“Die Chancen stehen nicht schlecht“ : Was die Mediaagenturen zu Spiegel Daily sagen

Media-Experten. Für MEEDIA haben sich unter anderen Thomas Stennes (li.) und Andrea Malgara Spiegel Daily angesehen
Media-Experten. Für MEEDIA haben sich unter anderen Thomas Stennes (li.) und Andrea Malgara Spiegel Daily angesehen

Seit Dienstag vergangener Woche hat der Spiegel-Verlag nach mehrjähriger Vorbereitungszeit seine „smarte“ Abendzeitung gestartet. Ob Webspezialisten, ehemalige Chefredakteure oder Kommunikationsberater - die Meinungen über den digitalen Hoffnungsträger des Traditionshauses gehen weit auseinander. Jetzt hat sich MEEDIA bei den Mediaagenturen umgehört. Der Tenor: Das Web-Produkt hat Chancen, aber nur, wenn die User den Preis akzeptieren und die Nutzerführung verbessert wird.

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Spiegel Daily-Erfinder Cordt Schnibben ist zuversichtlich, dass das Konzept für das neue Paid-Content-Produkt an der Ericusspitze bei den Lesern ankommt. Grund für seinen Optimismus seien die ersten Nutzerzahlen, die über den Erwartungen des Managements liegen würden, erklärt er gegenüber dem Branchendienst turi2. Konkrete Zahlen bleibt er allerdings schuldig. Dennoch: Schnibben ist fest überzeugt, dass die Macher an der Ericusspitze mit dem Webprodukt eine neue Zielgruppe im Netz entdeckt hätten. „Wir zielen auf die Leute, die gar nicht mehr Tageszeitung lesen, die irgendwo im Niemandsland herumschwirren.“

Ob Spiegel Daily am Markt tatsächlich neue Leser erreicht – davon waren vergangene Woche von MEEDIA befragte Digitalexperten, Kommunikationsberater und Medienmacher weniger überzeugt. Und auch bei den jetzt von MEEDIA befragten Vermarktungsagenturen liegen die Ansichten über die neue App, die weder in Apples App-Store noch über den Google Play-Store abgerufen werden kann, weit auseinander. Für Thomas Stennes, Director Investment & Accountability bei der Omnicom Media Group Germany, ist die reine Web-Applikation vor allem aus Preisgründen kein Selbstgänger. „Das Projekt wird sicher kein einfaches Unterfangen: Ob der Leser durch die Aufbereitung und die Darreichungsform nachhaltig so überzeugt werden kann, dass er die veranschlagten 6,99 Euro im Monat bezahlt, wird sich in den nächsten Monaten zeigen“, meint der Experte gegenüber MEEDIA.

Möglich sei zudem, dass Spiegel Daily Kannibalisierungseffekte mit anderen Produkten aus dem Spiegel-Gruppe auslöst. „Ob eventuell auch der ein oder andere Digital- und Print-Abonnent sein bisheriges Abo durch Daily ersetzt und so zusätzliche Löcher gerissen und nicht gestopft werden, bleibt ebenfalls abzuwarten“, meint Stennes. Für die Vermarktung hingegen sieht er gute Chance, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen: „Im Werbemarkt wird der Erfolg einerseits vom Zuspruch der Leser abhängen, andererseits aber auch von Qualitätsparametern und der Wirtschaftlichkeit“, meint er. Es müsste hier aber intelligente Ansätze in der Vermarktung geben, die die Leistung des Produktes, den Vertriebsweg und die technischen Möglichkeiten gut ausschöpfen. „Wird das dann noch mit einem angemessenen Preis versehen, stehen die Chancen nicht schlecht“, unterstreicht der Omnicom-Manager.

Stennes hält den neuen Vorstoß der Spiegel-Gruppe für wichtig, um Paid-Content-Modelle im Netz zum Durchbruch zu verhelfen. „Neue Ansätze wie Spiegel Daily sind ein wichtiger Teil einer möglichen Lösung bei der Suche nach Kapitalisierung von Content auf digitalen Plattformen und damit ein Beitrag zur möglichen Absicherung des Fortbestandes des Qualitätsjournalismus und der Medienvielfalt“, meint der Digitalspezialist. Denn niemand, so Stennes, habe bis heute „die Patent-Lösung“ gefunden, Inhalte auf digitalen Kanälen zu Geld zu machen, also würden „solche Versuche wie Spiegel Daily weiterhin benötigt.“

Andrea Malgara, Geschäftsführer der Mediaplus Gruppe, hält Spiegel Daily für vielverspechend. Dennoch habe das Produkt noch seine Macken: „Die Idee ist super und die Zielgruppe hochspannend. Der Erfolg hängt jedoch maßgeblich von der mobilen Optimierung ab, welche bei unserem Test aber bisher leider noch nicht den gewünschten Effekt erzielte. User, die heutzutage zwischen Print und Online entscheiden, möchten die Annehmlichkeiten und Vorzüge aus beiden Welten. Da darf es bei der Usability natürlich nicht haken“, betont der Media-Experte. Bei der Vermarktung der App dürfte sich der Verlag allerdings wohl noch etwas Zeit lassen. Malgara: „Die Fallzahlen sind aktuell noch zu gering, um breitenwirksam in Kommunikation einzusteigen – die Zielgruppe selbst hingegen ist wie bereits erwähnt äußerst spannend. Sollte es dem Spiegel gelingen die mobile Optimierung in den Griff zu bekommen, wird dies eine ausgezeichnete, exklusive Werbefläche.“

Auch Asita Sidow, Direktorin „Beratung Media“, bei der Agentur Pilot, sieht für die digitale Abendzeitung Potenzial. „Der Ansatz einer gut recherchierten digitalen Tageszeitung, die den Tag zusammenfasst, ist in Zeiten von ‚Fake News’ und Newsüberflutung potenziell erfolgreich“, betont die Spezialistin. Als Grund nennt sie, dass die deutsche Konsumenten Qualitätsjournalismus heutzutage wieder stärker wertschätzen als früher. „Ob das kostenpflichtige Konzept für den Anzeigenmarkt relevant wird, hängt davon ab, ob es dem Spiegel gelingen wird, eine ausreichende Nutzerbasis aufzubauen“, so Sidow.

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