwahrscheinliches Szenario, wurde aber nicht überprüft.

Zudem zitiert Buzzfeed einen weiteren Journalisten, der Kontakt zu Maria W. gehabt haben soll. Dass die Zeugin nicht nur die Bild für ein Interview angesprochen hatte, hatte bereits Staatsanwalt Kumpa bestätigt. Der bislang anonym gehaltene Reporter heißt Thorsten Wimber und arbeitet für den Privatsender RTL. Ein Sprecher des Senders erklärte gegenüber Buzzfeed: „Wir können vollumfänglich bestätigen, dass Maria W. ihre Geschichte frei erfunden hat. Dies hat sie bei einem 4. Treffen im Dezember 2015 explizit zugegeben.” RTL habe sie ermahnt, ihre falsche Geschichte nicht auch noch weiteren Medien anzubieten. Buzzfeed zufolge stand die Zeugin zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Bild in Kontakt, was RTL wohl bekannt war.

Die weiteren Indizien erhärten den Eindruck, dass mit der Zeugin Maria W. so einiges nicht stimmen kann. Auch ohne Statement der Staatsanwaltschaft, die diese angebliche Zeugin im Sinne ihres Todesermittlungsverfahrens längst hätte ausfindig machen und befragen müssen, gab es bereits Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit. Abgesehen von ihren Aussagen gibt es offenbar nur ein Foto, das maximal ein gemeinsames Arbeitsverhältnis bestätigen kann. Es soll Maria W. und Lubitz‘ mit Kollegen zeigen. Bislang wurden Foto wie auch die wahre Identität von Maria W. nicht veröffentlicht. Vor allem letztere könnte dabei Zweifel aufräumen. Mindestens dem RTL-Reporter sei der Klarname von Maria W. bekannt, seine Recherchen hätten ergeben, dass es sich um eine PR-Managerin handele. Am Ende aber kann nur Maria W. selbst für Aufklärung sorgen.

Auch wenn die Bild weiterhin an ihrer Berichterstattung und Maria W. als glaubwürdige Zeugin fest hält, sollte sie ein Interesse daran haben, die Geschichte erneut zu prüfen und möglichst transparent zu arbeiten. Auch, weil Julian Reichelt, erster Mann bei der Bild-Zeitung, zuletzt immer wieder verdeutlichte, auf Transparenz und journalistische Aufrichtigkeit zu setzen.

Auf eine Anfrage von Buzzfeed reagiert man bei Bild allerdings wenig verständnisvoll. Den Bericht wertet man offenbar als Versuch, „mit Hilfe angeblicher Mutmaßungen Dritter die Berichterstattung über den Massenmord von Herrn Lubitz an 149 unschuldigen Menschen insgesamt in Frage stellen zu wollen.“

Dass im Falle von Maria W. die Glaubwürdigkeit angezweifelt wird und möglicherweise ein (journalistischer) Fehler unterlaufen ist, sagt freilich nichts über die Ergebnisse der Ermittlungen deutscher und französischer Behörden aus. Dass von Lubitz in Auftrag gegebene Gutachten, auf das Buzzfeed in weiterer Berichterstattung eingeht, zweifelt die Ermittlungsergebnisse und andere Gutachten zwar an – mehr aber auch nicht. Über Aussagekraft und erneute Ermittlungen, die deshalb angestellt werden könnten, werden voraussichtlich Gerichte entscheiden.

Anzeige
Anzeige