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Autor erwirkt einstweilige Verfügung: Warum Constantin Schreiber gegen die Deutsche Welle vorgeht

Wehrt sich gegen die Berichterstattung der Deutschen Welle: Constantin Schreiber
Wehrt sich gegen die Berichterstattung der Deutschen Welle: Constantin Schreiber

"Inside Islam", der Bestseller aus der Feder von Constantin Schreiber, sorgt weiter für juristische Auseinandersetzungen. Nachdem zunächst eine Berliner Moschee versucht hatte, Äußerungen von ihm untersagen zu lassen, leitet der ARD-Journalist nun selbst anwaltliche Schritte ein – gegen die Deutsche Welle. Schreiber ließ zwei Tatsachenbehauptungen der Autorin Canan Topçu untersagen – vorerst per einstweiliger Verfügung.

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Erlassen hatte diese vergangene Woche das Landgericht Hamburg, dessen Pressekammer damit zumindest vorübergehend die Weiterverbreitung bestimmter Aussagen verbietet. Betroffen ist der Artikel „Outside Islam“, der auf der Website Qantara.de, einem Angebot der Deutschen Welle, veröffentlicht worden ist. Die freie Journalistin Canan Topçu hatte sich darin mit Schreibers Buch auseinandergesetzt und seine Arbeit kritisiert.

„Inside Islam“, erschienen im Ullstein Verlag und nach Veröffentlichung schnell zum Spiegel-Beststeller geworden, befasst sich mit Moscheen in Deutschland und dort gehaltenen Predigten. An Freitagsgebeten in 13 islamischen Gotteshäusern nahm Schreiber für seine Recherchen teil, hörte den Predigten zu und befasste sich mit den dahinterstehenden Imamen. Allein diese vergleichsweise geringe Anzahl rief erste Kritiker auf den Plan – darunter Topçu.

Die Journalistin, 1965 in der Türkei geboren und seit 1973 in Deutschland lebend, stört sich dabei am Handwerk und der Vorgehensweise des Journalisten, der parallel zu seinem Buch die ARD-Reportage-Reihe „Moscheereport“ produziert hat. Schreiber erwecke den Verdacht, sich „unlauterer Methoden“ bedient zu haben, kritisiert sie, der Journalist sei voreingenommen an die Sache herangegangen, habe „Grautöne“ „außen vor“ gelassen. Die Expertin stört aber auch – das betont sie deutlich –, wie Schreiber sein Buch vermarktet. Ihrer Ansicht nach versucht der Journalist so zu tun, als sei er der erste, der sich dem brisanten Thema widme.

Mit ihrem kritischen Blick ist Topçu nicht allein. Auch die taz zeigte sich wenig begeistert, attestierte Schreiber „fehlende Sorgfalt und Sachkenntnis“, bezeichnete ihn aufgrund seines Buches als „Gesicht der Misstrauenskultur gegen Muslime“. Auch aus der wissenschaftlichen Ecke wurden kritische Stimmen laut. Das sind Töne, die dem Autoren persönlich sicher nicht gefallen dürften, die er aber erträgt und ertragen muss. Bei weiteren Behauptungen Topçus sieht das anders aus – gegen zwei hat Schreiber juristische Schritte eingeleitet und eine einstweilige Verfügung erwirkt.

Bei einer geht es um die Beschreibungen über seine Schwierigkeiten bei der Suche nach Experten. Diese waren für das Buch-Projekt ein wichtiges Element – eben der Objektivität wegen. Die Experten sollten die Übersetzungen aus den Predigten und Schreibers Erlebnisse aus den Moscheen einordnen. In seinem Buch beschreibt der Autor, dass viele Islamwissenschaftler ihn aber über Wochen hingehalten hätten, einige hätten ihm irgendwann gar nicht mehr geantwortet, schreibt er. Topçu schrieb dazu in ihrem Text bei Qantara: „Es entspricht aber nicht der Wahrheit, dass Rückmeldungen ausblieben.“

Es habe Wissenschaftler gegeben, die sich danach öffentlich zu Wort gemeldet und dies bestätigt hätten. Benannt hat sie diese in ihrem Text nicht, auf Nachfrage will sie auch nicht weiter darauf eingehen. Schreiber stört an der Behauptung, dass er nicht danach befragt worden ist. „Die Autorin will meine Emailkorrespondenz kennen, hat dabei aber nicht einmal das Gespräch mit mir gesucht“, begründet er sein Vorgehen gegenüber MEEDIA.

Die Hamburger Pressekammer gibt ihm recht. Hinzu kommt: In der Begründung der einstweiligen Verfügung, die grundsätzlich knapp ausfällt, heißt es: Topçu transportiere den Eindruck, dass Schreiber wiederum den Eindruck erwecke, gar keine Rückmeldungen von niemandem erhalten zu haben. Tatsächlich entsteht dieser Eindruck im Buch Schreibers nicht, allein schon deshalb, weil durchaus Wissenschaftler in seiner Publikation zu Wort kommen.

Unterschiedliche Auffassungen: Wieso es weiterer Klärung bedarf

Doch widerspricht Topçu auch entschieden dem Eindruck, den die Kammer offenbar gewonnen hat: Herr Schreibers Vorgehensweise erschließt sich mir leider nicht so ganz, da ich in meinem Text wiedergebe, was er selbst in seinem Buch wie auch an anderen Stellen geschrieben hat“, erklärt die Journalistin im Gespräch mit MEEDIA. „Er sagt, er habe etliche Experten angefragt und keine Antworten erhalten. Das bedeutet nicht, dass er keinerlei Antworten erhalten hat.“

Es sieht so aus, als muss das Gericht zur genauen Klärung des Sachverhaltes die Sache in einer Hauptverhandlung noch einmal erörtern. Dabei wird auch zu klären sein, welche Absprachen und Vorgänge es im Autorisierungsverfahren mit der Orientalistin Verena Klemm gegeben hat.

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Die Wissenschaftlerin ist eine der erwähnten Experten, die in Schreibers Buch zitiert werden. Wie Topçu schreibt, habe der Journalist – trotz anders lautender Vereinbarungen – Zitate von Klemm verwendet, obwohl sie diese nicht getätigt oder freigegeben hat. Schreiber bestreitet das entschieden. Alles Zitierte liege schriftlich vor, eine Autorisierung sei nur bei bestimmten Zitaten abgemacht worden, daran habe er sich gehalten. Auch hier gibt ihm die Kammer recht. „Der Antragsteller hat glaubhaft gemacht, dass dies (eine Abmachung für alle Zitate, Anmerkung d. Red.) nicht der Fall war“, heißt es.

Dass es allein bei der einstweiligen Verfügung bleibt, ist unwahrscheinlich, wenn auch noch nicht entschieden. Bei der Deutschen Welle liege der Beschluss der Hamburger Kammer, der noch nicht rechtskräftig ist, noch nicht vor, hieß es am Dienstag. Aber: „Wir haben die Vorwürfe von Herrn Schreiber seinerzeit zurückgewiesen. An dieser Position hat sich nichts geändert.“ Das spricht eher dafür, dass man die einstweilige Verfügung wohl nicht akzeptieren wird. Hinzu kommt auf der Gegenseite: Schreiber fordert eine Klarstellung.

Es geht um ihren Ruf: Journalisten und der Vorwurf der unsauberen Recherche

Juristische Auseinandersetzungen wie diese wirken auf den ersten Blick wie Haarspaltereien, wie ein Kampf um die Deutungshoheit. Dabei geht es den Autoren darum, wie sie wahrgenommen werden. Es sei das erste Mal in ihrer 20-jährigen Berufslaufbahn als Journalistin, dass in dieser Form gegen einen Artikel von ihr vorgegangen werde, sagt Topçu. Sie reagiert mit scharfen Worten. „Ich habe den Eindruck, dass er die Kritik an seiner unsauberen journalistischen Arbeit abwehrt und über den juristischen Weg versucht, Journalisten einzuschüchtern.“

Schreiber weist das zurück. „Verschiedene Medien und Beobachter haben sich kritisch mit meinem Buch befasst. Dagegen habe ich genauso wenig einzuwenden wie gegen zulässige Meinungsäußerungen“, sagt er. „Tatsachen frei zu erfinden, hat aber nichts mit Journalismus zu tun.“ Dass es nun einer juristischen Klärung bedarf, habe Schreiber nicht zum Ziel gehabt, beteuert dieser. Bevor er seinen Anwalt einschaltete, hat er die Deutsche Welle persönlich kontaktiert und eine Klarstellung gefordert, um Missverständnisse zu vermeiden. Ohne Erfolg.

Auch Schreiber, der zum Jahreswechsel von der Mediengruppe RTL zu ARD Aktuell und der „Tagesschau“ wechselte, geht es um seinen Ruf. Er will sich neben der bereits genannten Kritik und der Tatsache, dass ausgerechnet auch AfD-Anhänger sein Buch bejubeln und bewerben, nicht auch noch anlasten lassen, einfachstes journalistisches Handwerk missachtet zu haben.

Der Gegenwind, den der Journalist erfährt, verdeutlich zumindest erneut, wie viel Sprengstoff in der Debatte um den Islam in Deutschland weiterhin steckt. Dass in der Auseinandersetzung zu rechtlichen Mitteln gegriffen wird, ist dabei keine Ausnahme. Im April befasste sich das Landgericht Berlin mit Schreiber und einem Interview, das er dem Tagesspiegel gegeben hatte. Mit einer Äußerung über die Predigten in einer Berliner Moschee zog er den Zorn der Islamgemeinde auf sich. Auch gegen sie setzte Schreiber sich durch.

 

 

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Alle Kommentare

  1. Schön zu beobachten, was abgeht, wenn es um Islam, Migration etc. geht. Und gut, wenn Journalisten bei genau diesen Themen um ihre Meinungen, Darstellungen, Veröffentlichungen kämpfen. Das ist eine Schlammschlacht ohnegleichen geworden und Meinungsfreiheit wird von der jeweils anderen Seite mit Füßen getreten. Ich finde es sehr gut, was Herr Schreiber da macht. Und dass „die Links-tickenden“ nicht gut finden, ist man ja gewöhnt. Ihnen muss man vorwerfen, dass sie, die angeblich „guten“ Journalisten, auf beiden Augen blind waren und eben nicht gesehen, erkannt, beschrieben haben, was in Deutschland in Moscheen und unter dem Einfluß von Erdogan passiert. Jedem, der sich das und anderes genauer anschaut – und wenn es nur ein paar Moscheen sind in denen die Leute infiltriert werden – ist zu danken. Sie übernehmen eine Rolle, die die Medien NULLKOMMANULL abdecken. Wie in so vielen Bereichen versagen sie vollkommen. Erst wenn der Skandal hochkocht, sind sie fleißig mit dabei. Aber nur kurz und nicht nachhaltig. Da ist mir ein vieldiskutiertes Buch tausend Mal lieber als dieses Hochpushen und fallen lassen. SO bleibt die Thematik auf dem Schirm. Das Trauerspiel der Tagesmedien, deren „investigative“ Beiträge – die sie mit TamTam im medialen und sicher teuren Zusammenschluss verfassen – im Archiv verrotten, braucht niemand, hilft niemandem, können sie sein lassen.

  2. Ich muss lachen, man stelle sich folgenden Text vor:

    Auch die taz zeigte sich wenig begeistert, attestierte Schreiber „fehlende Sorgfalt und Sachkenntnis“, bezeichnete ihn aufgrund seines Buches als „Gesicht der Misstrauenskultur gegen CHRISTEN“.

    Der taz war es ja bekanntlich schon immer ein Anliegen, gläubige Menschen zu beschützen und Verständnis für sie einzufordern.

    Mit diesem einfachen Trick, „Christen“ gegen „Muslime“/“Islam“ auszutauschen, kann man die Pseudo-Linke schön entlarven

  3. Wer anderen auf die Füße tritt wird immer auch negative Reaktionen provozieren, bishin zu Unterstellungen. Viel Feind, viel Ehr. Wenn aber alle Journalisten so reagieren würden wie Schreiber hätten die Gerichte ordentlich zu tun. Der neue Posterboy der ARD scheint über ein ausgeprägtes Ego zu verfügen. Das ist sicher eine Grundvoraussetzung für eine Moderatorenkarriere. Für einen guten Journalisten gilt das eher nicht.

    1. Stimmt, wer z.B. über die Neonazi-Szene berichtet, wird auch von deren Sympathisanten negative Reaktionen provozieren. Selber Schuld könnte man denen zusammen mit M. Heinig zurufen.

      Wenn man aber Pressefreiheit und Demokratie ernst nimmt, muss man Journalisten schützen, die dahin gehen, wo es weh tut. Deren Beitrag für eine freie Gesellschaft ist unermesslich wichtig. Natürlich ist Kritik an den Arbeitsmethoden von Constantin Schreiber genauso legitim. Aber wenn man die Kritik von der taz oder eben von Frau Topçu liest, merkt man genau, dass es eben nicht um Kritik an den Arbeitsmethoden, sondern um Kritik am Thema geht. Das soll schön unter der Decke bleiben, um nicht „Öl ins Feuer“ zu gießen. Und deswegen wird auch nicht einfach kritisiert, sondern versucht, Schreiber zu diskreditieren.

      Frau Topçu wirft ihm ja vor, unsauber gearbeitet zu haben. Wenn die jetzt erlassene einstweilige Verfügung so bestehen bleibt, heißt das, dass Frau Topçu selbst unsauber gearbeitet, vielleicht sogar absichtlich gelogen hat. Bei diesem Rechtstreit geht es nicht um die üblichen jurstischen Spitzfindigkeiten, um Journalisten einzuschüchtern, wie Frau Topçu meint. Da geht es darum, wer ein seriöser Journalist ist und wer nicht. Also: Hat Herr Schreiber „Fake News“ verbreitet, um sein Buch besser verkaufen zu können? Oder hat Frau Topçu „Fake News“ verbreitet, um einen Journalisten zu diskreditieren und mundtot zu machen, der über Missstände berichtet, die ihrer Meinung nach besser unter der Decke bleiben sollten? Da ist es das gute Recht von Herrn Schreiber. das gerichtlich klären zu lassen.

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