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„Kapitulation eines einst großen Medienhauses“ – Thomas Knüwers Total-Verriss von Spiegel Daily

„Journalistisch prekariär“: Thomas Knüwer über Spiegel Daily
"Journalistisch prekariär": Thomas Knüwer über Spiegel Daily

Mit Spiegel Daily hat der Spiegel Verlag ein mit Spannung erwartetes und ambitioniertes Paid-Content-Angebot gestartet. Die "digitale Abendzeitung" soll Nutzer smart informieren und ein in sich geschlossenes Medien-Erlebnis bieten. Gerade in der Branche wird das Projekt genau unter die Lupe genommen. Für MEEDIA hat sich der Medienberater und Digital-Experte Thomas Knüwer Spiegel Daily angeschaut - und er kommt zu einem vernichtenden Urteil.

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Von Thomas Knüwer

Das Angebot ist auf jeder Ebene verfehlt. Das beginnt beim Fundament: Die Seite ist nicht mobiloptimiert (Werbepartner Audi wird sich freuen, dass seine Anzeigen auf Handys und Tablets abgeschnitten werden) und der Abo-Prozess bricht häufig ab, beziehungsweise war gestern via Paypal gar nicht möglich. Die Navigation ist nicht klar strukturiert, auf dem Smartphone ist das Angebot nur schwer zu bedienen.

Doch wer sollte Spiegel Daily überhaupt bedienen wollen? Smart will das Angebot sein und ist nichts anderes als eine platte Website – beispielsweise fehlt eine Individualisierungsfunktion, wie sie der Guardian bietet. Einen Nachrichtenüberblick will die Redaktion geben, liefert aber nur weitgehend beliebige Artikel im bunten Spiegel-Online-Stil.

Journalistisch ist das ganze prekariär gehalten. Beispiel: Anscheinend muss man gestern Abend unbedingt von einer Studie im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates erfahren, sie wird unter den Top-News geführt. Eine Drittstimme taucht nicht auf, stattdessen gibt es flott zusammengegoogelte Behauptungen ohne Quellenangabe („Auch wenn es viele glauben: Der Mensch ist nicht multitaskingfähig, weder Frauen noch Männer.“). Zu Beginn des Textes heißt es: „Plakate auf deutschen Autobahnen sollen nun das Leid von Angehörigen in Großaufnahme zeigen, um Fahrer zu warnen.“ Was es damit auf sich hat, wird der Leser nie erfahren.

Dann diese Videoinhalte… Harald Schmidt ist furchtbar langweilig, wenn er improvisiert, Kachelmann macht das Wetter ohne Wetterkarte, was einen Wertverlust bedeutet. Cordt Schnibben interviewt Welt-Chef Ulf Poschardt (Journalisten bleiben ja gern in ihrer Filterblase). Das ist desaströs schlechtes Fernsehen, das nicht dadurch wenigstens mittelmäßig wird, weil es im Internet stattfindet. Und wer nach der Arbeit unterwegs ist, wird das Ganze eher nicht konsumieren: Es braucht Kopfhörer und Datenleitung – denn eine App gibt es für Spiegel Daily ja nicht.

Nach all dieser Vorbereitungszeit und den donnernden Worten aus dem Spiegel Verlag ist Spiegel Daily keine „smarte Abendzeitung“ – sondern die Kapitulation eines einst großen Medienhauses.

Thomas Knüwer betreibt gemeinsam mit Frank Horn die strategische Digital-Beratung kpunktnull in Düsseldorf.

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Alle Kommentare

  1. Pingback: lainaa 3000
  2. Aber ist doch sehr sozial, dass Harald Schmidt, den FOCUS und Sky längst durch und aussortiert haben, hier sein Gnadenbrot bekommt…

  3. Die Kritik sitzt. Im Gegensatz zu den Texten auf Spiegel Daily. Und dazu dieser Sprech von der Abendzeitung. Fehlgeleitete Nostlagie, die AZ ist schon lange ein sehr toter Fisch.

    1. Love AZ – da lass ich keine toten Fische drüber! Ok, als einhamburger mag dieses Blatt für dich ein toter Fisch sein wie für einemünchnerin das Hamburger Abendblatt ein kalter Leberkäs :). Die Frage ist doch: Warum nicht „Smartes Abendblatt“ oder „Digitale Morgenpost“ – wäre ja irgendwie näher am Elbfischer gewesen, oder? Wobei ich persönlich eine zeitliche Eingrenzung wie „Morgen“ oder „Abend“ generell nicht mehr zeitgemäß finde – schon gar nicht für ein digitales Medium. Schade, man hat nicht oft im Leben, die Chance einen Namen zu vergeben, der bleibt. Superkritik übrigens von Hern Knüwers. Auf den Punkt!

  4. Headset/Kopfhörer braucht man, wenn man Umstehende nicht mit dem Ton nerven will. Ich würde ja auch alles per Transcript anbieten aber das wäre wohl zu modern…

    Paypal hat bei mir oft Probleme. Leider kümmert es keinen. Vor einigen Wochen konnte ich bequem wie üblich bei Ebay in der Handy-App kaufen aber Bezahlprozess ging nur am Laptop ! Inzwischen ist das Problem wohl gelöst, ging aber einige Tage lang. Vor einem Jahr wollte ich ein Sonderheft von einem Verlag (nicht Spiegel) bestellen und musste dann die Email nutzen (endloser Zeitverlust) weil der Bezahl-Link abbrach. Keinen interessiert es. Als FDP-Lindner würde ich gnadenlos die Screenshots zählen und misratene Unternehmen kritisieren bis sie aufgeben. Aber Kunden-Nutzen ist vielleicht nicht sein Thema oder nur für Ministerien wo man dann per Brief einen Antrag stellen darf oder so.

    Skype ist auch nicht der Burner. Sonst könnten DAX-Forbes-Konzerne bei Support viel Geld sparen. Aber M$ müsste dann vielleicht auch Skype-Support anbieten und das will man sich vielleicht sparen…
    Skype-Gleichnis: Enkel auf dem BMX-Rad will man mit 15fps übertragen (ggf. matschiges Bild) und Versicherungs-Schäden/UnfallBilder am Auto mit maximaler Kamera-Auflösung und sowieso nur auf Bedarf und optimalst ausgeleuchtet.

    @Kachelmann: Vielleicht geht folgendes: Man kann bei Skype auf den „Anruf-Beantworter“ sprechen. Das geht vielleicht auch mit Video. Dann übt man mit der Ehefrau und testet durch was wie am besten funktioniert. Das beste Video forwarded man dann an Spiegel.
    Voher Aufzeichnen entbindet von der Bandbreiten-Problematik. Denn wenn man live anruft hat man nur eine (evtl schwankende) Bandbreite und muss damit auskommen und dann wird Bild vielleicht schlechter weil Ton wichtiger ist. Fastfood (jeder Kunde in xx Sekunden abgewickelt) oder Kantinen ist versorgungs-logistisch also „bandbreiten-management-mäßig“ etwas anderes als China-Drehteller-Restaurants oder .
    Die eingebauten Laptop-Kameras haben oft nur 0,3 Megapixel. Handis haben 13/5 Mgapixl inzwischen. FullHD sind 2 Megapixel und 5.000 mal so viel wie PAL. Also ist PAL 400 KiloPixel also ist 0.3 viellicht NTSC-Auflösung von USA und UHD-1-4k sind 8 Megapixel weshalb jede Frau für Fotos sofort einen HDR-UHD-1-4k- Fernseher mit 8 Megapixeln und guter Farbtiefe haben wollen sollte.
    Die 5-10 Berichte machen die Diskussion nicht einfacher. In diesem Fall wäre viellicht sinnvoll, die verschiedenen Kritiker-Berichte darunter immer mit demselben Kommentar-Strang zu versehen.

    Das anscheinend offensichtliche Desinteresse von Skype(die gehören Microsoft) und Hangouts/Google an brauchbarer Firmen-Kommunikation ist sehr unschön und kostet täglich extrem viel vermeidbar Geld und vermeidbar Zeit weil die 5/13Megapixel-Kameras locker liefern würden wenn man mit der Beleuchtung ein wenig acht gibt.
    Erdogan hat beim Umsturz-Versuch per Facetime beim TV-Sender angerufen und die Zuschauer konnten ihn sehen und hören. Steve Jobs hat Todkrank Facetime erfunden und vom Sterbebett aus Apple erfolgreich per Facetime gemanaget und Zilliardengewinne eingespielt.

    Ich wünsche Kachelmann und Harald Schmidt viel Erfolg und eine schnell Lernkurve für gute Videos.
    Wenn die USB-Foundation besser wäre, wären USB-Kameras oder auch Scanner (da kommt JPG oder PNG oder .RAW oder .TIFF raus! also sind Treiber völlig unnötig) seit Jahrzehnten per Einheits-Treiber auslesbar wie es bei Tastaturen, Gamer-Joysticks und natürlich Flugsimulatoren-Cockpits mit hunderten Tasten (Eine normale PC-Tastatur hat 100-120 Tasten) und Hebeln oder SD-Karten oder Festplatten und USB-Sticks oder auch Bluetooth-Lautsprechern und USB-Soundkarten usw. ganz normal ist. Die kann jedes Android-OTG-Handy auslesen/ansprechen ohne Spezialtreiber und man muss nicht in der Firma ständig wegen einem neuen Windows alle alten funktionierenden Geräte neu kaufen weil die alten Treiber nicht auf dem neuen Windows gehen ! Airprint ist schlauer. Leider ist AppleTV wohl nicht 4k sondern wohl nur FullHD.

    Ein Teil der Probleme liegt also nur an Software-Marktführern welche sich nicht anstrengen brauchen weil sie ja Marktführer sind (und einer Presse welche die täglichen Digital-Probleme von Bürgern bisher ignorieren konnte.).
    Daher wurde ICQ von Skype abgelöst und Skype und SMS von Whatsapp und (Rot-Grünes?) Online-Banking von Paypal und dieses bald hoffentlich vielleicht von AliPay.

    (Bundeslandes)Marktführer SPD und CDU brauchen sich ja anscheinend auch nicht anstrengen oder Tim Cook oder Hillary oder Banken und Auto-Firmen oder Flugfirmen welche immer wieder mit Milliarden gerettet werden müssen.
    Die Folgen zahlen alle…

  5. „Es braucht Kopfhörer und Datenleitung – denn eine App gibt es für Spiegel Daily ja nicht.“

    Bei aller berechtigter Kritik, aber diesen Zusammenhang verstehe ich nicht. Welche App löst die Kopfhörer-Problematik? Und die Daten müssen auch in einer App irgendwie aufs Gerät. Na gut, übers Firmen-WLAN (wenn vorhanden) vorher laden. Aber das mit den Kopfhörern bleibt schleierhaft 🙂

  6. Nachdem Brinkbäumer jetzt das Neu-Produkt-Feuerwerk abgebrannt hat, alles gefloppt ist und der Spiegel EV nachhaltig unter 200k gerutscht ist, wird es Zeit für den nächsten Stabwechsel und die nächste Sparrunde.

    Wollte Augstein nicht schon 2015 seine Anteile verkaufen, heute dürfte der Laden nochmal deutlich weniger wert sein.

    Wenn die Autokonjunktur anfängt zu schwächeln, dann wird es nicht lange dauern und der Spiegel schreibt rote Zahlen.

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