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Umbau bei der New York Times: Wieso die Zeitung Redakteure loswerden will und sich von ihrer Ombudsfrau trennt

Medienmacher im digitalen Wandel: Dean Baquet ist Chefredakteur der New York Times
Medienmacher im digitalen Wandel: Dean Baquet ist Chefredakteur der New York Times

Die New York Times arbeitet weiter an ihrem radikalen Wandel und kündigt weitere Personalmaßnahmen an: Mit freiwilligen Abfindungsangeboten will das Traditionsunternehmen nun Redakteure loswerden. Die freiwerdenden Mittel sollen aber nicht eingespart werden, sondern in den Ausbau des Reporterstamms fließen. Die Zeitung wolle so Doppelstrukturen abbauen und ihre eigentliche Kompetenzen stärken, heißt es.

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Es ist ein ungewöhnliches langes Memo, das Times-Chefredakteur Dean Baquet seinen Mitarbeitern geschrieben hat – es geht um nicht weniger als um die Zukunft der Zeitung, die keine mehr sein will beziehungsweise aufgrund des digitalen Wandels nicht mehr nur eine Zeitung sein kann. Ein Wandel, der erneute Konsequenzen für das Personal hat.

Die New York Times, einflussreichste Zeitung der USA und damit eines der einflussreichsten Medien weltweit, will sich mithilfe von freiwilligen Abfindungsangeboten von zahlreichen ihrer Redakteure trennen. Nicht aber, um Kosten zu kappen und Einsparungen vorzunehmen, sondern – wie Baquet beteuert – um wieder ein Gleichgewicht herzustellen. Die freiwerdenden Mittel sollen in den Ausbau der Reporterteams fließen. Die Times will weniger Schreibtischjournalisten, mehr Rechercheure und Autoren. „Unsere Zukunft hängt von Geschichten, wie der über Bill O’Reilly oder den täglichen Exklusiv-Geschichten aus dem Weißen Haus, ab…“, schreibt Baquet weiter.

100 neue Reporterstellen will die Times so schaffen. Vor allem im Newsroom will Baquet aufräumen. „Wir sollten uns gegenwärtig machen, dass wir während des Aufbaus und Wachstums unseres Digitalgeschäfts noch immer einen Newsroom haben, der auf Basis der gigantischen Margen und nach Bedürfnissen aus der Print-Ära gebaut worden ist.“ Es gibt Positionen und Kompetenzen, die der Chefredakteur im digitalen Zeitalter für nicht zukunftsfähig hält. Unter anderem gemeint sind Redakteure, deren Aufgaben aus dem Kopieren und Einfügen von Texten bestehen, aber auch auf Redakteure, die sich dem digitalen Wandel nicht gewachsen fühlen, will die Times zukünftig verzichten. Die übrigen Desk-Redakteure, die erhalten bleiben, sollen weitere Kompetenzen erhalten und mehr Verantwortung übernehmen. Finden sich nicht ausreichend Redakteure, die den Abfindungsangeboten zustimmen, will die Times im Zweifel entlassen.

Auch wenn die Strategie für neue Erosionen in der Redaktion und Abschiede von Redakteuren sorgen werde, so Baquet, sei sie die Chance, die Zukunft der Times weiter zu stärken. Die Maßnahmen dürfen als Teil der Konsequenzen verstanden werden, die der Chefredakteur gemeinsam mit der Herausgeberfamilie Sulzberger und Geschäftsführer Mark Thompson aus dem vor drei Jahren geleakten Innovation Report gezogen haben. Die Bestandsaufnahme, die als schonungslose Analyse der eigenen Strukturen Beispiel für zahlreiche weitere Analysen in anderen Medienhäusern wurde, ließ für die Sulzbergers nur eine Schlussfolgerung zu: Um zu bestehen, muss der radikale Wandel her.

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Dass dieser zum Teil auch eine Rückbesinnung auf essentielle Kernkompetenzen der Reportertätigkeiten ist, darauf hätte damals wohl nicht jeder gewettet. Die Times hat damit besonders in den vergangenen Monaten deutlich positive Erfahrungen gemacht. Mit dem Aufstieg von Donald Trump als US-Präsident scheint das Bedürfnis der Bevölkerung an qualitativ hochwertiger Berichterstattung und kritischer Einordnung zu steigen. Allein die Times hat im vierten Quartal des vergangenen Jahres, also noch vor der Wahl, rund 25 Prozent neue Digital-Abonnenten gewonnen. Zu Beginn des Jahres wurde der Erfolg noch übertroffen: Mit mehr als 300.000 neuen Abos im ersten Quartal dieses Jahres verzeichnete die Times einen neuen Rekord. Ende März lag die Zahl der kostenpflichtigen Online-Abos mit rund 2,2 Millionen mehr als 60 Prozent über dem Vorjahreswert. Für die Times ist dies eine Entwicklung in die richtige Richtung. Bis 2020 sol­len die Di­gi­ta­l­er­lö­se von 500 auf 800 Mil­lio­nen Dol­lar im Jahr stei­gen. Bis­her lie­gen die Kos­ten der Nach­rich­ten­ma­schi­ne „Times“ je­des Jahr bei 1,4 Mil­li­ar­den Dol­lar, schrieb der Spiegel zuletzt im April.

Neue Wege auch in der Leserkommunikation: New York Times schafft die Ombudsfrau ab

Zusätzlich will die Times auch neue Wege in der Leserkommunikation gehen. Wie ebenfalls in dieser Woche bekannt geworden ist, wird das Medium zukünftig auf seine Ombudsfrau verzichten. Die seit 2003 existierende Kontrollinstanz, die von selbst aktiv wird, an die sich aber auch Leser wenden konnten, ist nach Ansicht der Times-Macher nicht mehr zeitgemäß. Weil die Berichterstattung der Times zunehmend öffentlich stattfindet, beispielsweise bei Twitter kontrolliert und kritisiert wird, halte man ein „reader center“ für sinnvoller, das über sämtliche Kanäle Leserstimmen empfängt und ebendort wieder beantwortet.

„Leser und Follower in den Sozialen Medien funktionieren im Kollektiv als ein moderner watch dog“, schrieb Herausgeber Arthur Sulzberger in einem Memo. Die Entscheidung ist aus deutscher Perspektive dahingehend interessant, weil die Ombudsfunktion durch die Verpflichtung von Ernst Elitz bei Bild gerade erst wieder große Aufmerksamkeit erlangt hat. Die Rolle des Ombudsmannes hatte Julian Reichelt, Vorsitzender der Chefredaktionen bei Bild, als Reaktion auf zuvor zurecht kritisierte Berichterstattung eingeführt. Insgesamt wird die Form der Kontrollinstanz in Deutschland aber recht selten eingesetzt.

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