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Warum es unverständlich bleibt, dass Arte und WDR die umstrittene Antisemitismus-Doku nicht zeigen wollten

Hat alles nix miteinander zu tun: Antisemitismus-Doku, Dobrindt-Irrsinn, Yellow-Fan Holthoff-Pförtner, „Finis Germania“
Hat alles nix miteinander zu tun: Antisemitismus-Doku, Dobrindt-Irrsinn, Yellow-Fan Holthoff-Pförtner, "Finis Germania"

Die Medienwoche wurde bestimmt von dem Ärger um die Antisemitismus-Doku, die Arte und WDR unverständlicherweise nicht zeigen wollten. Dann gab es noch einen Eklat, weil ein Spiegel-Redakteur dafür sorgte, dass ein rechtsradikales Buch auf einer Empfehlungsliste landete. VDZ-Präsident Holthoff-Pförtner outete sich als Fan der hauseigenen Yellows und Verkehrsminister Dobrindt machte sich für Antenne Bayern zum Affen.

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Thema der Woche war der Ärger um die Antisemitismus-Doku, die Arte und der WDR nicht zeigten wollten und die Bild.de dann „frech“ (Anja Reschke, NDR), bzw. „mutig“ (MEEDIA) trotzdem für 24 Stunden gezeigt hat. Arte begründete das Nichtzeigen der Doku damit, dass die Dokumentarfilmer Joachim Schroeder und Sophie Hafner nicht geliefert hätten, was bestellt worden war. Arte: „Der ursprünglich von der Programmkonferenz genehmigte Programmvorschlag sah ausdrücklich das Thema des unter dem Deckmantel der Israelkritik versteckten Antisemitismus vor – entsprechend der editorialen Linie von Arte als europäischer Sender aber nicht im Nahen Osten, sondern in Europa.“ Ich habe mir den Film (auf YouTube) auch angeschaut und finde – ehrlich gesagt – die Begründung von Arte etwas befremdlich. Zwar spielt der Film zu großen Teilen auch in Israel und Gaza, dies aber, um die dortigen Verhältnisse mit antisemitischen Sichtweisen und Strömungen in Deutschland und Frankreich zu kontrastieren. Die Autoren sagen im Film selbst, dass man sich nach Israel begeben müsse, um das Problem zu erkennen. Das erscheint schlüssig.

In seiner deutlich pro-israelischen Haltung wirkt der Film vielleicht auf manche verstörend. Auch die harsche Kritik an NGOs und kirchlichen Hilfsorganisationen wie Brot für die Welt schreckt auf. Das ist man hierzulande nicht so gewohnt aber das muss darum ja nicht schlecht sein. Wenn die im Film präsentierten Fakten stimmen, hätte meiner Meinung nach nichts dagegen gesprochen, ihn zu zeigen. Arte und der WDR haben sich in der ganzen Geschichte sehr ungeschickt verhalten. Geradezu tölpelhaft. Spätestens als die Diskussion um den Film losging, hätte man ihn zumindest online zeigen sollen. Von mir aus mit begleitender Einordnung und zusätzlicher Debatte. So haben sich die beiden öffentlichen Sender von der Bild das Heft aus der Hand nehmen lassen. Dass sich Arte und der WDR auch gegenüber ihren Kollegen vom NDR-Medienmagazin „Zapp“ nicht äußern wollten, wirkt zusätzlich schwach. Ein bisschen befremdlich fand ich auch, dass recht viele Medien und Journalisten schnell dabei waren, den Film als „Propaganda“, bzw. „propagandistisch“ abzutun. Wenn eine Doku, die eine klare Haltung hat und eine Grundthese verfolgt propagandistisch ist, dann trifft das auf viele TV-Dokus zu. Auch auf solche, die gezeigt wurden und werden. In diesem Zusammenhang sei Interessierten die Lektüre des immer noch aktuellen Buchs „Der ewige Sündenbock: Israel, Heiliger Krieg und die »Protokolle der Weisen von Zion« – Über die Scheinheiligkeit des traditionellen Bildes vom Nahostkonflikt“ von Tilman Tarach empfohlen. Wer das sehr gut recherchiert Buch gelesen hat, dem kommt manches aus der Doku bekannt vor.

Fast schon wieder vergessen ist der Wirbel vom Anfang der Woche, als sich der NDR aus der Jury der „Sachbuch des Monats“-Liste zurückzog. Grund: Ein Jury-Mitglied hatte dem rechtsradikalen Buch „Finis Germania“ die volle Punktzahl gegeben und das Machwerk damit auf Rang neun der Juni-Hitliste gehievt. Das dies keinem anderen Jury-Mitglied aufgefallen war, ist für sich genommen auch schon wieder ein bisschen peinlich aber naja. Der NDR distanzierte sich jedenfalls und trat aus der Jury aus. Kurz danach kam raus, dass es der Spiegel-Kulturredakteur Johannes Saltzwedel war, der das rechte Buch drei Mal (!) vorgeschlagen und maximal bewertet hatte. Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer distanzierte sich öffentlich von seinem Kulturredakteur und dieser trat aus der Jury aus. Passiert auch nicht alle Tage. Saltzwedel begründete seine Begeisterung für „Finis Germania“ folgendermaßen:

Mit der Empfehlung des Buches ‚Finis Germania‘ von Rolf Peter Sieferle habe ich bewusst ein sehr provokantes Buch der Geschichts- und Gegenwartsdeutung zur Diskussion bringen wollen. Sieferles Aufzeichnungen sind die eines final Erbitterten, gewollt riskant formuliert in aphoristischer Zuspitzung. Man möchte über jeden Satz mit dem Autor diskutieren, so dicht und wütend schreibt er.

„Bewusst“ und „Zuspitzung“. Woran erinnert das noch gleich? Ach ja, an diesen bekannten Mannheimer Künstler, der auch mal gerne „zugespitzt überzeichnet“ formuliert. In diesem Zusammenhang sei auf das sehr gelungene, aktuelle Titelbild der Titanic hingewiesen:

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Die Verleihung der „Verschlossenen Auster“ des Netzwerks Recherche an die drei Yellow-Verlage Funke, Bauer und Burda ist auch schon wieder ein paar Tage her. Nun lese ich bei Turi2, dass Funke-Gesellschafter und VDZ-Präsident Stephan Holthoff-Pförtner dem kress verraten hat, dass er in seiner Freizeit gerne Yellows liest, und zwar „mit Genuss“. Da sitzt Herr Holthoff-Pförtner am Sonntag also bei sich daheim auf der Terrasse mit einem Stapel die aktuelle, Das Goldene Blatt, Frau von heute und Neue Welt und erfährt beispielsweise exklusiv, was Günther Jauch mal wieder auf der Titelseite mitzuteilen hat.

Funke hat ja anlässlich der Auster-Verleihung mitgeteilt, dass man sich gerne einer sachlichen Debatte zum Thema Yellows stelle. Wie das dann in der Praxis aussieht, können Sie hier bei Übermedien.de nachlesen.

Was machen eigentlich die abtrünnigen Verlage G+J, Medweht, Spiegel und Zeit, die mit dem VDZ nix mehr am Hut haben wollen? Die haben diese Woche zu ihrer ersten gemeinsamen Veranstaltung eingeladen: „Wege aus der Filter Bubble – Die Rolle von Journalismus und Plattformen in zeiten von Fake News und Alternative Facts“ am 27. Juni in Berlin. Mit dabei sind u.a. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), G+J-Chefin Julia Jäkel, stern-Chef Christian Krug, Zeit-Geschäftsführer Rainer Esser, Spiegel-Vize Susanne Beyer und Patrick Walker von Facebook. Das schaut irgendwie nicht so aus, als käme man in allernächster Zeit wieder zusammen.

Politiker müssen in Wahljahren so einiges mitmachen. Oder sie denken, sie müssten es mitmachen. Lächerliche Aktionen von Privatradios zum Beispiel. Diese Woche stieß ich auf ein Video, das zeigt, wie Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) gemeinsam mit dem Antenne Bayern Verkehrs-Reporter Nick Lisson im selbstfahrenden Audi Luftgitarre spielt und dabei „Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen“ singt. Später schreibt er beim Fahren noch eine Whatsapp und bindet sich eine Krawatte. Dabei beömmelt sich der Herr Lisson auf der Rückbank, wedelt sinnbefreit mit seinem Antenne-Bayern-Mikrofon (Dobrindt hat auch ein Ansteck-Mikro) und ruft „Jawoll!“ Man weiß gar nicht, was man schlimmer finden soll: die ranwanzerische Werbung für Audi, bzw. den Minister, die aufdringlich-dümmliche Fröhlichkeit des „Reporters“ oder die völlige Schmerzbefreitheit des Ministers. Das Gesamtpaket ist jedenfalls schwer erträglich.

Schönes Wochenende!

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