Hype-Hangover nach drei SPD-Wahlschlappen: Wie Medien sich von der Schulz-Phorie anstecken ließen

Der Schulz-Chor der Medien war zu einstimmig
Der Schulz-Chor der Medien war zu einstimmig

„Glück auf, der Schulz-Zug rollt!“ war vorgestern. Nach drei Wahlschlappen für die SPD im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen zeigt sich, dass der so genannte „Schulz-Effekt“ in Wahrheit eher Auto-Suggestion war. Und damit werden offensichtlich keine Wahlen gewonnen. Es klaffte eine Lücke zwischen dem medial überzeichneten Bild des Kandidaten Schulz und der Realität.

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Netz-Hype, Umfrage-Hochs, Bilder mit einem lachenden Martin Schulz vor begeisterter Kulisse. Junge Menschen treten in Scharen in die SPD ein und halten Schilder hoch: „Martin, du geile Sau“ steht da zum Beispiel drauf. Der so genannte Schulz-Hype hat das öffentliche Bild von Martin Schulz und der SPD seit seiner Ernennung zum Kanzlerkandidaten bestimmt.

Schulz schien unbesiegbar. Der Spiegel titelte in Ausgabe 7/2017 „Kippt sie?“ und zeigte einen übergroßen Schulz, der sich anschickt die kleine Merkel-Figur nur mit dem Zeigefinger umzukippen. Darüber die mächtige Zeile von der „Merkeldämmerung“. Für den stern war Martin Schulz der „Eroberer“. Lachend, die rote Fahne schwenkend schritt er vor der grauen Merkel voran. Dazu immer wieder diese Bilder: Schulz bei kleinen Leuten, Schulz vor begeisterten Anhängern, Schulz klingelt an der Haustür. Der Mann aus Würselen. So volksnah, so erfolgreich. So scheinbar. Das waren Bilder, denen man sich nicht entziehen konnte. Umfragen sahen die SPD in immer neuen Höhen, zeitweise gar vor der ausgelaugten Merkel-CDU.

Kontrastiert wurde die Schulz-Phorie von der Übertragung der gemeinsamen Pressekonferenz von CDU und CSU, die Angela Merkel und ihren Dauer-Rivalen Horst Seehofer wie ein nach endlosen Streitereien ermattetes altes Ehepaar zeigte. Hier die müde Merkel, da der vitale Schulz. Die Rollen waren verteilt, eine herrschende Meinung wieder einmal etabliert. Und wieder einmal sah die Realität anders aus.

Der Focus sprang als eines von wenigen Medien nicht auf den Schulz-Zug auf und meckerte schon früh mit der Zeile „Der Scheinheilige“ an Schulz herum. Die Analyse des Münchner Magazins blieb aber an der Oberfläche und versuchte Schulz als EU-Trickser zu enttarnen. In der überwiegenden Mehrheit ließen sich Medien aber anstecken von der Begeisterung und den Bildern, ganz ähnlich wie die SPD selbst. Das ging soweit, dass Hans-Ulrich Jörges für den stern Anfang Februar analysierte, woher denn „der plötzliche Wähler-Zustrom“ komme. Dabei hatte zu diesem Zeitpunkt noch gar niemand gewählt. Der frühere SPD-Wahlkampfmanager Frank Stauss sah die Union angesichts des Schulz-Phänomens gar in einer Strategiefalle und wollte das Wort „Hype“ streichen. Das war voreilig. Die Wähler, so zeigte sich, sind wesentlich kritischer als die Medien. Es gab keinen Wähler-Zustrom, der den Hype rechtfertigen würde.

Jetzt, drei Landtagswahlen später, wird für alle offensichtlich, wie groß die Probleme von Schulz und der SPD tatsächlich sind. Jetzt für die Bild aus dem Schulz-Effekt, der „Schulz Fluch“ geworden.

Die SPD war von Schulz und sich selbst so sehr berauscht, dass die Weichen für den Schulz-Zug fundamental falsch gestellt wurden. Wie sich zeigt, ist die Fokussierung des Wahlkampfs auf soziale Gerechtigkeit ein kapitaler Fehler, der sich schwer bis gar nicht mehr korrigieren lässt. Wolfgang Kubicki, siegreicher FDP-Chef aus Schleswig-Holstein, erklärte es der störrischen SPD-Familienministerin Manuela Schwesig in der „Anne Will“-Sendung nach der NRW-Wahl: Entweder die SPD hat als Regierungspartei versagt oder es geht in diesem Land nicht so ungerecht zu, wie Schulz und die SPD glauben machen wollen. Beide Lesarten sind nicht schmeichelhaft für die Sozialdemokraten. Zumal Schwesig in der Sendung irritierenderweise der Ansicht war, die SPD habe schon alles richtig gemacht. Die Wähler waren halt so doof, auf einen angeblichen „Wutbürger-Wahlkampf“ der CDU reinzufallen. Bei solchen politischen Gegnern kann sich die Merkel-CDU das Geld für eigene Wahlkampfstrategen sparen. Effizienter als die SPD selbst kann niemand die SPD kleinkriegen.

Statt der von der SPD ersehnten Gerechtigkeitsdebatte dominieren die Themen innere Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität den kommenden Wahlkampf. Das eine ist der wieder entdeckte Markenkern der CDU, das Wirtschaftsthema wird gerade erfolgreich von der FDP besetzt. Waren wirklich alle Medienleute vom Schulz-Virus infiziert? Nein, nicht alle. FAZ-Innenpolitikchef Jasper von Altenbockum analysierte schon am 19. März treffend: „Er kann nicht nur auf soziale Gerechtigkeit setzen.

Im großen Schulz-Chor der Medien blieb dies aber eine Solisten-Stimme. Von solchen gibt es leider immer noch zu wenige.

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Alle Kommentare

  1. Die Medien sollen nur so weiter machen ! Der mündige Bürger hat längst erkannt, wo die Reise hingeht. Die mittelmäßige SPD wird immer wieder von den linken Schreiberlingen gepusht, voran Spiegel und Stern. Verwundert auch nicht wenn man weiss, dass SPD an hunderten Blättern in Deutschland beteiligt ist, teilweise mit 100 %. Wer nichts zu bieten hat wie diese Partei, muss halt die Propaganda- Maschine anwerfen. Dazu kommen noch ca. 80 % Fernseh- und Rundfunkreporter, die alle in Kaderschmieden der Sozen zu strammen Parteisoldaten ausgebildet wurden. Der Rotfunk WDR steht beispielhaft für die völlig linksverseuchte Presse !
    Dazu muss man nicht die verleumderischen Angriffe von AFD und Pegida auf die sogenannte Lügenpresse bemühen. Es genügt immer ein Vergleich mit neutralen Medien, die es auch noch gibt. Die Medien, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, der gelenkte Rundfunk sowie die Meinungsforscher entzaubern sich von allein. Die großkotzige Arroganz, die man beim SPD-Führungspersonal beobachtet, findet sich bei den Medien wieder, allen voran der Spiegel-Chefredakteur.
    Ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem sich die meisten Menschen ein selbstkritisches Urteil bilden, blinde Mitläufer gibt es leider immer wieder. Doch die muss man ertragen können. Wenn die Medien so weiter machen, werden sich immer mehr Menschen von ihnen abwenden.
    Weiter so, stärkt die Mitte und lasst euch kein x für ein u vormachen.

  2. „Wie Medien sich von der Schulz-Phorie anstecken ließen“ trifft es leider nicht im Ansatz.

    Wir sind hier ALLE Zeugen einer absolut Dummdreisten, aber schön durchgeplanten PR-Kampagne geworden.

    Ich bin klar der Meinung, dass nicht nur grosse Teile der Mainstream-Medien TEIL dieser Kampagne waren sondern sogar Umfrage-Institute.

    Guido Reil, intimer Kenner der SPD aus Essen (Ex-SPD, heute AFD Politiker) lag mit seiner Einschätzung goldrichtig.

    https://www.youtube.com/watch?v=urd6a8P4qvk#t=18m08

    „You are Fake-News“

  3. Lieber Herr Winterbauer,

    Muss es denn sein, dass Sie schon wieder den irrenden Edelfedern vom „Spiegel“ schon wieder den Spiegel vorhalten? Gerade der Groß-Reporter Rene Pfister war doch bei seinen Unions-Features früher objektiv ziemlich vernünftig – bevor er in Berlin Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros wurde. Seither verspekuliert sich das Leitmagazin fast jedes Mal, wenn es um die clevere Angie geht. Er als Leiter verantwortet diese Fehleinschätzungen. .

  4. Schade, dass die Medien nicht dazu lernen und immer noch die Hauptaufgabe darin sehen, die Bevölkerung zu erziehen. Sie schaden damit massiv der Demokratie und der demokratischen Willensbildung. Ein Nebeneffekt des Versagens als Vierte Gewalt ist, dass sie sich selber überflüssig machen und in der gleichen Ecke wie ihre rot-grünen Idole landen werden.

  5. Man könnte auch resümieren: Jetzt, drei Landtagswahlen später, wird für alle Journalisten offensichtlich, wie wenig sie die Befindlichkeiten der Bevölkerung noch verstehen.

  6. Traurig ist das Versagen der Medien obwohl die Wahlvorhersagen es ja wussten.
    http://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/nrw.htm
    Letzte Bundeswahl waren AfD und FDP beide knapp unter 5.0 also zusammen ca. 10%. Jetzt sind es gemeinsam 12.6+7.4=20 % in NRW !
    Welche Doping- oder Korruptions-Sportarten werden durch Presse jedes Jahr cleaner ? Welche Länder werden jedes Jahr besser ? Doch vermutlich nur China.

    Eine solche Presse wird uns vor der nächsten Rezession nicht schützen. Hunger und Armut werden scharenweise Protest wählen. Die Wirtschaft ist doch auch ohne FDP gewachsen ! Der Mindestlohn hat Deutschland nicht vernichtet. Hat die Presse folglich alle (fehlerhaft argumentierenden) Mindestlohn-Gegner auf ewig in die freie Wirtschaft abgeschoben oder sollen die Eure Kinder ausbilden und die Renten planen ? Viel Spass…

    Ist der Schulz-Zug der Nachfolger vom Guidomobil ? Hätte die SPD in Schleswig Holstein weiter-regieren können, wenn man 2% an die Linke abgegeben hätte ?

    Aber wie Hillary versteht keine Partei (sondern Trump oder damals beispielsweise Schill) warum die Bürger unzufrieden sind. Auch die Alternative ist nicht wirklich alternativ. Und wer das Bildungs-System (vermutlich teurer als kostenlos per Linux) digitalisieren will, soll erst mal alle Parteien per digitalem Parteitag zwangs-demokratisieren damit jeder Bürger und VW-Kleinaktionär endlich eine digitale Stimme kriegt. Stattdessen sehe ich überall nur Hinterzimmer und keine wahren Alternativen mit adäquaten Strukturen wohingegen sogar Großkonzernen von den 40jährigen Nachwuchs-Strombergs digitalisiert werden weil die das als Teenager von C64 und Knight-Rider gelernt haben und jetzt erst an der Macht sind und Digitalisierung aktiv wirksam leben. Künstliche Intelligenz ist nur ein Baustein oder aktuell hippes Werkzeug wie „Cloud“ oder damals „Grid“ oder damals „UMTS“ und jetzt LTE und bald 5G. Die 40jährigen Nachwuchs-Entscheider sind der Haupt-Antrieb der Digitalisierung gegen die 50jährigen Fortschritts-Verhinderer-Boni-Mis-Manager welche die Emails von der Praktikantin ausdrucken lassen.
    http://meedia.de/2017/05/15/digitale-neuausrichtung-jens-de-buhr-setzt-voll-auf-kuenstliche-intelligenz-und-augmented-reality/

    Kaum ein Land wird besser. Kein FDPler oder Wirtschafts-Woche-Redakteur sagt die Rezession voraus obwohl die letzte Rezession schon 10 Jahre her ist und wegen Banken-Krise damals die Auto-Branche gerettet werden musste. Bei CNBC wird eine Staats-Anleihen-Krise vorhergesagt… Das wird noch übel enden und keiner ist vorbereitet. Auch AfD oder FDP nicht. Nur China wartet schon:
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/die-chinesen-haben-die-milliarden-schon-um-vw-zu-kaufen-14579238.html

    Bei 5! Jahren Landtag ist statistisch quasi sicher, das die NRW-CDU in der nächsten Krise regieren wird. Keine Presse fragt danach und wie der Abverkauf aller Millionen Deutschland-Jobs an China oder Oligarchen verhindert werden soll.

    Nur mal so ein Hinweis an die Wirtschafts-Woche-Redakteure: Europa hat NULLzinsen und wird durch Tesla3 ab September crashen und USA hat steigende Zinsen. Zinsen senken als übliches Heilmittel geht hier also gar nicht mehr! Abverkauf an China, USA, Heuschrecken und Russland und Türkei (Ist Grundig nicht inzwischen türkisch ?).

    Gut ist aber der Hinweis, das SPD kaum klare Wahl-Aussagen hat. Gute Parteien würden dem Bürger täglich helfen (aktuell UHD/HDR oder T2-Umstieg) und natürlich dann aus Dank gewählt werden. Wer aber abgehoben die Realitäten nur noch aus der Bild-Zeitung berichtet bekommt, ist fürs nützliche Regieren eher kaum geeignet.
    Schill, Piraten, Grüne, Linke, AfD zeigen/zeigten aber auch keine Überlegenheit…
    Mal sehen ob Trump liefert. Seine Bauprojekte sind besser als der Flughafen von Berlin oder allgemein viele deutsche Bau-Projekte (siehe Bau-Rettungs-Formate bei RTL).

  7. Voll klug auch der Kommentar von Klein-Tanit heute: Landesmutti Kraft doof, Bundesmutti Angela toll. Und Tante Friede so: *freu freu*.

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