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Eklat um rechtes Sachbuch „Finis Germania“: Spiegel-Chef Brinkbäumer distanziert sich von eigenem Kultur-Redakteur

Spiegel Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: „Ich habe nach der Lektüre der wesentlichen Kapitel kein Verständnis dafür, dass der Kollege Saltzwedel dieses Buch empfohlen hat“
Spiegel Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: "Ich habe nach der Lektüre der wesentlichen Kapitel kein Verständnis dafür, dass der Kollege Saltzwedel dieses Buch empfohlen hat"

Der Streit um das umstrittene Buch „Finis Germania“ von Rolf Peter Sieferle klärt sich – allerdings mit einer unangenehmen Note für den Spiegel. Nach dem der NDR aus Protest über die Platzierung des Essay-Bändchens seine Zusammenarbeit mit der „Sachbücher des Monats“-Jury aussetzte, ist nun klar, wer das Werk überhaupt in das Ranking wählte. Es ist der Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel. Chefredakteur Klaus Brinkbäumer distanzierte sich mittlerweile.

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Auslöser des Streites ist das Buch „Finis Germania“ des im Herbst 2016 verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle. In der Liste der „Sachbücher des Monats“, die von der Süddeutschen Zeitung und dem NDR seit gut 15 Jahren veröffentlicht wird, tauchte das umstrittene Werk im Juni-Ranking auf Platz neun auf. Eine 25-köpfige Jury erstellt die Tabelle nach einem Punktesystem. Dabei kommunizieren deren Mitglieder nicht direkt miteinander, um Absprachen zu vermeiden. Dem Gremium gehören unter anderem Autoren und Redakteure der Kulturredaktionen von der FAZ, der Welt oder eben auch des Spiegels an (eine Liste gibt es hier).

Diese Konstruktion sorgte offenbar nun dafür, dass keiner der Jury-Kollegen mitbekam, dass Saltzwedel als einziger das Buch vorgeschlagen und ihm die volle Punktzahl von 20 Punkten gab. Sonst teilen die Kritiker ihre Punkte meist auf bis zu drei Bücher auf.

Gegenüber der NDR-Medienredaktion von Zapp erklärte der Spiegel-Redakteur seine Beweggründe. So habe er „bewusst ein sehr provokantes Buch der Geschichts- und Gegenwartsdeutung zur Diskussion bringen wollen. Sieferles Aufzeichnungen sind die eines final Erbitterten, gewollt riskant formuliert in aphoristischer Zuspitzung. Man möchte über jeden Satz mit dem Autor diskutieren, so dicht und wütend schreibt er.“

Mit seinem Vorschlag habe er auf keinen Fall das Renommee der Sachbuch-Bestenliste beschädigen wollen. Die Verwerfungen bedauert Salzwedel, der zudem ankündigte, aus der Jury auszutreten.

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Mit harschen Worten distanziert sich Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer von dem Voting seines Redaktionsmitgliedes: „Ich habe nach der Lektüre der wesentlichen Kapitel kein Verständnis dafür, dass der Kollege Saltzwedel dieses Buch empfohlen hat“, so Brinkbäumer in einer Meldung in eigener Sache, „und wegen des entstandenen Schadens begrüße ich seinen Rücktritt aus der Jury.“

Bereits am gestrigen Montag hatte der Norddeutsche Rundfunkt erklärt, die Zusammenarbeit mit der Jury auszusetzen, weil „Finis Germania“ „rechtslastige Verschwörungstheorien“ enthalte, „von denen sich NDR Kultur entschieden distanziert“. Weiter erklärt Barbara Mirow, Leiterin von NDR Kultur: „Die Empfehlungen der Jury ‚Sachbücher des Monats‘ waren für unsere Hörerinnen und Hörer stets von hohem Interesse und Wert. Umso mehr bedauern wir die gravierende Fehlentscheidung der Jury“.

Die FAZ kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass das Sachbuch zahlreiche Inhalte enthalte, „die als antisemitisch und rechtsextrem zu verstehen sind“.

Bis zur vollständigen Aufklärung der Frage, wie es zu der Empfehlung der Jury kommen konnte, wollten die Hamburger die Zusammenarbeit mit der Jury aussetzen. Der bisherige Erkenntnisstand inklusive des Saltzwedel-Rücktritts reicht dem NDR allerdings noch nicht, um die Kooperation wieder aufzunehmen. Gegenüber MEEDIA bestätigte der Sender noch einmal, dass NDR Kultur bei seiner Linie bleibe und die Zusammenarbeit mit den „Sachbüchern des Monats“ so lange aussetzte, „bis modifizierte, festgeschriebene Regularien der Juryarbeit Transparenz sicherstellen und Manipulationen wie im Fall des Spiegel-Autors ausschließen.“

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