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re:publica 2017: Wieso die Social-Media-Chefin der Welt den Begriff „Fake News“ aus ihrem Wortschatz streichen will

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Wenn die Veranstalter der re:publica 2017 für mehr Liebe im Netz plädieren, dann sind Hassrede und Fake News die unvermeidliche Kehrseite der Medaille. Am Dienstag kam ein prominent besetztes Panel zusammen, um über diese hässlichen Phänomene zu diskutieren – und um zu erörtern, wie Medien und ihre Macher damit umgehen sollen.

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Am Anfang des Panels stellt Niddal Salah-Eldin, Social-Media-Chefin von WeltN24, eine Forderung: „Ich möchte, dass dieser Begriff auf der re:publica begraben wird.“ Gemeint ist die „unsägliche“ Beschreibung eines Phänomens, das für so vieles, vor allem aber für nichts Gutes steht: Fake News. Applaus.

Werden Fake News auf Podien diskutiert geht es immer auch um die Bedeutung und Deutung dieses Begriffs, den vor allem der amtierende US-Präsident Donald Trump in seinem Wahlkampf etabliert hat. Fake News, das sind – wie der Name schon sagt – falsche Nachrichten. Die Beschreibung ist zum „Kampfbegriff“ geworden, wie es „Tagesschau“-Redakteur Patrick Gensing formuliert. Ein Kampfbegriff, bei dem es ursprünglich um die Diffamierung etablierter Medien ging, und den sich diese zu eigen gemacht haben, um eben solche Fake News zu enttarnen. Es klingt kompliziert – ist es auch. Denn in der Debatte um falsche Nachrichten sei „Trennschärfe“ verloren gegangen, bemängelt Salah-Eldin. Genau deshalb will sie ihn aus ihrem Wortschaft streichen.

Forderungen wie diese kommen gut an auf der re:publica, die in diesem Jahr für mehr Liebe im Netz plädiert. Doch im Panel „Survival of the fakest?“ sollte es am Dienstag nicht nur um die Beerdigung von Begrifflichkeiten gehen, sondern um Maßnahmen und Ideen, wie mit falschen Informationen und ihrer Verbreitung umgegangen wird. Zusammengekommen sind neben der Welt-Journalistin und ihrem „Tagesschau“-Kollegen auch der Medienkritiker Stefan Niggemeier, Richard Gutjahr und David Biesinger, Programmverantwortlicher des Inforadios beim rbb.

Es ging um die Frage, was Medien und ihre Macher den Fake News entgegensetzen können und – sofern sie es als ihre Aufgabe begreifen – wen sie davor schützen wollen.

Von Gegenrede und Fact Checking

Dass er es nicht schaffen wird, einen überzeugten Reichsbürger bei Twitter umzustimmen, dessen ist sich Richard Gutjahr bewusst, wie er sagt. Trotzdem lasse er sich immer mal wieder auf einen Streit ein, berichtet der BR-Moderator und Digital-Experte. Warum? „Für alle anderen, die uns dabei vielleicht zuschauen“, so seine Begründung. Dabei gehe es ihm nicht um Spaß an der Streitlust oder Selbstdarstellung. Sondern darum, diesen Nutzern ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit entgegenzubringen – manchmal mit Erfolg.

Um die Zuschauer, die „große schweigende Mehrheit“, die falsche Behauptungen sieht oder Auseinandersetzungen verfolgt, geht es auch Salah-Eldin. Es gehe ihr darum, diese Leute zu „schützen“, „für die wollen wir Position beziehen“. Dabei hätten sie und ihr Team mit Gegenrede auch schon Erfolgserlebnisse bei den Verbreitern gehabt.

Im Kampf gegen Fake News setzen immer mehr Medien auf die Einrichtung gesonderter Fact-Checking-Teams. Zahlreiche Medien, allen voran die öffentlich-rechtlichen, beschäftigen mittlerweile solche Sondereinheiten, die sich auf die Überprüfung unglaubwürdiger Inhalte spezialisieren sollen. Bei Fact-Checking-Teams schwingt aber immer auch die Frage mit, ob diese nicht eine Arbeit übernehmen, die für einen Journalisten selbstverständlich ist. Ja, sagt Niggemeier, der in ihrer Gründung auch eine Art Redaktionsmarketing erkennen will. Dennoch glaubt er an die Notwendigkeit dieser Einheiten.

„In der Beziehung zwischen uns und dem Publikum ist etwas entgleist“

Niggemeier plädierte auch für eine grundsätzlich ergebnisoffenere Herangehensweise in der Arbeit mit Fake News. So sollte es nicht ausschließlich darum gehen, Fake News gezielt zu enttarnen, sondern sich zweifelhaft wirkende Inhalte grundsätzlich erst einmal anzuschauen. Vor allem aber ist der Medienkritiker für mehr Besonnenheit der Medien in ihrem Auftreten.

Damit stimmte Niggemeier seinem Vorredner Gutjahr grundsätzlich zu. Es seien immerhin auch die Medien gewesen, die mit ihren zahlreichen Prognosen im US-Wahlkampf oder rund um das Brexit-Referendum daneben gelegen hätten. „Das eigentliche Problem sind nicht Fake News“, so der Journalist. „In der Beziehung zwischen uns und dem Publikum ist etwas entgleist.“ Medien sollten an ihrem „gestörten Verhältnis zum Publikum“ arbeiten. Doch statt dieses tiefgreifende Problem anzugehen, versuche man es mit „Pflastern auf der Oberfläche“.

Dieses möglicherweise erschütterte Medienvertrauen will Biesinger unter anderem durch transparentes Arbeiten zurückerlangen. Wie vielen anderen Medienmachern gehe es auch ihm darum, journalistische Prozesse nachvollziehbar zu machen. „Ein konstruktiver Ansatz wäre, sich einen Aspekt aus der Berichterstattung herauszunehmen, beispielsweise die Kriminalität, und Nutzern und Zuschauern zu erklären, wie dahinterstehende Statistiken funktionieren.“

Vorstellungen wie diese sind immer verbunden mit dem Aufbau von Medienkompetenzen. Salah-Eldin sieht hier auch den Staat in der Pflicht. „Man kann in Deutschland einen Schulabschluss machen, ohne zu wissen, wie die Medienlandschaft funktioniert.“ Es ist eine Forderung, die bereits mehrfach gefallen ist auf der diesjährigen re:publica. Am Vortag appellierte bereits „heute“-Nachrichten-Moderator Claus Kleber für mehr Bildung und lobte dabei die Arbeit der Medien und Medienmacher, die selbst versuchen, den Aufbau von Kompetenzen zu übernehmen. 

Oder, um es mit Gutjahrs Worten zu sagen:

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