HomePod, iMac Pro, ARKit & Co: Apple kauft sich mit Ankündigungsfeuerwerk erneut Zeit

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Rüstet Apple für die Zukunft: CEO Tim Cook auf der WWDC 2017 © Apple

So viele Produktvorstellungen wie auf der diesjährigen WWDC gab es selten in Cupertino: Apple stellte gleich sechs neue Produkte vor – dreimal ein neues Betriebssystem (iOS 11, macOS 10.13, watchOS 4) und dreimal neue Hardware (iPad Pro, iMac Pro, HomePod). Allein: Bis auf das neue iPad Pro in 10,5 Zoll, das in der kommenden Woche erhältlich sein wird, müssen Apple-Fans viele Monate auf die neuen Produkte warten – in Deutschland gar bis 2018. Immer öfter vertröstet Konzernchef Cook seine treuen Anhänger mit Ankündigungen statt neue Produkte zu liefern.

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Die Überraschung ist Tim Cook gelungen. Ein iPad mit einem neuen Formfaktor, eine iMac Pro-Ausführung und damit eine ganz neue Geräteklasse und obendrein mit dem smarten Lautsprecher HomePod eine ganz neue Produktkategorie – so viele Neuheiten hat Apple seit Jahren nicht auf einer Keynote präsentiert, schon gar nicht auf der Entwicklerkonferenz WWDC, auf der traditionell Software im Vordergrund steht.

Allein: Apple-Fans bleibt trotzdem – es sei denn, sie haben 729 Euro für die Einstiegsversion des iPad Pro mit 10,5 Zoll Display über – nichts anderes mehr übrig, als sich monatelang in Geduld zu üben. Die neuen Betriebssysteme, iOS 11 für iPhone und iPad, macOS High Sierra für iMac und die MacBooks und watchOS 4, und die AR-Plattform ARKit dürften im September (in drei Monaten also) erscheinen – das war auch in der Vergangenheit so.

Verfrühte Ankündigungen: Der Wall Street zeigen, dass Apple noch Innovationen mit Wow-Faktor liefern kann

Auf die beiden eigentlichen Highlights müssen Apple-Kunden indes wohl zumindest ein halbes Jahr warten: Der iMac Pro also auch der smarte Lautsprecher HomePod wurden erst für den Dezember angekündigt.  Was hat Apple nun davon, im Juni Produkte anzukündigen, die im Dezember erscheinen – und dann sogar nur in wenigen Ländern (der HomePod kommt lediglich in den USA, Großbritannien und Australien)? Die Weihnachtssaison ist im Dezember größtenteils gelaufen, beide Neuheiten fallen in der Apple-Bilanz, die zu zwei Dritteln vom iPhone bestimmt wird, ohnehin in den Nischenbereich.

Warum also verpulvert Cook seine Munition, wenn beide Produkte zeitlich viel besser auf eine September (iPhone 8) oder Oktober-Keynote (im letzten Jahr wurde das neue MacBook Pro vorgestellt) gepasst hätten? Weil Cook nach quälend langen Jahren, in der der CEO mit marginalen Produktoptimierungen (das aktuelle iPhone sieht auch nach drei Updates so aus wie die 2014er-Version, die iMac-Reihe hat sich im Design seit 2012 nicht verändert, das MacBook Air gleicht fast immer noch dem Prototyp von 2008) den Erfolg verwaltet hat, der Techbranche und vor allem der Wall Street jedoch zeigen möchte, dass Apple noch Innovationen mit Wow-Faktor liefern kann.

Die Medizin wirkt zumindest halbwegs. Anders als in den vergangenen neun Jahren, als Apple immer nach der Entwicklerkonferenz WWDC an der Wall Street schwächer tendiert hat, hält sich die Aktie bei 155 Dollar in diesen Tagen immerhin auf dem Vor-WWDC-Niveau.

Apple Watch und AirPods mit verzögerten Auslieferungen

Produkt-Ankündigungen mit einem fast irrwitzigen Zeithorizont gehören in der Tim Cook-Ära inzwischen längst zur Normalität. Die Apple Watch etwa wurde Anfang September 2014 auf der iPhone 6-Keynote angekündigt und kam nach einem skurrilen Launch erst Ende April des nächsten Jahres vereinzelt in den Handel – die meisten Interessenten mussten bis Mai oder Juni auf ihr Modell warten, also 8 oder 9 Monate nach der Ankündigung.

Nur unwesentlich besser verlief der Launch für die im September vergangenen Jahres für Ende Oktober angekündigten neuen Drahtlos-Kopfhörer AirPods, die sich ebenfalls immer weiter verzögerten und für Erstbesteller vereinzelt gerade mal wenige Tage vor Heiligabend auf den Markt kamen.

Deutsche Apple-Fans warten seit Jahren auf Apple Pay und Apple News

Nach den jüngsten Launch-Erfahrungen spricht also einiges dafür, den Verkaufszeitpunkt Dezember mit Skepsis zu betrachten. Deutsche Apple-Kunden müssen traditionell ohnehin länger warten (und traditionell mehr zahlen).  Der HomePod erscheint hierzulande nicht vor 2018, während Apple-Fans in der Bundesrepublik auf andere Launches sogar seit vielen Jahren warten.

Der Bezahldienst Apple Pay wurde im Herbst 2014 angekündigt und ist in der 82 Millionen Einwohner-Republik bis heute, fast drei Jahre nach der Präsentation, noch immer nicht erschienen. Das gleiche Schicksal ist der mit viel Brimborium vor zwei Jahren angekündigten Nachrichten-App  bislang beschieden: Apple News konnte zwar vor wenigen Tagen mit der New York Magazine-Redaktionsleiterin eine prominente Verpflichtung als Chefredakteurin  vermelden, ist bislang aber nicht über den englischsprachigen Raum (USA, Großbritannien, Australien) herausgekommen.

M.G. Siegler: „Zeichen von Müdigkeit, Schlamperei und Mangel an Fantasie bei Apple“

So schrumpft das Produktfeuerwerk der WWDC bei zweiter Betrachtung zum Ankündigungsfeuerwerk zu PR-Zwecken. Gleichzeitig offenbaren die zahlreichen langgestreckten Ankündigungen und dann nachfolgenden Verschiebungen, mit welcher Mühe Tim Cook dem 120.000 Mitarbeiter schweren Tech-Koloss noch Innovationen abringen kann.

Alles dauert immer länger, kommt später und ist dann doch nur ein Me-too-Produkt: Das ist das Los von reifen Megakonzernen. Apple-Mitgründer Steve Wozniak hatte deswegen vor Wochen bereits seine Skepsis geäußert, dass die nächste bahnbrechende Innovation noch aus Cupertino kommen könne.

Wagnisfinanzierer M.G. Siegler fällte unmittelbar vor der WWDC ein noch härteres Urteil: „Ich sehe Apple in diesen Tagen als ein Unternehmen, das Zeichen von Müdigkeit, Schlamperei oder – schlimmer noch: – den Mangel an Fantasie besitzt“, so der frühere TechCrunch-Kolumnist in einem Beitrag bei Medium.

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