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Fernsehen für Europa aus zwei Zeitzonen: Arte wird 25 Jahre alt

Am Quai du Chanoine Winterer in Straßburg produziert Arte sein Programm.
Am Quai du Chanoine Winterer in Straßburg produziert Arte sein Programm.

Aus dem Projekt zur deutsch-französischen Verständigung ist mit Arte ein europäischer Sender geworden, der heute seinen 25. Geburtstag feiert. Es läuft. An Grenzen stoßen die Fernsehleute dennoch - mal im Kleinen, mal im Großen. "Wir haben akzeptiert, ein bisschen ein Fernsehsender wie die anderen zu sein", sagt Arte-Sprecherin Claude Savin.

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Am Quai du Chanoine Winterer in Straßburg gibt es zwei Zeitzonen. Hier produziert der europäische Fernsehkanal Arte sein Programm. Gesendet wird nach Deutschland und Frankreich. Es sind dieselben Beiträge, dieselben Filme. Aber nicht nur die Sprachen sind verschieden, sondern auch die Ausstrahlungszeiten. Nach dem Mittagsjournal verschieben sich die Sendepläne Minute für Minute – hin auf eine unterschiedliche Primetime: Für die Deutschen startet das Hauptprogramm um 20.15 Uhr, für die Franzosen um 20.55 Uhr.

Gestartet ist Arte vor 25 Jahren für die Zuschauer beider Nationen zur selben Zeit: am 30. Mai 1992 um 17 Uhr. Mit einem Eröffnungsabend begann das zweisprachige Programm. Gesendet wurde damals aus der Innenstadt Straßburgs. 2003 bezog Arte ein neues Gebäude im Europaviertel der elsässischen Grenzstadt, in unmittelbarer Nähe EU-Parlament und Europarat. Das sollte die Botschaft vermitteln: Wir stehen nicht nur für die deutsch-französische Verständigung, sondern auch für Europa.

An einem Vormittag im Frühling plant dort im Erdgeschoss die Redaktion des Arte-Journals ihre Sendung. Und die Themen sind in der Tat europäisch: die französische Präsidentschaftswahl, der Auftritt des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban im EU-Parlament. Mitten in die Planungen kommt die Meldung, dass in der Türkei 1000 mutmaßliche Gülen-Anhänger festgenommen worden seien. „Wir machen entweder Korea oder Türkei“, sagt Redaktionsleiterin Carolin Ollivier zum Schluss.

Bei der Auswahl der Themen sei relevant, was für die Zuschauer in beiden Länder und europaweit interessant sein könnte, sagt Nachrichten-Chefredakteur Marco Nassivera. Der Journalist hat von Beginn an für Arte gearbeitet. Mittlerweile habe er angefangen, ein bisschen wie die Deutschen zu denken. „Wenn ich Kollegen anderer Sender besuche, fühle ich mich merkwürdig deutsch.“

Ein europäischer Sender wird das ursprünglich deutsch-französische Projekt durch Kooperationen mit öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten etwa in Irland, Griechenland, Finnland und Italien. Das kann zur Herausforderung werden – ganz wie das Projekt Europa auf politischer Ebene. Die Probleme treten fast parallel auf: So liegt die Zusammenarbeit mit Polen seit 2016 wegen der umstrittenen Medienreform in dem Land auf Eis. Und auch mit Griechenland gab es eine schwierige Phase, als im Zuge von Sparmaßnahmen der Staatssender ERT abgeschaltet wurde.

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Ins Arte-Journal schafft es am Abend die Türkei. Es folgt eine Reportage über die kroatische Adriaküste als neue Partylocation von Europas Jugend. In der Primetime läuft ein norwegischer Film. Die Hauptdarstellerin reist auf der Suche nach dem Gewicht des Kilos mit einer Referenz-Kilo-Urne unterm Arm nach Paris, um sie dort mit dem Kilo-Urtyp abzugleichen.

Klingt abgefahren? Früher hatte Arte da noch mehr auf Lager. „Wir haben mal einen blauen Abend gemacht. Erinnerst du dich?“, fragt Nassivera seine Kollegin, Arte-Sprecherin Claude Savin. „Das war eineinhalb Stunden lang ein blauer Bildschirm.“ Ja, sie erinnert sich. Es habe einen Erzähler mit einer „wunderbaren Stimme“ gegeben, aber auf dem Bildschirm passierte … nichts („Bleu“, Derek Jarman, 1993). „Wir haben das zur Primetime gesendet“, sagt Nassivera und scheint es kaum mehr glauben zu wollen. „Das war ein Museumsfilm.“ So etwas mache Arte heute nicht mehr. „Wir haben akzeptiert, ein bisschen ein Fernsehsender wie die anderen zu sein“, sagt Savin.

Beim Thema Experimente muss man noch einmal auf die Sache mit der Primetime zurückkommen. Bevor der Sender hinnahm, dass Deutsche den Hauptfilm des Abends um 20.15 Uhr erwarten und Franzosen erst eine Dreiviertelstunde später, versuchten sie es mit einem eigenen Hauptsendeplatz dazwischen. Aber so einfach ließen sich die Sehgewohnheiten in den beiden Ländern nicht verändern: Was für die Deutschen schon zu spät war, war für die Franzosen immer noch zu früh.

Am Ende schalten so oder so verhältnismäßig wenig Menschen ein. Der Marktanteil von Arte liegt in Deutschland stabil bei einem Prozent. Es bleibt eben ein ambitioniertes Projekt von und für überzeugte Europäer: „Es ist ein sich völliges Öffnen gegenüber einer Person, die ein wirklicher Europäer ist“, sagt Nassivera. „Das sind jetzt große Worte. Aber das ist wirklich wahr.“

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