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„Tageszeitungen dürften wenig beeindruckt sein“: Digitalexperte Christian Jakubetz über Spiegel Daily

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Spiegel Daily ist ein Projekt, das nicht nur mal eben die Zukunft von Tageszeitungen neu definieren wollte, sondern zudem dem gebeutelten Haus auch ein paar Erlöse bescheren sollte. Bis dahin ist es noch ein sehr langer Weg, meint MEEDIA-Gastautor Christian Jakubetz. Die Erstausgabe sei "leider nicht sehr viel mehr als ein Sammelsurium aus Nachrichten, SPON-Versatzstücken und Dingen, von denen man beim Spiegel vermutlich glaubt, dass sie das Publikum im Netz cool findet".

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Von Christian Jakubetz

Der Spiegel hat in den letzten Monaten ein paar merkwürdige line Extensions hervorgebracht. Zum Beispiel Spiegel Classic, das Menschen irgendwo um die 50 ansprechen sollte. Ganz so, als würden sich die durchschnittlichen Spiegel-Leser nicht ohnehin irgendwo im Prä-Ruhestand befinden, mich eingeschlossen. Das hat man dann auch schnell in Hamburg erkannt und das Ding nach exakt einer Ausgabe wieder eingestellt. So schnell geht sowas sonst nur im Privatfernsehen.

Oder, weil wir gerade beim Thema sind: Spiegel Fernsehen. Eine Fernseh- und YouTube-Programmzeitschrift vom Spiegel, darauf hat die Welt gewartet. Ganz davon abgesehen, dass eine Fernsehzeitschrift ganz sicher zur Profilschärfung eines Hauses beiträgt, das sich nach meinem Wissen immer noch hauptsächlich über Journalismus, Investigation, Recherche und eine vergleichsweise deutliche politische Haltung definiert.

Jedenfalls konnte man in den letzten Wochen den Eindruck gewinnen, dass sie uns in Hamburg irgendwie für leicht verknöchert halten: Ein Magazin für Best Ager und eine Programmzeitschrift, das klingt danach, dass man den Kampf um digitale Gegenwart und Zukunft aufgegeben hat.

Und jetzt also: Spiegel Daily. Ein Produkt, eine App, die schon lange (genauer gesagt: seit vier Jahren) durch die Branche geistert. Entstanden aus einer Serie, die Cordt Schnibben bei Spiegel und Spiegel Online lancierte. Mit der Zukunft der Tageszeitung wollte man sich damals beschäftigen. Am Ende stand die Idee: Die Tageszeitung wird zur App. Das ist nicht falsch, aber auch nicht hinreißend originell; vier Jahre später schon gleich gar nicht.

Aber kleinliches Genörgel mal zur Seite: Die Bestandsaufnahme, dass eine solche App schon  ganz interessant sein könnte, ist auch vier Jahre später nicht von der Hand zu weisen. Auch wenn mit der grundsätzlichen Idee einer wie auch immer gearteten Tages-App inzwischen sogar schon Regionalzeitungen experimentieren. Das soll nix gegen die Tageszeitungen heißen, aber beim Spiegel eventuell zu der Überlegung führen, dass eine Entwicklungszeit von fast vier Jahren im digitalen Zeitalter auf Dauer zu dem einen oder anderen Problem führen könnte.

Seit Dienstag, 17 Uhr, ist Spiegel Daily jetzt online. Und es wird niemanden überraschen, wenn man feststellt: Es ist ziemlich genau so geworden, wie man es sich vorgestellt hat.

Erstmal: Natürlich ist Spiegel Daily keine Tageszeitung. Dafür fehlen in der Erstausgabe ein paar Momente, die eine Tageszeitung, in der digitalen Hektik zudem, ausmachen. Lange Reportagen, Hintergrundstücke, Analysen, Kommentare beispielsweise. Im Gegenteil, Spiegel Daily ist auf den schnellen Konsum am Smartphone ausgelegt. Das kann man schon so machen, wenn man ein Angebot für die Generation Smartphone machen will. Aber all das was eine „Tageszeitung“ ausmachen würde und was die Redaktion selbst auch verspricht (nämlich ein tägliches Innehalten im digitalen Newsstream) findet dort eher nicht statt.

Im Gegenteil: Fast überall verspricht Spiegel Daily Lesezeiten von einer, zwei oder drei Minuten. Wobei man sich ohnehin fragt, was diese Unsitte soll: Haltet ihr uns jetzt schon für so bescheuert, dass wir Artikel nur noch dann lesen, wenn sie uns eine nicht zu lange Beschäftigung suggerieren?

Das ist schade – und auch aus ökonomischer Sicht eher fragwürdig: Wenn das Panorama von „Spiegel Daily“ de facto eine Beinahe-Komplett-Übernahme aus Spiegel Online ist und ein paar andere Lücken in den Ressorts mit teils gut abgehangenem Spiegel-Material gefüllt wird, warum soll das dann irgendjemand kostenpflichtig abonnieren?

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Überhaupt, eine echte redaktionelle Linie ist noch nicht zu erkennen: Als Plattentipp Helene Fischers neues Album (2 Minuten Lesezeit!) neben einem Buchtipp mit Erzählungen aus Nordkorea (nur 1 Minute Lesezeit!), das wirkt dann schon sehr beliebig und zusammengestöpselt. Nicht jeder Kulturteil muss Hoch-Feuilleton sein, aber alles in allem sieht das so aus, als sei die dem Boulevard nicht immer abgeneigte SPON-Redaktion frontal mit den Kollegen aus dem Blatt zusammengerumpelt.

Nur 1 Minute! Oder vielleicht 2!

Erstaunlich auch, wie sich Spiegel Daily den Tageszeitungsleser im digitalen Zeitalter vorstellt: Cordt Schnibben plaudert sechs Minuten via Skype mit Ulf Poschardt über die FDP, Harald Schmidt (genau: der!) sitzt vor einer Webcam, die aus dem Jahr 2004 stammen muss, und erzählt irgendwas über Schulz (drei Tage zu spät, aber egal). Jörg Kachelmann (genau: auch der!) steht auf einem Kinderspielplatz (echt jetzt!) und erzählt was über das Wetter. Nicht via Skype, aber auch mit einer eher mäßigen Handy-Kamera aufgenommen. Komisch, das: Da versucht man als Berater seit Jahrtausenden seinen lieben Kunden klarzumachen, das Webvideo NICHT bedeutet, dass es am besten unterbelichtet, wackelig und schlecht vertont sein muss. Und was macht Spiegel Daily? Genau das (danke, Spiegel!!!11!)

Alles in allem ist Spiegel Daily in der Erstausgabe leider nicht sehr viel mehr als ein Sammelsurium aus Nachrichten, SPON-Versatzstücken und Dingen, von denen man beim Spiegel vermutlich glaubt, dass sie das Publikum im Netz cool findet (die drei populärsten Hashtags des Tages bei Twitter).  Ich habe die ganze Zeit nur noch auf 1 Vong-Spiegel-her-gesehen-Joke gewartet. Macht man das nicht jetzt so in diesem Netz?

Und irgendwie meint man als Außenstehender zu bemerken, dass es sich dabei um ein Projekt handelt, das für die wirklich sehr geschätzten Kollegen Cordt Schnibben und Timo Lokoschat von echter Bedeutung ist, das aber gleichzeitig dem Rest dem Verlags eher unwichtig ist.

Natürlich schaue ich mir das noch eine Zeit lang an. Aber so viel weiß ich auch: Wenn ich nicht ohnehin schon Spiegel-Digitalabonnent wäre – Spiegel Daily müsste noch sehr viel einfallen, um mich zum zahlenden Kunden zu machen.

Die Tageszeitungen in Deutschland, denen man ja irgendwie zeigen wollte, wie deren Zukunft auszusehen hat, dürften bis auf weiteres eher wenig beeindruckt sein.

 

Christian Jakubetz ist Journalist, Dozent und seit mehr als zehn Jahren als Berater von Unternehmen hinsichtlich der digitalen Weiterentwicklung tätig. Der Artikel erschien zuerst auf seiner Webseite Jakblog und wird hier mit freundlicher Genehmigung veröffentlicht. Mehr über den Autor Christian Jakubetz finden Sie hier.

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