Die kunterbunten Yellow-Press-Spekulationen der Bauer-Chefs

Wo haben sich hier die Fake-News versteckt?
Wo haben sich hier die Fake-News versteckt?

Beim-Social-Media Team der FAZ verwechseln sie Fakten-Berichterstattung mit einer Meinungsäußerung. Bei kress.de feiern sich Bauer-Chefs für ihre grotesk verdrehten Yellow-Geschichten. Und Harald Schmidt testet aus, wie weit er mit seiner „Spiegel Daily“-Kolumne gehen kann, bevor er gefeuert wird. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Zu Beginn dieser Woche machte ein Video die Runde im Social Web, das eine Gruppe von muslimischen Demonstranten zeigte, die den jüngsten Terror-Anschlag in London verurteilten. Es war ein kleines Grüppchen, das von TV-Kameras und Foto-Journalisten gefilmt wurde. So entstand der Eindruck, der Protest sei für die Medien gestellt und inszeniert worden. Die scheinbare Geschichte wurde von rechten Kreisen, der AfD aber auch Boulevardmedien in reißerischer Manier aufgegriffen. Michael Hanfeld von der FAZ fragte für seinen Artikel bei einem Journalisten nach, der vor Ort war. Ergebnis: „Die kleine Gruppe war mit ihren Plakaten unterwegs und suchte selbstverständlich die Aufmerksamkeit von Journalisten. Anzunehmen, es handele sich um bezahlte Statisten oder jemand habe sich die Mühe gemacht, Schauspieler zu engagieren, sei ‚Spinnerei‘.“ Laut CNN habe die Polizei in London den Demonstranten erlaubt, sich einen Weg an der Journalistengruppe vorbeizubahnen, damit sie ihre Plakate zeigen konnten. Dabei seien die Demonstranten gefilmt worden.

Soweit so gut. Dass es aber auch für die FAZ nicht ganz einfach ist, sich im Dickicht der grassierenden Fake-News-Vorwürfe zurechtzufinden, zeigte die anschließende Diskussion bei Facebook zu dem Artikel. Der Text wurde von einigen Zeitgenossen scharf kritisiert, die die rechte Scharfmacherei für bahre Münze genommen hatten. Das Social-Media-Team der FAZ reagierte, indem man darauf verwies, die „Debatte“ um die Demo sei eine Schlagzeile wert, bzw.: „Niemand zwingt Sie, diesen Artikel zu lesen, wenn er Ihnen nicht gefällt. Wir sind uns sicher, dass Sie auf faz.net andere Artikel finden, die Sie glaubwürdiger finden.“ Oder auch: Sie müssen sich von gar nichts „verkaufen lassen“. „Dieser Artikel stammt von unserem Kollegen Michael Hanfeld und es steht Ihnen frei, ihm zuzustimmen – oder auch nicht.“

Die Reaktionen der FAZ sind hier sicherlich gut gemeint, gehen aber an der Sache vorbei. Das Social-Media-Team tut gerade so, als gehe es um eine Meinungsäußerung von Hanfeld in einer Debatte. Es stehe frei, dem zuzustimmen oder nicht. Das ist es aber ja gerade nicht, worum es geht. Hanfeld hat schlicht recherchiert und jemanden gefragt, der vor Ort war. Ergebnis: Die muslimischen Demonstranten waren echt. Die Behauptungen der Inszenierung sind falsch. Punkt. Aus. Das hat nix mit Meinung oder Debatte zu tun.

Bei meinem früheren Arbeitgeber kress haben sie eine Art Special veröffentlicht, in dem es unter anderem darum geht, wie die Bauer-Journalistenschule die Yellow-Ausbildung „professionalisiert“. Ja, Sie haben richtig gelesen. Da stehen nun drei Interviews mit Yellow-Chefs aus dem Hause Bauer und ein Gastbeitrag von Bauer-Verlagsgeschäftsführer Ingo Klinge, der meint: „Yellow ist viel mehr als Klatsch und Tratsch“. Ich dachte bisher, Yellow bedeutet vor allem Lug und Trug. Ist aber gar nicht so, jedenfalls wenn man den Worten der Chefredakteure Roland Hag (Neue Post), Dittmar Jurko (Stars & Stories Experts) und Petra Hansen-Blank (Das Neue Blatt) folgt. Der Herr Hag sagt in dem Interview auf die Frage von kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük tatsächlich:

kress.de: Was sagen Sie eigentlich Kritikern, die Yellows vorwerfen, die Welt nur kunterbunt zu sehen und Storys überspitzen und nicht richtig wiedergeben?

Roland Hag: Wer sagt denn, dass die Welt nicht kunterbunt ist? Und was heißt kunterbunt überhaupt? Vielseitig, unterschiedlich und voller Überraschungen? Dann ist auch Neue Post kunterbunt. Manchmal füttern wir die Geschichten mit Spekulationen an. Aber das sind glaubhafte Spekulationen mit einem wahren Anlass. Es ist einfach falsch und sehr arrogant, pauschal zu behaupten, dass bei uns alles nur erlogen sei. Aber lassen sie mich mal arrogant sein: Wir können gerne mal unsere Auflagenzahlen mit denen unserer Kritiker vergleichen… Das heißt natürlich nicht, dass uns die Masse immer jedes Recht gibt, aber wir haben eine größere Berechtigung im Markt, als es viele der selbstgerechten Kritiker wahrhaben wollen.

Tja, jaha, was will man da noch sagen? Ich erspare mir anlässlich des putzigen Wortes „kunterbunt“ jetzt mal die naheliegenden Pippi-Langstrumpf-Vergleiche („widde, widde“ usw.). „Überspitzt“ ist natürlich auch ein wunderbarer Euphemismus des Fragestellers für „dreist verbogen“. Nehmen wir nur einmal dieses ganz besonders krasse Beispiel aus der Neuen Post, die Herr Hag verantwortet. Da hatte sich der britische Prinz Harry öffentlich über die Lügengeschichten der britischen Boulevardpresse über seine Freundin Meghan Markle beklagt. Er erklärte, er sei „besorgt um die Sicherheit“ seiner Freundin und „tief enttäuscht, dass er sie nicht schützen konnte“. Also im Sinne von: Nicht vor der Yelllow-Press schützen konnte. Er verband seine Erklärung mit der Hoffnung, „dass diejenigen in der Presse, die die Geschichte angetrieben haben, innehalten und reflektieren, um weiteren Schaden zu verhindern.“

Und das macht die Neue Post, das kunterbunte Spekulationsblatt des Herrn Hag, aus dieser Erklärung:

Die Zeilen klingen sachlich, doch sie sind hochbrisant. Der Kensington-Palast teilte mit: „Prinz Harry ist besorgt um die Sicherheit von Miss Meghan Markle. Er ist sehr enttäuscht, dass es ihm nicht möglich ist, sie zu beschützen.“ Sorge? Beschützen? Diese Worte sind doch typisch für einen werdenden Vater. Zwischen den Zeilen scheint der königlich-britische Hof somit zu bestätigen: Prinz Harry wird Vater!

Zitiert nach „Topfvollgold“ bei Übermedien.de. Das hier war die entsprechende Titelseite:

Wie sagte der Chefredakteur doch zu Ürük: „Es ist einfach falsch und sehr arrogant, pauschal zu behaupten, dass bei uns alles nur erlogen sei.“ Da hat er wohl recht. Immerhin finden sich in der Neuen Post auch Kochrezepte, die mutmaßlich stimmen könnten. Stories wie jene grotesk verdrehte Titelgeschichte über Prinz Harry sind aber kein Einzelfall, sondern die Regel im Segment der Yellow-Press. Dass man mit so viel Niedertracht und Skrupellosigkeit Auflage macht, ist das eine. Dass man da augenscheinlich auch noch stolz drauf ist, das macht dann schon ein wenig sprachlos.

Die Video-Kolumne von Harald Schmidt sollte eines der Highlights von Spiegel Daily sein, dem noch frischen Bezahlangebot des Spiegel. Langsam muss man sich aber fragen, ob der Herr Schmidt die Spiegel-Leute nicht veralbern will. So zeichnete er eine Folge in einem Café an der Kölner Domplatte auf, bei der der Ton derartig verrauscht und übersteuert war, dass man kaum ein Wort verstanden hat. Der Hintergrund- und Verkehrslärm tat sein Übriges. Der Ton war in der Tat so katastrophal schlecht, dass selbst Amateure wohl von einer Veröffentlichung Abstand genommen hätten. Danach hat sich Schmidt ein Ansteckmikro gekauft und bestritt die komplette nächste Kolumne mit einer weitgehend inhaltsfreien Erzählung dieses Kaufvorgangs. Und in der darauffolgenden Kolumne ließ er sich am Steuer seines Jaguars u.a. darüber aus, dass er das Video nunmehr im Breitformat aufnehme, was ihm eine Redakteurin geraten habe. Falls es noch eines Belegs bedurft hätte, dass Schmidt auserzählt ist, hier ist er. Vielleicht ist es aber ja auch ein subversives Experiment, wie weit er es mit seiner Kolumne treiben kann, bevor man ihn feuert.

Schönes Wochenende!

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