Siggi Gabriel in werblicher Mission, Medien-Böcke in Serie und Content Marketing aus der Hölle

Gabriels Buchvorstellung, ein kapitaler Medien-Bock, Telekom-Gorillaz-Avatare
Gabriels Buchvorstellung, ein kapitaler Medien-Bock, Telekom-Gorillaz-Avatare

Schön, dass Außenminister Sigmar Gabriel Zeit findet, ein Buch zu schreiben. Weniger schön, dass er das Auswärtige Amt dabei zur PR-Agentur umfunktioniert. Außerdem in diesem MEEDIA-Wochenrückblick: Die Medien haben gleich in Serie Pannen, Schlampereien und Fakten-Verzerrungen produziert und die Telekom zeigt, wie Content Marketing ganz sicher nicht funktioniert.

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Am Montag hat Außenminister Sigmar Gabriel sein Buch „Neuvermessungen“ in Berlin vorgestellt. In dem Buch geht es mehr oder weniger um alles, das soll hier jetzt aber gar nicht weiter interessieren. Interessant ist, dass Gabriel Rezensionsexemplare seines Werkes an Journalisten mit einem Anschreiben auf Briefpapier des Auswärtigen Amtes verschickte. Die Bild hat daraus eine Story gemacht. Das AA teilte mit, dass dem Amt wegen der Versand-Aktion keine Kosten entstanden seien. Ein „Teil der Einnahmen“ aus dem Buch fließe zudem an ein Projekt für Aids-Waisenkinder in Kenia und werde für die weitere Betreuung einer syrischen Flüchtlingsfamilie genutzt, die Sigmar Gabriel seit 2016 unterstützt. Der gute Zweck heiligt die werblichen Mittel soll das vermutlich heißen. Das Auswärtige Amt hat auch über den offiziellen Twitter-Account Werbung für die Buchvorstellung des Chefs gemacht:

Unter dem Werbe-Tweet gibt es zahlreiche empörte Reaktionen. Nun stellen wir uns mal vor, Angela Merkel würde nebenher ein Buch schreiben, es über den Twitter-Account des Bundeskanzleramts bewerben lassen und unter dem Briefkopf des Kanzleramts Journalisten zur Buchpräsentation einladen. Das wäre ja fast so abwegig, wie wenn die Sprecherin des US-Präsidenten im Fernsehen dazu auffordern würde, Produkte aus der Modekollektion der Präsidenten-Tochter zu kaufen. Das sind aber nur hypothetische Überlegungen. Angela Merkel hat – anders als Sigmar Gabriel – nämlich gar keine Zeit zum Bücherschreiben.

Haben sie vergangenen Sonntag auch so gestutzt, als die Trottel im Fernsehen bei der Wahlberichterstattung zur Schleswig-Holstein-Wahl in der Bauchbinde aus dem ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen einen Carsten Harry Petersen gemacht haben? Haha, sind die doof! Waren sie aber gar nicht. Im TV wurde der Name korrekt dargestellt, der Screenshot mit dem falschen Namen war der Gag eines Twitter-Nutzers, auf den zahlreiche Medien reinfielen. Das war dann wirklich ein bisschen trottelig.

Schnell mal Twitter abgreifen für den schnellen Klick. Kann man machen, man darf sich dann aber nicht wundern, wenn es bei der berühmten Glaubwürdigkeit zu hapern anfängt.

A propos:

Der Deutschlandfunk hat hier mal eben ein Zitat von Arbeitsministerin Andrea Nahles aus dem Zusammenhang gerissen und damit den Sinn ins Gegenteil verkehrt.

Nach mehrfachen Aufforderungen und Hinweisen bequemte sich der DLF dann laut Übermedien.de in einem Kommentar dazu, die Sache halbwegs geradezurücken und sprach von „Missverständnissen“. Mittlerweile hat der DLF das Posting und den Kommentar komplett gelöscht und die Sache endlich, endlich transparent und angemessen richtiggestellt. Lange genug hat’s gedauert.

Und weiter geht es mit den Medien-Böcken der Woche. Die dpa hat dem baden-württembergischen AfD-Politiker Rainer Podeswa in den Mund gelegt, er würde das mittelalterliche Schreckenswerk „Hexenhammer“ als Ratgeber gegen den Klimawandel empfehlen. Die Medien machten daraus dann reihenweise noch verzerrtere Schlagzeilen, die darin gipfelten, Podeswa würde empfehlen Frauen, zu verbrennen um das Klima zu retten (eine Zeile des Springer-Qualitätsangebots Welt.de). Dabei wollte der AfD-Mann mit dem zugegebenermaßen verqueren „Hexenhammer“-Vergleich vor den seiner Meinung nach schlimmen Folgen einer Klima-Ideologie warnen, was aus dem Kontext des Zitats auch zweifelsfrei abzulesen ist. Nur das Drumherum, das den „Hexenhammer“-Satz Podeswas einordnet, haben die lieben Medien bei ihren Video-Schnipseln und Nacherzählereien halt einfach mal weggelassen. Hier nur Schlamperei zu erkennen und keine bösen Absichten, erfordert schon einiges an Goodwill.

Damit wir nicht mit absolut mieser Stimmung ins Wochenende gehen, hier noch ein Schmunzel-Beitrag aus der Abteilung Content-Marketing from Hell:

Telekom Markenchef Hans-Christian Schwingen interviewt zwei Computer-Avatare der Band Gorrilaz. Ich kann mich nicht so recht entscheiden, für wen das peinlicher ist. Für die Band oder für den Telekom-Heini. Auf jeden Fall schade um’s schöne Geld.

Schönes Wochenende!

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