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Erneuter Print-Flop nach dem Aus von Classic? Spiegel Fernsehen beim Markttest offenbar durchgefallen

Geschäftsführer Thomas Hass, Print-Testballon Spiegel Fernsehen: schneller K.o. für das Programmie von der Ericusspitze
Geschäftsführer Thomas Hass, Print-Testballon Spiegel Fernsehen: schneller K.o. für das Programmie von der Ericusspitze

Erneuter Rückschlag für das Spiegel-Management: Wie aus Grossokreisen verlautet, ist Spiegel Fernsehen beim regionalen Markttest offenbar durchgefallen. Mit zwei Pilotheften wollte der Verlag die Akzeptanz eines neuartigen Programmies (Claim: "Das Beste aus TV und Streaming") in einer Premiumzielgruppe ausloten. Das Ergebnis soll niederschmetternd sein. Wie der Spiegel darauf reagiert, ist unklar.

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Es läuft nicht für die Abteilung Innovation beim Nachrichtenmagazin Nummer eins, zumindest wenn es um ambitionierte Print-Extensions geht. Bereits vor dem Start von Spiegel Fernsehen war das Best Ager-Magazin Spiegel Classic nach nur einer Ausgabe vom Markt genommen worden (MEEDIA berichtete). Nun ereilt die Hamburger dem Vernehmen nach die nächste Hiobsbotschaft, diesmal aus Hessen, wo die TV-Zeitschrift am 5. und 19. Mai in den Handel kam. Obwohl Nummer zwei noch bis Ende der Woche in den Regalen liegt, ist der Versuch aus Sicht von Marktbeobachtern gescheitert. Händler berichten, dass die Nachfrage nach den Spiegel-Fernsehheften extrem überschaubar gewesen sei. Interne Hochrechnungen der Konkurrenz, die MEEDIA vorliegen, deuten darauf hin, dass Spiegel Fernsehen aufgrund der geschätzten Abverkäufe bei einem bundesweiten Erscheinen ein Verkaufspotenzial von lediglich rund 15.000 Heften hätte – eine desaströse Größenordnung angesichts des Massenpublikums, das TV-Titel trotz strukturell schrumpfender Zahlen immer noch erreichen.

Mit Spiegel Fernsehen hatte der Spiegel Verlag versucht, in einem hart umkämpften Segment Fuß fassen. „Das 14-täglich erscheinende Fernsehmagazin vereint das Beste aus 14 Tagen linearem Programm (vor allem Filme & Serien und Dokumentationen) mit Empfehlungen aus dem Streamingbereich sowie Hintergrundberichterstattung und ausführlichen Interviews zu einem Magazin für gutes Fernsehen“, lautete das Konzept der Blattmacher. Linear plus Streaming – Spiegel Fernsehen positionierte sich so als Hybrid-Programmie, gemeinsam entwickelt von Spiegel und Spiegel Online. Redaktionell verantwortlich sind Spiegel-Wirtschafts-Vize Markus Brauck und Christian Buß aus dem Kulturressort von Spiegel Online. Als Dienstleister für den täglichen Programmteil wurde die Klambt Programmzeitschriften GmbH geheuert. 188 Seiten inklusive Umschlag umfasste das Heft, davon rund 60 Seiten Mantel-Inhalte. Der Copypreis der Testhefte lag bei 2,60 Euro.

Trotz aller Hoffnung, die das Spiegel-Management um Geschäftsführer Thomas Hass mit dem Programmie verknüpft, herrschte beim Launch überwiegend Skepsis vor. „Die Realität im Segment der TV-Programmies ist hart, alles andere als ein schnelles Scheitern des Spiegel-Anlaufs wäre ein Marktwunder“, analysierte MEEDIA nach der Heftpräsentation Anfang Mai und schrieb zur Begründung:  „Das liegt aber nicht daran, dass dieser Print-Sektor übersättigt wäre (was er ist), und auch nicht daran, dass Spiegel Fernsehen redaktionell ein schlecht gemachtes Heft wäre (was es nicht ist). Die Leute vom Spiegel können ohne jede Frage Journalismus. Was sie – das legen das gescheiterte Classic ebenso nahe wie das jetzt vorgelegte Fernsehmagazin – offenbar nicht so gut können: eine neue Print-Marke schaffen, die so stimmig und attraktiv ist, dass sie eine stabile Käuferschaft zu binden imstande wäre.“ Und weiter: „Statt nur über die linearen TV-Programme will das Heft auch ausgiebig über Streaming informieren und damit über ein Bewegtbild-Angebot, für das es zweifelsohne ein wachsendes Interesse gibt. Der Denkfehler liegt im Konzept: Dass Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime Video boomen, hat nicht zwangsläufig zur Folge, dass dies auch für ein Printmagazin zum Thema gilt. Auch wenn abermillionen Menschen Festnetztelefone, das Internet, Google, Ebay oder Facebook täglich nutzen, haben sich dazu keine themenbegleitenden Zeitschriften dauerhaft etablieren können. Für ein Thema wie Streaming, die wohl wichtigste, weil innovative Säule von Spiegel Fernsehen, hätte es auch eines innovativen Mediums bedurft. Genau das ist Spiegel Fernsehen nicht, sondern eine Zeitschrift klassischen Zuschnitts, für die es unterm Strich keine klaren Kaufargumente gibt.“

Der Spiegel hatte angekündigt, bis zum Herbst über einen bundesweiten Verkauf von Spiegel Fernsehen entscheiden zu wollen. Dazu wird es allem Anschein nach nicht kommen; ein Grosso-Insider nannte die Vorstellung, dass das Fernseh-Heft angesichts der bisherigen Kiosk-Zahlen regelmäßig erscheinen könne, „geradezu grotesk“. Man gehe davon aus, dass die Zeitschrift gestoppt werde. Wie der Spiegel sein Print-Experiment bewertet, ist bislang nicht bekannt. Eine entsprechende Anfrage von MEEDIA hat der Verlag nicht kommentiert.

 

 

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Alle Kommentare

  1. So etwas liegt auch an mangelnder Werbung. Man hätte vielleicht jedem Spiegel-Abonnenten eine Gratis-Nummer schicken sollen mit der Bitte um Bewertung. Und nicht so schnell die Flinte ins Korn werfen wie bei »Classic« und seinem selten dämlichen Cover.

    Andererseits sind die Probleme struktureller Art: Seit zig Jahren Neues versuchen, aber sich keine Entwicklungsredaktion leisten, sondern jeweils ein paar schlaffe Pappnasen aus dem zweiten Glied zusammenwürfeln oder einen Quatsch à la »Harvard Business Manager« finanzieren — so kann’s nichts werden.

    Wo bleibt der Ruck, wo ist Authentizität? Warum druckt man im Mutterheft Kriegstagebücher von freelancern, anstatt selber in Berlin den Araberclans nachzusteigen (siehe aktuelle blendle-Charts)? Zu wenige Reporter? Wo bleibt das Sonderheft »Zuwanderung«, in dem Grundsätzliches klargestellt wird?

    Ach, es ist müßig. »Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf —. Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille — und hört im Herzen auf zu sein.«

  2. Was mich an diesem Artikel und seinem unseriösen Umgang mit Zahlen ärgert: sollten die Zahlen stimmen, sind das die Verkäufe, die auf hessischem Gebiet erfolgten. Die Zahlen muss man jetzt hochrechnen auf das komplette Bundesgebiet und dann mit den IVW-Zahlen für 1/2017 vergleichen. Dann kann man sehen, wo man landet und ob man damit zufrieden ist. Ich freue mich Analysen aus seriösen Quellen. Zumindest dieser Artikel lässt an meedia.de als seriöser Quelle zweifeln.

    1. @Markus: Ihre Interpretation der Darstellung im Artikel ist nicht korrekt. Tatsächlich basiert die Zahl von 15.000 Exemplaren bereits auf einer aufs gesamte Bundesgebiet projizierten Hochrechnung. Wenn Sie dann zum Vergleich die IVW-Zahlen anderer TV Magazine (hohe sechs- oder auch siebenstellige Werte) zugrunde legen, kämen Sie vermutlich zum gleichen Schluss wie der Artikel.

      1. Eine bundesweite Hochrechnung- sie haben recht. Wenn das nur Zahlen für Hessen gewesen wären, hätte einem In-Serie-gehen nichts im Wege gestanden. Ich habe das Wort bundesweit überlesen. Im Umkehrschluss bedeutete das, dass in Hessen gar nicht viele die Zeitschrift gekauft haben können. Laut einer Hoch-Rechnung, nicht laut realen zahlen.

        Eine interessante Erhebung. Aber eben eine der Konkurrenz und eine Hoch-Rechnung. Wie weit Hoch-Rechnungen und reale Ergebnisse auseinander liegen können … Ich an der Stelle der Konurrenz würde genauso reagieren. Wiewohl „Konkurrenz“ schwierig sein dürfte, da es so eine Zeitschrift ja vorher nicht gab.

        À propos Konkurrenz: bringt die Verlagsgruppe Handelsblatt eigentlich irgendeine Fernsehzeitschrift heraus? ;-))

  3. Hochmut und Lügen kommen vor dem Fall.

    Und als Belogener freue ich mich über diese Entwicklung:

    Spiegel & SPON – geht doch sterben!

    Journaille in die Produktion!

  4. „Spiegel Fernsehen“ richtet sich an den anspruchsvollen Selektivseher. Der ist in der Regel jedoch kein TV-Junkie, sondern eher jemand, der nur ab und zu glotzt, dann aber eben mit Anspruch. Dafür braucht er Tipps und kluge Texte – nicht aber auf 188 Seiten!
    Viel klüger wäre es gewesen, noch etwas Kultur-Spiegel in das Heft zu geben und es so zu einem Fernseh- UND Kulturmagazin zu machen. Das war auch damals unsere Idee für PROGRAMM (www.programm-magazin.de). Eine Idee, die meiner Ansicht nach auch in Zeiten des Streamings noch funktionieren würde.

  5. Sehr schade, aber ich habe in vielen Bahnhofskiosken nachgefragt (Berlin, Siegburg, Köln, München, Hannover, Göttingen) und das Heft nicht gefunden – mehr noch, das Desinteresse des Personals, überhaupt danach zu suchen, war eklatant.
    Ich würde das Heft (die Hefte?) gerne auch nachträglich sehen.

    1. Da als Testmarkt Hessen ausgesucht wurde, hätten Sie es in einem der vielen Bahnhofskioske im Frankfurter Hauptbahnhof sicherlich bekommen. Welche der von Ihnen genannten Städte liegt in Hessen? 😉

  6. Man verlässt sich auf Schätzungen der Konkurrenz und stellenweise Beobachtungen. Bedauerlich, dass aufgrund einer derart dürftigen Faktenlage ein solcher Artikel geschrieben wird. Einfach die Zahlen abwarten, die der Spiegel irgendwann veröffentlicht, eine seriöse Marktanalyse und Marktbeobachtung – eine derart seriöse Vorgehensweise würde nicht in unsere Zeit passen. Deshalb ist meedia mit diesem Artikel voll auf der Höhe der Zeit … 😉

  7. Das Problem waren wohl zwei Worte: „Der Spiegel“. Das klingt politisch, elitär und abgehoben und für eine Vielzahl potentieller Käufer eher abschreckend. Ein einfaches „Das neue Fernsehen – TV + Streaming“ hätte vielleicht besser getroffen.

  8. Ein Heft, das neben dem ARTE-Magazin ausliegt, kann keine echte Masse anpeilen.

    Die Idee ist ja nicht schlecht, den Streaming-Markt greift immer noch niemand angemessen an – die Umsetzung rockt aber nicht. Das muss komplett umkrempelt, entstaubt und viel offensiver gefahren werden.

    Ob man dafür noch den Mumm hat? Wer weiß.

  9. Schade, ich finde es immer toll wenn der Spiegel Verlag, mit Festhalten an aussichtslosen Projekten, Geld verbrennt.

    Jetzt habe ich wirklich Angst, bento könnte bald eingestellt werden

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