Die Löschkriterien von Facebook: Wann das soziale Netzwerk gegen Inhalte vorgeht (und wann nicht)

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Die Anziehungskraft bleibt gewaltig: Auf Facebook loggen sich im Monat mehr als zwei Milliarden Nutzer ein

Nach welchen Kriterien löscht Facebook? Das soziale Netzwerk steht in der Kritik, weil eben diese Frage unzureichend geklärt sei. So will beispielsweise Bundesjustizminister Heiko Maas Facebook mit einem Anti-Hatespeech-Gesetz stärker in die Pflicht nehmen. Interne Dokumente, die dem britischen Guardian und der Süddeutschen Zeitung vorliegen, geben nun erstmals Einblick in die Löschpraktiken des Internet-Giganten.

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Dem Guardian wurden nach eigenen Angaben über 100 Schulungsunterlagen, Präsentationen und Diagramme zugespielt. Auch die Süddeutsche Zeitung konnte die internen Dokumente einsehen. Demnach befassen sich die Papiere mit Erklärungen, Handlungsweisen und Löschregeln für Facebook-Mitarbeiter mit Themen wie Kindesmissbrauch, Tierquälerei und Suizid-Versuchen.

Das komplexe Regelwerk zu allerhand Themen scheint allerdings viele Grauzonen zuzulassen. So stelle besonders die Darstellung von Suizid-Versuchen das Unternehmen vor ein Dilemma: Das soziale Netzwerk will auch in Zukunft daran festhalten, diese Inhalte live zu streamen – es sei für die Sicherheit der Personen das Beste. „Nutzer posten selbstzerstörerische Inhalte als Hilfeschreie – diese zu entfernen könnte verhindern, dass sie gehört werden.“, zitiert die SZ aus den Papieren. Erst wenn die Möglichkeit ausgeschlossen sei, der betroffenen Person zu helfen, werden die Aufnahmen gelöscht.

Ähnlich ambivalent erscheint auch der Umgang der Löschteams mit Selbstverletzungen und Essstörungen. „Wir wollen diese Art von Inhalten nicht auf der Seite haben, da sie selbstverletzende Verhaltensweisen anderer Nutzer auslösen können“, heißt es in den Papieren – das gelte aber nur für Inhalte, die Selbstverletzungen oder Essstörungen im Zusammenhang mit einer Aufforderung, Anleitung oder Hilfestellung verherrlichen. Nur dann verstößt ein Inhalt gegen die Facebook-Richtlinien, berichtet die SZ.

Auch Videos über (gewaltsame) Tode, die mit „störend“ markiert wurden, müssen nicht zwangsläufig gelöscht werden. Grund: Sie können etwa das Bewusstsein für mentale Leiden schaffen, berichtet der Guardian. Auch Fotos von nicht-sexuellem Kindesmissbrauch oder Mobbing müssen nicht gelöscht werden, solang der Inhalt nicht sadistisch oder verherrlichend sei.

Die Papiere befassen sich auch mit dem Thema Hassrede, wie der Guardian berichtet. Demnach beschwichtigt Facebook in den Papieren, dass „Menschen gewalttätige Sprache nutzen, um online ihre Frustration auszudrücken.“ Weiter heißt es, den Menschen mangelt es an Empathie durch die Art der Kommunikation über das Internet, eben einer fehlenden Face-to-Face-Situation. „Wir können davon ausgehen, dass heftige Sprache in der Regel nicht glaubwürdig ist, bis uns die Spezifität der Sprache verrät, dass es sich nicht mehr nur um einen Ausdruck von Emotionen handelt, sondern um einen Übergang zu einer Handlung.“, zitiert die Zeitung. „Aus dieser Perspektive sind Ausdrücke wie ‚Ich werde dich töten‘ nicht glaubwürdig und ein heftiger Ausdruck von Abneigung und Frustration.“

Die Regeln seien sehr komplex und stellen sowohl die Mitarbeiter als auch Facebook selbst oftmals vor ein großes Dilemma. Demnach sind in den Schulungsunterlagen auch „häufig gestellte Fragen“ der Mitarbeiter zu finden. Eine davon lautet: „Ich bin mir nicht sicher, ob die Person wirklich unsere Hilfe braucht, was soll ich tun?“, berichtet die SZ. Die Antwort: „Wenn es nicht offensichtlich ist, dass sie Hilfe brauchen, ignoriere den Inhalt einfach.“ Zwar könne man die Fälle „jederzeit“ zu einem Vorgesetzten weitertragen, dafür dürfte aber nicht die Zeit sein: Die Zeitungen schreiben, dass die Mitarbeiter auch oder vor allem unter Zeitdruck und harten Arbeitsbedingungen den Löscheinsatz antreten – laut dem Guardian blieben den Mitarbeitern oftmals „nur zehn Sekunden“, um eine Entscheidung zu treffen.

Über die Arbeitsbedingungen innerhalb der Lösch-Abteilungen hatte das SZ-Magazin vor einigen Monaten erst eine vielbeachtete Titelgeschichte veröffentlicht.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hat in einem langen Facebook-Beitrag auf Kritik an dem von seinem Haus eingebrachten Netzwerkdurchsetzungsgesetz reagiert. Der Gesetzentwurf sieht vor, dass Soziale Netzwerke beim Löschen von strafbaren Inhalten stärker in die Pflicht genommen werden. Kritik, dass das Gesetz die Meinungsfreiheit gefährde und Netzwerke wie Facebook zu Zensurbehörden mache, weist Maas von sich. Es gehe darum, dass Soziale Netzwerke sich an deutsche Gesetze halten.

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