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Trotz durchwachsener Innovations-Bilanz: Spiegel schüttet wieder kräftig Geld an Gesellschafter aus

Gut 26 Millionen Euro Gewinn machte der Spiegel im vergangenen Jahr unter Geschäftsführer Thomas Hass. Nun soll offenbar ein Großteil davon an die Gesellschafter ausgezahlt werden
Gut 26 Millionen Euro Gewinn machte der Spiegel im vergangenen Jahr unter Geschäftsführer Thomas Hass. Nun soll offenbar ein Großteil davon an die Gesellschafter ausgezahlt werden

Die stillen Gesellschafter des Spiegel können sich freuen. Nachdem sie im vergangenen Jahr aufgrund des Gewinneinbruchs nur eine spärliche Einheitszahlung erhalten haben, kehrt das Medienhaus zu seiner Vollauschüttungspolitik zurück. Und dies, obwohl Gesamt-Chef Thomas Hass bislang keine wirtschaftlich aussichtsreichen Innovationen vorweisen kann, die dringend benötigtes Wachstum bringen sollen.

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Wenn Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass eine Bilanz seiner bisherigen Innovationsstrategie aufstellen müsste, würde die wenig beeindruckend ausfallen. Erst stampfte der ehemalige Leiter der Vertriebssparte und Chef der Mitarbeiter KG-Geschäftsführung das Best Ager-Magazin Spiegel Classic schon nach einer Testausgabe wieder ein, jetzt droht dem zweiten Hoffnungsträger Spiegel Fernsehen das Aus. Denn bei Testverkäufen in Hessen kam die TV-Zeitschrift offenbar nicht sehr gut an (MEEDIA berichtete). Es gilt daher als unwahrscheinlich, dass Hass das Produkt bundesweit in die Kioske schickt, heißt es von Insidern.

Unklar ist, ob Spiegel Daily die Innovations-Bilanz aufbessert. In der Branche und hausintern mehren sich die Zweifel, ob die tägliche Digitalzeitung wirtschaftlich dauerhaft ein Erfolg werden kann. Zwar beteuern die Spiegel Daily-Macher, bei den Verkaufszahlen des Webprodukts liege man im Plan. Doch Diana Degraa, Geschäftsführerin der zu Serviceplan gehörenden Agentur plan.Net Hamburg, schätzt die Aussichten eher düster ein. „Das Spiegel Daily-Angebot gibt es im Dschungel der täglichen Newsletter jetzt zwar on top – ob allerdings der Bedarf in einer breiten Leserschaft inklusive umständlicher Bezahlhürde besteht, mag man bezweifeln. Es ist gut aufgemacht, aber das sind etablierte, freie Dienste bislang auch“, meint die Expertin gegenüber MEEDIA. So böten kostenlose Newsletter und Dienste den Lesern schnell eine gute Übersicht über tagesaktuelle Themen. Degraa: „Alternativ öffnet man statt der Web-Applikation von ‚Spiegel Daily‘ eben direkt die Homepage seiner Lieblingstitel oder nutzt Twitter oder Facebook, um ihnen dort zu folgen und Inhalte direkt im persönlichen Stream zu sehen“.

Derzeit hält sich die Werbeindustrie mit Buchungen für die „smarte Abendzeitung“ zurück, da den Mediaagenturen verlässliche Daten fehlen. „Reichweiten (Abonnenten), Werbeformate, TKPs, Zielgruppen etc. können derzeit (noch) nicht wirklich im Rahmen einer wirksamen Planung angeboten werden. Da uns Wirkungsdaten momentan noch fehlen beziehungsweise wir andere, etablierte Portale und Plattformen bereits gut für Reichweitenkommunikation einschätzen und einsetzen können, bleibt die Durchsetzungskraft eines solchen Angebotes abzuwarten“, meint die plan.Net-Chefin gegenüber MEEDIA.

Doch Verlagschef Hass scheint dies wenig zu beirren. Obwohl der Innovationsmotor erkennbar stottert, will die Geschäftsführung demnächst einen großen Teil des Jahresüberschusses aus 2016 ausschütten. Im Spiegel-Haus ist die Rede von einem Betrag von mehr als 15 Millionen Euro, erfuhr MEEDIA aus Unternehmensreisen. Der Gewinn wird aus dem Jahresüberschuss des Spiegel-Verlags gezahlt. Im vergangenen Geschäftsjahr hatte das Medienunternehmen in der Gruppe einen Nachsteuergewinn von 26,4 Millionen Euro erwirtschaftet. Weder die Mitarbeiter-KG noch der Verlag wollten sich hierzu auf Anfrage äußern.

Damit könnte der Ausschüttungsbetrag an die stillen Gesellschafter deutlich höher als im Vorjahr ausfallen. Im vergangenen Jahr hatte ihnen der Verlag lediglich einen spärlichen Betrag von 690.000 Euro überwiesen. Dies waren pro Kopf 913 Euro. Grund für die magere Dividende war ein stark rückläufiger Jahresüberschuss in 2015 von lediglich 1,8 Millionen Euro. Hohe Aufwendungen für Restrukturierungen hatten das Nachsteuerergebnis schwer belastet. Jetzt hat sich das 2016er-Ergebnis deutlich verbessert, da der Verlag die Belastungen der Vergangenheit abgeschüttelt hat.

Die Ausschüttung an die stillen Gesellschafter erfolgt nach einem ausgeklügelten Punktesystem, das die Betriebszugehörigkeit und das Jahresgehalt berücksichtigt. Generell steht den stillen Gesellschaftern mehr als 50 Prozent des Gewinns zu. In früheren, guten Geschäftsjahren kamen bei einigen stillen Gesellschaftern so satte Beträge in fünfstelliger Euro-Höhe an. Das ist in der europäischen Medienlandschaft einzigartig. „Mitverantwortung, Mitentscheidung und ein Anspruch auf die Hälfte des Gewinns zählen seither zu den Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter und prägen das Klima im Haus“, lobt der Verlag die einzigartige Konstruktion auf seiner Webseite. Zu verdanken haben die stillen Gesellschafter den Geldsegen dem Gründer Rudolf Augstein, der Redakteure, Dokumentationsjournalisten und Verlagsangestellte mittels einer Schenkung 1974 am Unternehmen beteiligte.

Doch die Dividendenpolitik beim Spiegel steht seit Jahren in der Kritik. Denn in den Genuss der Extrazahlungen kommt nur ein Teil der Belegschaft, überwiegend Print-Redakteure und Verlagsangestellte. Mitarbeitern der Digitalsparte, die eigentlich für die unternehmerische Zukunft steht, sind ebenso wenig stille Gesellschafter wie die Kollegen von Spiegel TV. Ihnen entgehen damit nicht nur die Sonder-Ausschüttungen, sondern sie sind bei wichtigen Entscheidungen des Mehrheitsgesellschafters auch nicht stimmberechtigt.

Zudem hat das Unternehmen in erfolgreichen Jahren kaum Rücklagen gebildet. Der Gewinn wurde bis auf die Ausnahme in 2016 stets komplett an die Gesellschafter ausgeschüttet. Dabei gelten Vollausschüttungen in der deutschen Wirtschaft eher als Ausnahme. Sie schränken den finanziellen Spielraum für Investitionen ein. Vor allem mittelständische Unternehmen sind bemüht, ihre Gewinne zu thesaurieren, also wieder an die Gesellschaft auszuschütten. Damit wappnen sich die meist inhabergeführten Firmen für schlechtere Zeiten. Ein Umdenken scheint beim Spiegel-Verlag und den Gesellschaftern – darunter der Mitarbeiter-KG mit 50,5 Prozent Mehrheitsgesellschafter beim Spiegel – nicht in Sicht. Unbeirrt macht alle Beteiligten weiter, als ob das traditionsreiche Haus vom dramatischen Wandel in der Medienlandschaft völlig unberührt wäre.

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Alle Kommentare

  1. So sehr ich den SPIEGEL mag, ohne mich auf ein Format festlegen zu wollen, so riskant und ggf. auch kurzsichtig ist die Tatsache, dass voll ausgeschüttet wird.
    Es erinnert an ein kleines Kind: „Nehmen, bevor unklar wird, was ich später bekomme.“
    Gerade Häuser wie der SPIEGEL werden es in der Zukunft schwer haben. Immer weniger, leider, sind bereit, für detailreiche Artikel zu bezahlen.
    Wie oft sehe ich ratlose Blicke, wenn ich von meinem Print-SPIEGEL-Abo berichte…., leider.

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