Anzeige

Medien über Comey vs. Trump: „Noch nie hat ein Präsident so kurz nach Amtsantritt so tief in den Abgrund geschaut“

„Donald Trump hat sich mit dem falschen angelegt“, schreibt etwa die Welt über die Anhörung von Ex-FBI-Chef James Comey
"Donald Trump hat sich mit dem falschen angelegt", schreibt etwa die Welt über die Anhörung von Ex-FBI-Chef James Comey

Droht US-Präsident Donald Trump nach den Aussagen seines ehemaligen FBI-Direktors James Comey das Amtsenthebungsverfahren? Wahrscheinlich (noch) nicht, kommentiert ein Großteil der Medienlandschaft nach der Senatsanhörung am Donnerstag. Doch: "Donald Trump ist moralisch angezählt" (Handelsblatt), seine "Demontage ist eingeleitet" (Süddeutsche Zeitung). Ein Überblick der deutschen Pressestimmen.

Anzeige
Anzeige

„Trumps Demontage ist eingeleitet“, meint Kurt Kister von der Süddeutschen Zeitung:

Die Anhörung des von ihm gefeuerten FBI-Chefs James Comey hat gezeigt, dass es genug Gründe gibt, ein Impeachment-Verfahren gegen diesen Präsidenten zu erwägen, ja zu befürworten. Comey trat überzeugend auf. Wenn die Republikaner im Haus und im Senat auch nur die Hälfte des „Aufklärungs“-Eifers zeigten, den ihre Kollegen zu Zeiten Clintons hegten, dann dürften gerade sie sich der Impeachment-Prozedur nicht verschließen. (…) James Comey hat die Demontage des Donald Trump eingeleitet. (…) Wie es ausgehen wird, ist ungewiss. Aber es hat noch nie einen Präsidenten gegeben, der so kurz nach seinem Amtsantritt bereits so tief in den Abgrund geschaut hat wie Trump.

„Donald Trump hat sich mit dem Falschen angelegt“, urteilt Clemens Wergin von der Welt:

Man kann die Botschaft, die Ex-FBI-Chef James Comey bei seiner Senatsanhörung an Donald Trump geschickt hat, in zwei einfachen Sätzen zusammenfassen: Du hast Dich mit dem Falschen angelegt. Und: Das alles hast Du Dir selbst zuzuschreiben. (…) Bei der Anhörung am Donnerstag zog Comey dann noch einen kleinen Trumpf. Es sei Muellers Job nun herauszufinden, ob Trump sich der Justizbehinderung schuldig gemacht habe, sagte Comey – und machte damit nebenbei deutlich, dass die Russlandermittlungen damit um einen ganzen Komplex erweitert wurden. Die Grube der Russlandermittlungen ist damit noch viel tiefer geworden für Trump. Und gegraben hat er sie vor allem selbst.

Für Heike Buchter von Zeit Online hat sich das Weiße Haus „in eine Version des Celebrity Apprentice“ verwandelt:

Trump und seine Parteifreunde können dennoch zufrieden sein. Es gab keine nachweisliche eindeutige Order an Comey, die Ermittlungen einzustellen. (…) Wenn Trump allerdings glaubte, durch Comeys Entlassung das Thema Russland abhaken zu können, hat er das Gegenteil erreicht. Die Untersuchungen laufen weiter. Es werden weiter Informationen durchsickern, die Presse wird weiter Schlagzeilen bringen. Das Weiße Haus hat sich in eine Version des Celebrity Apprentice verwandelt, jener Show, mit der Trump einst als Reality TV-Star erfolgreich war. (…) Immerhin: Trump hat eine gute Entschuldigung, warum er seine Wahlversprechen nicht angehen kann.

Ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump würden Comeys Aussagen nicht befeuern, doch „Dunkle Wolken über Washington bleiben“, meint Andreas Horchler von tagesschau.de:

Wer (…) die umgehende Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Donald Trump erwartet hatte, musste enttäuscht sein. Abgesehen davon, dass sich die dunklen Wolken nun eher über Washington festsetzen als sich verziehen werden: US-Präsidenten nehmen keinen Einfluss auf FBI-Chefs und ihre Arbeit! „Unprecedented“, heißt es einmal wieder, noch nie dagewesen. Wie so oft in der jungen Präsidentschaft Donald Trumps. (…) Trumps Gespräche enthüllen ein Verhalten, dass eines Präsidenten nicht würdig ist und juristisch wenigstens hoch fragwürdig ist. Comey hat Trump also keinen Dolch in den Rücken gestoßen. Aber er hat eine Tür geöffnet. (…) Impeachment? Jetzt nicht. Aber die Russlandermittlungen gehen jetzt erst richtig los.

Anzeige

Auch Axel Postinett vom Handelsblatt meint: Trumps ist „Angezählt, aber nicht am Boden“:

Den formaljuristischen Test hat Donald Trump an diesem historischen Donnerstag bestanden. Es gab in der Anhörung des Ex-FBI-Chefs James Comey keine neuen oder konkreten Hinweise auf eine Behinderung der Justiz durch den Präsidenten oder eine Anweisung an das FBI, Ermittlungen einzustellen. (…) Den Charaktertest hat Trump hingegen nicht bestanden. Sein Bild als notorischer Lügner, entstanden durch viele Vorfälle im Wahlkampf und während seiner Präsidentschaft, wurde weiter gefestigt.

„Trump stürzt nicht so schnell“, kommentiert Christoph von Marschall für den Tagesspiegel (kostenpflichtig):

Man muss nicht gleich über Impeachment spekulieren. Amerikas Demokratie ist über zweihundert Jahre alt und noch nie gab es eine erfolgreiche Amtsenthebung. Irgendwann kommt gewiss das erste Mal; Donald Trump tut einiges für die Premiere. Aber dafür müsste das Abgeordnetenhaus beschließen, Trump anzuklagen. Dort haben die Republikaner die Mehrheit, und die haben sich noch nicht von ihm abgewandt. (…) Für Republikaner wird es, selbst wenn sie nicht an Impeachment denken, immer schwieriger, Trumps Agenda im Kongress zu unterstützen. Immer mehr Bürger betrachten diesen Präsidenten mit Misstrauen. Das nimmt wohl zu, wenn – vorhersehbar – weitere Informationen aus dem nicht öffentlichen Teil der Comey-Anhörung bekannt werden.

„Ob dem Präsidenten das politisch zum Verhängnis wird, steht auf einem anderen Blatt“, meint Nikolas Busse von der FAZ. Nichts desto trotz: „Trump hat die Grundprinzipien nicht begriffen“:

Was James Comey (…) über seine Gespräche mit dem Präsidenten berichtet, ist beunruhigend, aber leider nicht überraschend. Trump folgt im Weißen Haus immer noch seinen Instinkten als Geschäftsmann, denn er hat Comey nicht viel anders behandelt als einen leitenden Angestellten. (…) Trump sieht sich als CEO Amerikas, nicht als Inhaber eines politischen Amtes, dessen Macht durch die Verfassung begrenzt wird. (…) Solange der Präsident politische Energie in die Bewältigung seiner Krise stecken muss, fällt Amerika in noch größerem Maße als internationaler Ordnungsfaktor aus, als es ohnehin schon der Fall ist.

Für Barbara Junge von der taz haben sich mindestens die „politischen Parameter“ verschoben:

Wie weit haben sich die politischen Parameter in den Vereinigten Staaten in diesem knappen halben Jahr der Ära Trump schon verschoben? (…) Die Aussage Comeys war ein Muss auf der Agenda insbesondere derjenigen, die jeden Tag wünschen, hoffen und vielleicht auch dafür kämpfen, dass dieser Präsident früher als in vier Jahren einmal Vergangenheit sein könnte. Comey erfüllt die Erwartungen. Er bezichtigt den amtierenden Präsidenten der Lüge, Trump habe über die Gründe für Comeys Entlassung die Unwahrheit gesagt. (…) Und während die republikanischen Senatoren Comey verbal in die Ecke zu treiben versuchen, gieren die Demokraten nach mehr Stoff aus dem Hause Trump. Es ist, als ob die Demokratischen Staaten von Amerika kurz vor dem Er­stickungstod stünden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige