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Warum Eltern vorab schauen sollten: die heikle Sache mit dem Jugendschutz bei Netflix, Amazon Prime & Co

Augen auf beim Jugendschutz: Erwachsenen-Serien, bei Netflix, Amazon Prime & Co
Augen auf beim Jugendschutz: Erwachsenen-Serien, bei Netflix, Amazon Prime & Co

Streaming-Portale, bzw. so genannte Video On Demand Dienste (VoD) wie Netflix oder Amazon Prime Video sind beliebt und locken mit immer mehr und aufwändigeren Eigenproduktionen. Wer seine minderjährigen Kinder aber allzu sorglos Netflix & Co schauen lässt, kann eine unliebsame Überraschung erleben. Jugendschutz funktioniert in der schönen, neuen Medienwelt anders als bei Kino und Fernsehen und erfordert viel mehr Eigeninitiative der Eltern.

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Bei Kino, (linearem) Fernsehen und DVD/Blurays ist der Jugendschutz in Deutschland recht nutzerfreundlich geregelt. Da gibt es die FSK, die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, die Filme und TV-Serien prüft und mit den allseits bekannten Altersfreigaben versieht: ab 0, ab 6, ab 12, ab 16, ab 18. Die in aller Regel farblich markierten Altersangaben der FSK geben eine gute Orientierung bei der Auswahl des Medienkonsums. Bei öffentlichen Aufführungen, also z.B. in Kinos, sind diese Altersangaben bindend. Ein Zwölfjähriger darf auch in Begleitung eines Erziehungsberechtigten nicht in einem Film ab 16.

Es handelt sich hierbei um keine staatliche Kontrolle, sondern – wie der Name schon sagt – um eine freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft. Für das Fernsehen gibt es analog hierzu eine Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen. Laut deren Richtlinien dürfen im frei empfangbaren TV von sechs bis 20 Uhr Sendungen gezeigt werden, die für Kinder bis zwölf Jahre geeignet sind. Von 20 bis 22 Uhr gibt es eine Freigabe für Sendungen ab 12 Jahren, von 22 bis 23 Uhr bis 16 Jahren und von 23 bis sechs Uhr ab 18 Jahren.

Während im öffentlichen Raum das Jugendschutzgesetz greift, unterliegen Rundfunk- und Online-Anbieter dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag. In diesem ist geregelt, dass für Inhalte, die erst ab 16 oder 18 Jahren frei sind, Zugangsbeschränkungen gelten müssen. Außerdem muss der Anbieter einen Jugendschutzbeauftragten benennen. VoD-Anbieter wie Netflix und Amazon haben sich keiner freiwilligen Selbstkontrolle verpflichtet, sie prüfen ihre Inhalte komplett selbst. Allerdings müssen sie bei bereits FSK-geprüften Inhalten die Altersangabe gut sichtbar veröffentlichen. Laut FSK hat Amazon allerdings freiwillig einige der Eigenproduktionen von sich aus von der FSK prüfen und mit einer Altersfreigabe versehen lassen.

Schaut man nun aber eine Netflix-Eigenproduktion, so fehlt in der Regel jede Altersangabe zur Orientierung. Wer also meint, gemeinsam mit dem Sohnemann mal eben eine Folge der populären Netflix-Superheldenserie „Daredevil“ zu schauen, erlebt unter Umständen eine Überraschung, wenn die Knochen knacken und das Blut spritzt. Und dass die Netflix-Sitcom „Master of None“ einen sehr erwachsenen Humor weit unterhalb der Gürtellinie pflegt, wird zwar schon nach wenigen Minuten deutlich, aber eben erst nach dem Einschalten.

Prinzipiell bieten sowohl Netflix als auch Amazon Prime gut funktionierende Jugendschutzfilter. Nutzer können selbst einstellen, ab wieviel Jahren eine vierstellige PIN vor der Wiedergabe abgefragt wird. Voreingestellt ist diese Jugendschutz-PIN für Inhalte ab 18 Jahren. Netflix bietet zwar auch ein reines Kinder-Profil, in dem ausschließlich jugendfreie Inhalte zu sehen sind, die Erwachsenen-Profile sind aber jeweils nur einen Klick entfernt. Und die VoD-Anbieter legen die Altersgrenzen in der Regel eher großzügig aus. Der Grad an Sex- und Gewaltdarstellungen bei Netflix- und Amazon-Serien, die ab 16 klassifiziert sind, ist durchaus bemerkenswert. So ist die brandneue Amazon-Serie „American Gods“ frei ab 16 Jahren und bietet schon in der ersten Folge extremste Gewaltdarstellungen und eine verstörend-bizarre Sex-Szene. Ohne dass Eltern aktiv werden und die Jugendschutz-PIN verändern, ist eine solche Erwachsenen-Serie für jeden Zuschauer in der Familie mit einem Klick abrufbar.

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Zuständig für die Einhaltung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrag ist die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten (KJM). Diese prüft potenzielle Verletzungen auf Antrag oder auch proaktiv. Wie die KJM gegenüber MEEDIA erklärt, gab es bislang noch keine Beschwerden bezüglich des Jugendschutzes bei VoD-Anbietern. Man habe auch bisher keinen Anlass für eine Prüfung gesehen.

„Mit dem Jugendmedienschutz ist es so ähnlich wie mit guter Schokolade: Eigentlich reicht das, was man hat, nie aus. Aber gerade bei VoD-Anbietern liegt es vor allem in der Verantwortung der einzelnen Anbieter, Jugendschutzmaßnahmen zu implementieren“, sagt Cornelia Holsten, die Vorsitzende der KJM.

Wobei es aus Nutzersicht sicherlich hilfreich wäre, wenn auch VoD-Dienste flächendeckend Altersempfehlungen ausweisen würden. Sie müssen eine entsprechende Klassifizierung intern ja ohnehin vornehmen, wegen der Einstellung der Jugendschutz-PIN. Zumindest Netflix aber lässt seine Nutzer im Ungewissen, ab wieviel Jahren ein bestimmter Inhalt empfohlen wird. Laut den Hilfeseiten von Netflix soll bei bestimmten Inhalten der Hinweis „Mitschauen erwünscht“ stehen für den gilt: „Mitglieder sollten sich vorab Bewertungen zu den Titeln durchlesen oder die Titel selbst ansehen, um einschätzen zu können, ob diese für kleine oder ältere Kinder sowie Teenager geeignet sind.“ In freier Wildbahn wurde dieser Hinweis vom Autoren noch nicht entdeckt. Eine entsprechende Frage an Netflix, bei welchen Inhalten der Hinweis angezeigt wird, wurde nicht beantwortet.

Streaming-Angebote bieten also durchaus Jugendschutz-Funktionalitäten. Diese sind aber teilweise deutlich weiter ausgelegt als bei anderen Medien und erfordern wesentlich mehr Eigeninitiative von Seiten der Eltern. Nutzer müssen sich mit den Menü-Strukturen der Anbieter auseinandersetzen und selbstständig die Jugendschutz-PINs auf eine gewünschte Altersstufe setzen. Wer auf Nummer sicher gehen will, kommt nicht darum herum, Filme und Serien vorab anzuschauen.

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