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Erkaltete Boulevard-Liebe: Bild holt zur Generalabrechnung mit Thomas Gottschalk aus

„Oh, mein Gott(schalk)!“: Bild holt zur Generalabrechnung mit Thomas Gottschalk aus
"Oh, mein Gott(schalk)!": Bild holt zur Generalabrechnung mit Thomas Gottschalk aus

Nach den erneut miserablen Quoten seiner RTL-Abendshow "Mensch Gottschalk" geht Bild mit Thomas Gottschalk hart ins Gericht. Die Rede ist von "Desinteresse", "Ausverkauf" und "schlechten Beratern". Hat der herbstblonde Kult-Entertainer das verdient? Oder ist die Generalabrechnung nur ein Zeichen dafür, dass sich das Boulevardblatt von seinem einstigen Darling Gottschalk entliebt hat?

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Kaum ein Entertainer hat die deutsche Fernsehlandschaft so geprägt, wie Thomas Gottschalk. Und kaum ein Entertainer, der mit über 40 Jahren im Business locker als TV-Urgestein durchgeht, hat so konstant Schlagzeilen geliefert – auch oder vor allem für die Bild: Sei es ein Abschieds-Interview nach „Wetten, dass..?“, exklusive Auszüge seiner „Herbstblond“-Biographie, privates aus der Wahlheimat USA. Es entsteht der Eindruck: Eigentlich geht Gottschalk immer bei der Bild – und Bild immer bei Gottschalk.

Doch: „Auch ein Titan kann wanken“, schreibt nun das Boulevardblatt. Nach der zweiten quotenmäßig gescheiterten „Mensch Gottschalk“-Sendung (RTL) holt die Bild unter der Schlagzeile „Oh, mein Gott(schalk)!“ zur Generalabrechnung aus. Die Rede ist von „Desinteresse“, „Ausverkauf“ und „schlechten Beratern“ – es sind 39 Zeilen, die an die „2 Sekunden Liebe“ und „Alibi-Umarmung“ (so Bild) zwischen BVB-Boss Watzke und -Trainer Tuchel erinnern. Nun eben für den einst gefeierten und mittlerweile gebeutelten Entertainer. „Woran liegt es, neben dem allgemeinen Zuschauerrückgang bei Unterhaltungsshows, dass es Gottschalk immer schwerer fällt, Quote zu machen?“, will Bild klären.

„Ich will die auf gar keinen Fall in Verlegenheit bringen“

„Er interessiert sich nicht für alle seine Gäste gleich – und kann auch nicht so tun“, bemängelt Bild. Sein „Desinteresse“ habe sich bei der Sonntagabend-Show gezeigt: Bei Aerosmith-Frontmann Steven Tyler sei er als Rock-Fan aufgeblüht, Schlagerstar Helene Fischer sei nur wegen der Quote zu Gast gewesen. Zumindest „hatte man das Gefühl“, schreibt Bild.

Dabei hat der Auftritt eine ganz andere Frage aufgeworfen: Warum hat Gottschalk das Pfeifkonzert für Helene Fischer beim DFB-Pokalfinale nicht angesprochen? „Ich mag die Helene, ich will die morgen auf gar kein Fall in Verlegenheit bringen“, erklärte der Moderator im Vorfeld. Seine zweifelhafte Lösung: Er hat die Twitter-Nutzer vor der Sendung über das heikle Thema abstimmen lassen.

Das zeugt eher von Desinteresse dem Zuschauer gegenüber: Die Show schmückt sich mit dem Untertitel „Das bewegt Deutschland“ – wer aber ein Thema ausspart, das am Wochenende sehr viele bewegte (nicht nur Bild sondern auch Spiegel OnlineFAZ und viele, viele andere), der entwertet das Programmversprechen.

Zwischen „Ausverkauf“ und Überdruss
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Er sei „plötzlich“ überall, wer ihn früher sehen wollte, musste sich den Samstagabend für „Wetten, dass..?“ reservieren – „der moderne Zuschauer“ scheint Thomas Gottschalk überdrüssig geworden zu sein, meint Bild. Auch, weil man mittlerweile schon Einblicke in sein Leben auf Twitter bekomme. Das war der Bild vorgestern noch ein launiges und ganz und gar unkritisches Interview wert.

Allerdings ist der von der Bild diagnostizierte Überdruss nicht an den herbstblonden Haaren herbeigezogen. „Wechsel zur ARD“, „Rückkehr zu RTL“, „Rückkehr zu Bayern 3“, „Wechsel zu Bayern 1“, „Rückkehr zu Sat. 1“ – das Inhaltsverzeichnis von Gottschalks Wikipedia-Eintrag liest sich wie das Transfer-Protokoll eines hoch gehandelten Fußball-Profis. Mit dem Unterschied, dass Thomas Gottschalk nicht mehr der treffsichere Knipser ist, der er einmal war.

Seine Vorabend-Talkshow in der ARD, „Gottschalk Live“ (2012), wurde nach einem halben Jahr mangels Zuschauerinteresse eingestellt. Sein anschließendes Engagement in der Jury von „Das Supertalent“ bei RTL hatte rund 1,7 Millionen Zuschauer im Gesamtpublikum weniger als die Vorstaffel. Die bisher letzte Ausgabe von „Back to School – Gottschalk großes Klassentreffen“ hat 2015 nur noch 1,82 Millionen Spielshow-Fans vor die Bildschirme gelockt. Immerhin „Die 2 – Gottschalk & Jauch gegen alle“ bei RTL ist noch einigermaßen erfolgreich – mit rund drei Millionen Gesamtzuschauern in der jüngsten Ausgabe aber auch kein Gassenhauer. Doch auch seine Rückkehr zu Sat.1 war nicht von Erfolg gekrönt, die Talent-Show „Little Big Stars“ hat es lediglich auf drei Folgen gebracht. Mit der zweiten Ausgabe des Quotenflops „Mensch Gottschalk“ scheint nun ein Tiefpunkt erreicht: Knapp 1,6 Millionen Zuschauer haben eingeschaltet. Für Gottschalk ist es die schwächste Einschaltquote einer Primetime-Show – aller Zeiten.

Es sind (nicht) immer die anderen

Hat „der moderne Zuschauer“, wie Bild schreibt, also genug von dem TV-Entertainer? Mag sein. „Schlechte Berater“, wie Bild schreibt, dürften daran aber nicht ausschließlich Schuld sein.

Seine TV-Shows werden von einer Redaktion mehr oder weniger gut im Hintergrund zusammengebaut. Das war auch schon in den späten Jahren von ‚Wetten, dass..?‘ ein Problem.

Zwar ist kaum von der Hand zu weisen, dass „belangloses Zeug gequatscht wird“ – weil viele Prominente „fast nur über ihre neuen Filme oder CDs“ sprechen wollen – doch hat sich Thomas Gottschalk eben jene Sendungen selbst ausgesucht. Niemand hat ihn dazu gezwungen. Der oftmals kritisierte „Ich-Faktor“, wie ihn auch Bild beschreibt, tut sein übriges. Der belanglose Plausch war ja auch der irgendwie geschätzte Markenkern von „Wetten, dass..?“.  Das ist in Zeiten von Böhmermann-Coups und Event-Fernsehen scheinbar nicht mehr genug. Wer dann auch noch mit seinen allseits bekannten Anekdoten aus dem eigenen Leben um die Ecke kommt, macht das Programm nicht wirklich interessanter. Oder, um es wie die Bild zu sagen: „Für das ‚Wir‘-Gefühl vorm TV muss auch ein Titan mal den anderen etwas Raum lassen.“

Nun droht der RTL-Show das Aus: „Mit den Quoten können alle Beteiligten auch vor dem Hintergrund einer stark besetzten Gästeliste nicht zufrieden sein. Da es sich um ein Drittsendeformat handelt, werden sich die dctp, Spiegel TV und RTL als ausstrahlender Sender gemeinsam über Ursachen und Schlussfolgerungen beraten“, erklärte ein RTL-Sprecher gegenüber MEEDIA. Doch was sind die Ursachen? Auch Spiegel TV hat sich dazu geäußert: „Wir freuen uns über die vielen tollen Gäste und Showacts, die wir für ‚Mensch Gottschalk‘ gewinnen konnten. Leider haben sich viele Zuschauer die Sendung entgehen lassen. Zusammen mit der dctp und RTL werden wir jetzt gemeinsam analysieren, woran es lag“, betonte ein Spiegel-Sprecher gegenüber MEEDIA.

Eine konkrete Antwort scheint man nicht zu haben. Noch nicht.

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Alle Kommentare

  1. Gottschalk neben Kardinal Marx. Wird er jetzt Entertainer der katholischen Kirche? Da hoffe ich doch, dass diese jetzt kein Geld ihres „Kultur“fonds für Gottschalks Segnungen ausgibt. Da sind dann zwar die Kirchen voll, aber das ist ja kein Qualitätssiegel: so wenig wie volle Flüchtlingsboote und Altenheime. We want to entertain you – oder auch nicht.
    Gottschalk ist ein netter, harmloser Dampfplauderer, der mit Geschwätz und Eigenvermarktung Millionär geworden ist. Aber er ist immer noch weniger schlimm als Barbara Schöneberger, die wohl keine Moderation auslässt – vielleicht mal einen Abend für das Goldene Schießgewehr. Lobbyistin der Waffenindustrie wird sie wohl nicht.
    Gottschalk wurde als „Querdenker“ bepreist und wirbt auf der Rückseite seines Buches damit, dass sein Lehrer ihm Gedankenlosigkeit bescheinigt hat, die er sprachlich gut kaschieren kann. Das sagt ja viel aus über uns als Nation der Dichter und Denker.
    Man muss ja kein Experte sein um zu sehen, dass da jemand mediensüchtig ist. Das Geld kann es nicht mehr sein.
    Er kann nicht anders. Auch Gysi muss performen, Seehofer….
    Die Bildzeitung, die man nicht mit der Kneifzange anfassen sollte, ekelt doch schon lange damit, dass sie Menschen mit Palmwedeln bejubelt, dann fertig macht. So war es ja auch bei Wulff.

  2. Mein Mann u. ich waren live dabei.Wir fanden die Sendung super, sahen hautnah viele Prominente.Gottschalks Lockerheit u. seine professionelle Art die Sendung zu leiten findet man nicht bei andern Schowmastern.

  3. Woran es liegt? Die Zuschauer seiner Altersklasse sterben halt allmählich. Gottschalk war vorgestern. Sorry, aber in dem Job sollte man erkennen, wenn man aufhören sollte.

  4. Leider hat die BILD irgendwie recht. Ich kenne Gottschalk schon seit seiner tollen Münchner BR-Radio-Zeit. Er hat sich über Jahrzehnte erfolgreich und stets authentisch gewandelt, analog zu Alter und zu seiner selbstironischen, originellen Persönlichkeit.

    Doch jetzt – als Kalifornien–Heimkehrer – sehe ich plötzlich eine Möchtegern-Kreuzung aus jung und alt. Irgendwas stimmt dramatisch nicht: Die etwas herbstfarbige 80er-Frisur, die jungen Klamotten und das Hippie-Zeug am Hals, was ihn diskrepant noch „älter“ macht. Das bricht sich mit seinem unpassenden Sende-Umfeld, und auch mit seinen Sendungen. Die erfolgreichsten Rock-Legenden zeigen – ja persiflieren sogar – ihr „Greisenalter“, siehe Rolling Stones, indem sie ihr Oldie-Face sensibel übertreiben. Gottschalks angeblich „schlechte Berater“ (BILD) sind die Show-Chefs der Fernsehsender, denn sie bestellen und bestimmen ja den Charakter des Auftritts. Und verführen Thommy, nach Sendefahrplan hinter der verlorenen Jugend her zu moderieren – als ob er noch Kleingeld verdienen müsste.

    Ein Titan wie Gottschalk lebt doch von vergangener Größe! Die könnte er fallweise bei umjubelten Groß-Events zelebrieren könnte – und nicht bei Klein-Sendern im Nebenprogramm. Ich wehre mich bei ihm – vergeblich – gegen das Gefühl des Fremdschämens. Von der eigenen Lebensleistung bleibt vor allem bleibt in Erinnerung, was man zuletzt getan hat. Momentan heißt das linearer Abstieg… und der macht mich traurig für Thommy, für seine – und auch meine eigene – vergangene Jugend

  5. Gescheitertes Blatt macht eine Legende nieder. Gottschalk kann es ja egal sein, BILD liest ja eh kaum noch jemand…

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