Fremdschämen mit Heiko Maas und Theresa May: Wie Politiker mit gefühligen Medien-Anfragen umgehen sollten – und wie besser nicht

Vorsicht Falle: Wie man als Politiker reagiert, wenn Medien die Gefühl-Karte spielen … und wie besser nicht
Vorsicht Falle: Wie man als Politiker reagiert, wenn Medien die Gefühl-Karte spielen ... und wie besser nicht

Politiker haben es auch nicht leicht. Vor allem vor einer wichtigen Wahl sollen sie nicht nur kompetent und bürgernah sein. Die Medien verlangen auch, dass sie Emotionen und Humor im Angebot haben. Verschiedene Politiker gehen damit unterschiedlich geschickt um. Ein kleiner Überblick zu Emo-Fallstricken für Politiker mit Angela Merkel, Christian Lindner, Martin Schulz, Heiko Maas und Theresa May.

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Gerade wenn Frauen von Frauen interviewt werden, scheint es einen gewissen Hang zu heben, mit Fragen auch die Soft-Spots abzuklopfen. Also nach allgemein Gefühligem oder Männersachen zu fragen. Klingt nach Klischee, trifft aber erstaunlich oft zu. Auftritt Theresa May, bekanntlich glücklose Premierministerin von Großbritannien. Kurz bevor die von ihr angesetzte Neuwahl für sie und ihre konservative Partei so grandios in die Hose ging, wurde sie vom britischen TV-Sender ITV interviewt. Von diesem Interview bleibt vor allem ein peinvoll anzusehender Ausschnitt im Gedächtnis. Interviewerin Julie Etchingham fragt May „What’s the naughtiest thing You ever did?“ Also etwa: „Was ist das Ungezogenste, das Sie jemals gemacht haben?“ Theresa May ist sichtlich überrumpelt von der Frage. Man sieht ihrem Gesicht an, wie sie fieberhaft überlegt. Natürlich will sie nichts sagen, das wirklich „ungezogen“ ist. Das könnte ja peinliche Schlagzeilen produzieren oder Wähler irritieren. Aber sie will trotzdem unbedingt irgendetwas sagen, um nicht als spießige Blockiererin dazustehen.

Am Ende erzählt sie eine unfassbar belanglose Anekdote, dass sie als Kind durch Weizenfelder gerannt sei und die Bauern darüber nicht sehr erfreut waren. Eine erschütternd hilflose Antwort, geboren aus dem Missverständnis, es allen recht machen zu wollen.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel war im Jahr 2013 (auch ein Bundestagswahljahr!) beim so genannten Brigitte Talk zu Gast und auch da wurde gefühlig gefragt. So sollte die Kanzlerin beispielsweise Auskunft geben, was sie an Männern attraktiv findet. Merkel reagierte wesentlich souveräner als May. Zunächst blickte sie die Fragestellerin, Brigitte-Chefredakteurin Brigitte Huber, mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Strenge an. Motto: Was ist das denn für eine Frage? Dann kam die schnelle Antwort: „Die Augen!“ Wenig originell aber unverfänglich und in Kombination mit dem Blick durchaus schlagfertig und nicht so an den Haaren herbeigezogen wie Mays Weizenfeld-Episode. Durch den Blick („Was ist das denn für eine Frage?“) machte Merkel körpersprachlich deutlich, dass eigentlich die Frage hier unpassend, weil zu intim, ist. Dadurch war klargestellt, dass ihre anschließende Augen-Antwort nur eine Art Placebo ist. Wer Angela Merkel für humorlos oder unschlagfertig hält, kann sich gerne mal das komplette Brigitte-Video anschauen und sich vom Gegenteil überzeugen lassen.

Im Falle von Theresa May wäre es vermutlich besser gewesen, sie hätte gar nicht erst versucht, auf die „Naughty“-Frage zu antworten. Hätte Sie der Interviewerin die Frage zurückgespielt – nach dem Motto „Was stellen Sie denn hier für Fragen, das verrate ich doch nicht!?“ – wäre sie deutlich besser aus der Nummer herausgekommen. Politiker wirken vor allem dann peinlich, wenn sie versuchen, etwas anderes darzustellen, als sie sind. Das ist eine Binse aber in der Medien-Realität nicht unbedingt leicht umzusetzen. Siehe Theresa May und ihre Weizenfeld-Anekdote.

Jemand, der in der deutschen Politik Fremdschäm-Momente in Serie produziert, ist Bundes-Justizminister Heiko Maas (SPD). Maas hielt es für eine gute Idee, seine Beziehung zur Schauspielerin Natalia Wörner 2015 in der Bild-Zeitung öffentlich zu machen. Als wäre das nicht bedenklich genug, stellte sich Maas auch noch für ein begleitendes Video zur Verfügung:

„Unverschämt frech“ sei seine Freundin, die auch mal Model war, wie Maas erwähnt. „Sehr humorvoll“ und „neugierig ohne Ende“ sei sie. Wörner attestiert ihrem Maas-Männchen wiederum, dass er „gut zuhören“ kann und „nachdenklich und hintergründig“ sei. Kontaktanzeigen-Prosa wie sie platter nicht sein könnte. Dass Maas augenscheinlich null Gespür dafür hat, wie er rüberkommt, belegt auch dieses Foto, das er für die Bild am Sonntag 2014 aufnehmen ließ.

Screenshot: Bild.de

Sich als eine Art Bundes-Bachelor ablichten zu lassen, mit Rosenstrauß in der einen und Grundgesetz in der anderen Hand – wem der politische Instinkt nicht sagt, dass das keine gute Idee ist, dem ist nicht zu helfen. Oder hier, als er sich erschreckend hilflos für ein Pantomime-Interview des Redaktionsnetzwerks Deutschland hergab:

Der jüngste Aufreger, dass sich Natalia Wörner die gemeinsame Wohnung (Bunte: „Liebes-Nest“) von einem Möbel-Versender gratis ausstatten ließ, passt in dieser Reihe. Maas hat offenbar in Medienfragen keine oder sehr schlechte Berater.

Wie man cooler peinlich sein kann, zeigte in diesem Jahr FDP-Mann Christian Lindner, als ihm der schreckliche „Orden wider den tierischen Ernst“ angeheftet wurde. Bei dieser fallenreichen Veranstaltung des Aachener Karnevalvereins haben Politiker in der Regel zwei Möglichkeiten: 1. sich in Pseudo-Lustigkeiten und Phrasen retten (Methode Gregor Gysi) oder 2. echte Selbstironie zeigen. Lindner bewies, dass er die schwierige Disziplin der Selbstironie beherrscht, als er betont schief den ollen Milva-Schlager „Hurra, wir leben noch!“ sang.

Sogar der Komödiantin Carolin Kebekus gelang es nicht, den Auftritt zu parodieren, weil Lindner seinen Auftritt ja erkennbar selbst nicht ernst nahm.

Und hier noch ein Beispiel, wie Politiker mit Humor-Attacken des Fernsehens umgehen können, ohne dass es heikel wird. „heute show“-Reporter Lutz van der Horst testete bei diversen Politikern, ob sie etwas mit landläufigen Internet-Abkürzungen wie „LOL“ anfangen können. Heikel wurde es, als er nach der Bedeutung von MILF fragte (Sie wissen schon …). SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz: „Ja gut, das kenn ich natürlich, klar!“ Und lacht. Er musste es gar nicht aussprechen. Seine gut gelaunte und schnelle Reaktion machte weiteres Nachbohren überflüssig.

Die banale Erkenntnis: Wer als Politiker schlagfertig und/oder originell ist, darf dies gerne ausspielen. Wer es nicht ist, sollte es allerdings nicht versuchen zu sein. Das geht dann eigentlich immer in die Hose. Siehe Heiko Maas und Theresa May.

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