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Keine Internet-Pöbler im Videochat mit „Tagesschau“-Chef Kai Gniffke, aber Kritik an der „Hatespeech“-Definition der ARD-Nachrichten

Sag’s mir ins Gesicht: „Tagesschau“-Chef Kai Gniffke (r.) trat via Skype in den Zuschauerdialog
Sag’s mir ins Gesicht: "Tagesschau"-Chef Kai Gniffke (r.) trat via Skype in den Zuschauerdialog

Für die Aktion "Sag’s mir ins Gesicht" stellen sich in den kommenden Tagen ARD-Journalisten im Videochat ihren Web-Kritikern und Internet-Pöblern. Den Anfang machte der "Tagesschau"-Chefredakteur Kai Gniffke. Auf sogenannte Trolle ist er jedoch nicht gestoßen. "Ich hatte gedacht, dass es ein paar Leute gibt, die richtig losmaulen und verbal schärfer werden", so Gniffke. "Das war überhaupt nicht der Fall." Für Diskussionen im Netz hat hingegen die "Tagesschau"-Definition von "Hatespeech" gesorgt.

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Wo: auf Facebook. Wann: am Sonntag. Wie: via Videochat bei Skype. Kai Gniffke hat sich für die Aktion „Sag’s mir ins Gesicht“ mit bisher anonymen Kritikern verabredet, um mit ihnen in den Dialog zu treten. Das Ziel: Die Diskussionskultur im Internet zu verbessern und zu ergründen, warum manche Nutzer besonders emotional reagieren und hasserfüllte Kommentare schreiben. Zugleich möchte die „Tagesschau“ versuchen, den Dialog auch mit Fundamentalkritikern nicht abreißen zu lassen.

Kai Gniffke „hatte überhaupt keine Ahnung, was passieren wird“, resümiert er in einem „Tagesschau“-Interview. „Ich war darauf gefasst, dass das Ganze auch tosend in die Hose gehen kann. Umso mehr freue ich mich, dass es offensichtlich sehr viel respektvoller geht, wenn man miteinander spricht – auch wenn ich nicht mit jedem User einer Meinung war.“ Zum Beispiel bei dem Vorwurf, der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei regierungsgesteuert. Doch: Von Hass(-kommentatoren) war in dem Videochat eigentlich keine Spur. „Ich hatte gedacht, dass es ein paar Leute gibt, die richtig losmaulen und auch verbal schärfer werden“, sagt Gniffke. „Das war überhaupt nicht der Fall, es fiel kein beleidigendes Wort.“

Die Debatte „dümpelte vor sich hin“

Als Grund sieht der „Tagesschau“-Chef die „Angesicht-zu-Angesicht-Situation“, die das Niveau hebe. Das sieht auch FAZ-Autor Frank Lübberding (zum Teil) so, erkennt aber eine Schwachstelle der Aktion:

Es gab niemanden, der ihn mit Beleidigungen traktierte oder sich sonst im Ton vergriffen hatte. Wer will auch schon live via Skype zum Deppen der Nation werden oder sich gar strafbar machen? Ein solcher pöbelnder Zeitgenosse wäre innerhalb von Minuten viral gegangen (…) Für die Betroffenen bedeutet das unter Umständen lebenslange Stigmatisierung, selbst wenn sie nur einmal für einen kurzen Moment von allen guten Geistern verlassen worden sein sollten.

So „dümpelte die Debatte vor sich hin“, weil sie ohne Hasskommentatoren stattgefunden habe. Hat die Aktion damit ihr Ziel verfehlt, ist der Dialog gescheitert? Auch in die Kommentarspalten des Facebook-Livestreams haben sich Pöbler und Trolle verirrt, ohne bildlich in Erscheinung zu treten – doch hat die Aktion auch viele positive Reaktionen hervorgerufen:


Ist das „Hatespeech“?

Hingegen für Verwirrung gesorgt hat ein Fallbeispiel der „Tagesschau“ für „Hatespeech“, also Hassrede. Demnach setze sich Hassrede im Netz aus vier Komponenten („Dämonisierung“, „Verallgemeinerung“, „Unterstellung“ und „Sprache“) zusammen – als Exempel für den Faktor „Unterstellung“ wählte die Nachrichtensendung, offenbar zu zusammenhanglos, folgendes Zitat:

Im Netz ist dadurch eine weitere Debatte entbrannt. Via Twitter meldete sich etwa Zeit-Redakteur Lars Weisbrod zu Wort und fragte:

Bild-Chef Julian Reichelt ist ebenfalls darauf aufmerksam geworden:

FAZ-Autor Lübberding hält die „Hatespeech“-Definition (auch der „Tagesschau“) im Allgemeinen für problematisch:

Die „hate speech“ Debatte krankt schlicht daran, dass sie zwischen Konventionen und politischer Diskussion nicht mehr unterscheidet. (…) Es ist ein kategorialer Unterschied, ob es um justiziable Beleidigungen geht oder um politische Polemik. (…) Nur eine Idee kam Gniffke nicht: Ob seine Definition von „hate speech“ nicht dem gleichen Muster entspricht. Nämlich als Kampf um die Deutungshoheit über gesellschaftliche Entwicklungen. Sie beschränkt sich gerade nicht auf strafrechtlich relevante Tatbestände wie Beleidigung oder Volksverhetzung, sondern begreift sich als Instrument zur Steuerung des politischen Diskurses.

Am heutigen Montag treten Anja Reschke und am Dienstag Isabel Schayani (wieder bei Facebook, jeweils um 19.00 Uhr) in den Zuschauerdialog.

 

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