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#rp17 zwischen Rebellion und Content Marketing: Wieso die re:publica nicht weiter wachsen sollte

Auf der re:publica treffen sich die digitale Szene zum Austausch
Auf der re:publica treffen sich die digitale Szene zum Austausch

Die re:publica ist vom Blogger-Get-Together über das Klassentreffen der Netzgemeinde zur ernsthaften Digitalkonferenz herangewachsen. Das hat sich bereits im vergangenen Jubiläumsjahr gezeigt und auch 2017 bestätigt. Ihren Gründern ist auch bei der inzwischen elften Auflage der aktivistische Geist der re:publica wichtig – doch droht genau dieser von der Größe der Veranstaltung erdrückt zu werden.

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Dass die re:publica jetzt erwachsen sei, mögen ihre Schöpfer nicht hören. Erwachsen sein. Das bedeutet, dass man eine gewisse Reife erreicht hat, manche Dinge vielleicht nicht mehr angehen will. Erwachsen sein bedeutet irgendwo auch alt zu sein. Tanja Haeusler will das nicht, zumindest nicht für ihre Konferenz. „Auf dem Weg zum Erwachsenwerden geht viel verloren.“ Mit diesen Worten schwor die Co-Gründerin der re:publica die digitalen Jünger bei der Eröffnung der Konferenz am Montag in Berlin auf die kommenden drei Tage ein. Sie und ihre Mitgründer wollen noch immer etwas verändern, Punk sein.

Ihren aktivistischen Charakter hat die re:publica auch nach nun mehr als zehn Jahren nicht verloren, auch wenn der Digitalkonferenz nicht mehr nur immer mehr etablierte Medienmacher beiwohnen, sondern auch Internet- und Techkonzerne, die man vor einigen Jahren noch (viel) mehr das Böse als das Gute waren. Doch könnte sich das zukünftig ändern.

Haeusler und ihre Mit-Organisatoren Johnny Haeusler, Markus Beckedahl und Andreas Gebhard beschreiben die re:publica heute lieber als „professioneller“ als noch vor einigen Jahren. Vielleicht ist diese Beschreibung tatsächlich die bessere. Die Digitalmesse erfordert das, sie ist längst eine organisatorische Herausforderung. Mehr als 1.000 Redner und Diskutanten standen in den vergangenen drei Tagen auf den Bühnen in der Station Berlin, deren Räumlichkeiten bei dem ein oder anderen Panel der insgesamt über 520 an ihre Grenzen stießen.

Vergangenes Jahr strömten mehr als 8.000 Besucher zur „rp10“, in diesem Jahr werden es kaum weniger gewesen sein. Es ist auch diese Größe, die von der re:publica verlangt, „erwachsen“ oder professioneller zu werden: Vergangenes Jahr expandierte die Veranstaltung ins Ausland, ihre Partner heißen in diesem Jahr Google, Microsoft, Deutsche Bank oder Daimler. Auch wenn die re:publica lieber Punk sein will; sie ist längst im Mainstream angekommen.

Missbrauch der Bühne für Content Marketing

„Love out loud“: Das diesjährige Motto der re:publica

Die Entwicklung des einst als „Klassentreffen“ bezeichneten Events ist grundsätzlich erst einmal erfreulich und eine tolle Erfolgsgeschichte für ihre Macher. Auch wenn der Mainstream des Punks größter Feind sein mag, ist er für die re:pulica nicht schlecht. Als Veranstaltung hat sie jedes Jahr eine klare Message, die sie vielen digitalen Jüngern und interessieren mit auf den Weg geben will. „Love out loud“ war das diesjährige Motto, die re:publica zeigte sich mit freundlichem Gesicht als Gegensatz zur hässlichen Fratze, die das Internet manchmal zeigen kann, als Plädoyer für mehr Liebe Internet, dessen Sphären durchzogen scheinen von Hate und Fake.

Auch wenn es auf inhaltlicher Ebene mehr um diese beiden negativen Attribute ging als um Liebe – mehr als 35 Panels beschäftigten sich im engeren oder weiteren Sinne mit Fake News (und sicher gab es nicht bei jeder Veranstaltung unterschiedliche Dinge zu hören) –, bietet die re:publica die Möglichkeit, seine Sinne zu schärfen, Methoden zu hinterfragen oder neue Werkzeuge zu lernen.

Doch ist die Größe zugleich zur mittlerweile größten Schwäche geworden. In mehr als 520 Sessions geht die Übersicht schnell verloren, die Perlen – und die gibt es – sind nur schwer zu finden. Den Besuchern könnte die Teilnahme erleichtert werden – weniger ist mehr.

Nicht alles, was auf der re:publica stattfindet, ist wirklich interessant oder relevant – nicht alles erweckt den Eindruck, als ginge es um Inhalte, sondern eher um Werbung in eigener Sache, um Kommerz. An einigen Stellen wird der Missbrauch der Bühnen als plumpe Anzeigenplätze nicht verhindert. Bezogen ist das nicht nur auf die re:publica, sondern auch auf die in ihrem Rahmen stattfindende Media Convention, die sich selbst als „wegweisenden Medienkongress“ beschreibt.

Diese Form des Content Marketings gehört bei Kongressen womöglich irgendwo dazu und kluge Rezipienten sind in der Lage, diese zu enttarnen – nur ist es dann meist zu spät und der Ruf der spannenden Kritiker, Netzphilosophen und Visionäre ist verhallt.

Redner bei der re:publica: Friedensbuchpreisträgerin Carolin Emcke (o.l.), Sascha Lobo (o.r.), Gunter Dueck und Miriam Meckel

Diese waren in diesem Jahr neben „Klassensprecher“ Sascha Lobo wieder Gunther Dueck, der über gute und schlechte Aufmerksamkeit im Internet referierte und die Frage nach der Präsenz von Intellektuellen im World Wide Web aufgeworfen hatte, oder Miriam Meckel mit einem Vortrag über die Optimierung unserer Gehirnleistung. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Für die Besucher der re:publica ist die inhaltliche Ebene freilich nur das halbe Vergnügen. Es geht ums Sehen und Gesehenwerden, um den Austausch unter Freunden und Kollegen oder einfach nur darum, seinen Twitter-Followern auch mal die Hand zu schütteln. Dies ist wohl die wahre Identität der re:publica, die ihre Fans zu schätzen wissen.

Ob „alternativ“ ermittelt oder vor Ort nachgefragt: Selten nennen – vor allem professionelle – Medienmacher die Diskussionen oder Panels als ersten Grund für ihre Anwesenheit.

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