TV-Reiseführer von Netflix bis ARD: ein erster Blick in die neue Fernsehzeitschrift des Spiegel

Spiegel Programmpackung mit 188 Seiten. Für vier Wochen testen die Hamburger in Hessen
Spiegel Programmpackung mit 188 Seiten. Für vier Wochen testen die Hamburger in Hessen

Benno Ohnesorg, Brad Pitt und Nora Tschirner. Kein Hollywood-Starlett in aufreizender Pose, aber das Versprechen: „Das Beste aus TV & Streaming“. Das ist das erste Cover der neuen 14-täglichen Fernsehzeitschrift des Spiegels. Für vier Wochen wollen die Hamburger den Neuling in Hessen testen. Der erste Eindruck des Magazins: ein großer, kluger und ruhiger Mantelteil und ein uninspirierter Programm-Bereich, der ohne Bewertung und Einordnung daherkommt.

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Der erste Absatz des Editorials liest sich zum Start gleich einmal wie ein Mission Statement der neuen Programmzeitschrift: „Fernsehen ist wieder wichtig geworden. Aufregend. Überraschend. Unberechenbar. Streamingdienste wie Netflix und Amazon Prime haben neue Standards für das Erzählen gesetzt, und das klassische TV lässt sich davon zu neuen Höchstleistungen anspornen. Fernsehen ist längst nicht mehr das ungeliebte Geschwisterchen des Kinos. Es ist Medium Nummer eins. Das Medium unserer Zeit“.

Was in dieser ersten Regierungserklärung der Macher fehlt, ist der Hinweis, dass es ein durchaus mutiger Entschluss ist, den gesättigten Markt der TV-Zeitschriften mit einem weiteren Titel aufrollen zu wollen.

Wie ihnen das gelingen soll, bzw. mit welcher Taktik die Hamburger punkten wollen, verraten sie auch in ihrem Editorial: „Spiegel Fernsehen soll Sie durch das unübersichtliche und aufregende Terrain zwischen Netflix und ARD, zwischen Amazon Prime und Arte navigieren. Wie ein TV-Reiseführer für die nächsten 14 Tage. Wir sagen Ihnen, was sich lohnt“.

In der Aufzählung fehlt Sky oder auch RTL. Das zeigt bereits: Auf TV-Entertainment aus dem Mainstream-Regal der großen Privatsender und Seh-Hinweise auf Formate wie „Deutschland sucht den Superstar“, wollen die Hamburger möglichst verzichten.

Dementsprechend auch die Aufteilung des 66-seitigen Mantelteils in „Filme und Serien“, „Dokumentation“ und „Streaming“. Die Titelgeschichte ist ein Gespräch von Sonja Hartig und Alexander Kühn mit Nora Tschirner über Schönheit, Heidi Klum und den „Tatort“. Das Interview hätte so auch im Spiegel erscheinen können. Es ist klug und kurzweilig und hätte mit einer Länge von sieben Seiten wohl niemals in einem klassischen Burda -oder Bauer-Programmie Platz gefunden.

Was folgt ist eine schier endlose Abfolge von Besprechungen und Hintergrundgeschichten zu Serien wie „Hindafing“ („Die deutsche Antwort auf Fargo“), Dokumentationen wie „Benno Ohnesorg“ oder Streaming-Perlen wie „War Machine“ mit Brad Pitt. Unterbrochen wird der Programm-Tipp-Reigen von Kolumnen: Daniel Kehlmann über Serien (diesmal „Die Sopranos“), Alexander Kühn über Ikonen der Jugend (diesmal „Hart aber herzlich“) oder Nils Minkmar zur Fernsehrepublik (diesmal: Dunja Hayali) sowie einer großen Spiegel-Reportage. Auf fünf Seiten druckt Spiegel Fernsehen noch einmal das Stück „Der König von Heilbronn“ über den Lidl-Gründer Dieter Schwarz. Das Stück erschien bereits im Print-Spiegel und wurde zudem auf Spiegel Online als Plus-Inhalt verkauft.

Eine solche Zweitverwertung dürfte dem geneigten Spiegel-Käufer, der nun auch einmal zur Fernsehpostille des Nachrichtenmagazins seines Vertrauens greift, nicht gerade gefallen.

Grundsätzlich lässt sich festhalten: Textlich ist der Mantelteil absolut auf Spiegel-Niveau. An der Optik und der Themenmischung werden die Macher noch schrauben müssen. Alle Käufer, die das visuelle Farb-Spektakel der normalen Programmies von TV-Spielfilm, Movie & Co. gewohnt sind, bei der jede Story knallig und bunt daherkommt, dürften die zurückgenommenen, sehr klar und blass gestalteten Seiten des Neulings mehr verwirren als beruhigen.

Doch das alles ist nur Vorspiel: Wie der Name schon sagt, geht es in einer Fernsehprogrammzeitung um das Fernseh-Programm und das kommt bei Spiegel Fernsehen für den Preis etwas zu kurz. Lediglich eine Doppelseite mit Highlights ist den Listing-Tabellen der Sender vorgeschaltet. Diese präsentieren jeweils die Tagestipps und heben das Beste aus den Bereichen „Filme & Serien“, „Doku & Reportage“ und „Was sonst noch läuft“ hervor. Bei der Konkurrenz sind das bis zu sechs Seiten. Hier spart der Neuling an Information. Möglicherweise fehlt auch schlicht die nötige Kompetenz.

Das könnte auch ein Grund sein, warum der Spiegel auf eine Bewertungsskala verzichtet. Beim Programmie von der Ericusspitze sucht man vergebens nach Daumen, Punkten oder Movie-Stars, die verraten, ob das Einschalten lohnt. Allerdings wäre eine solche Bewertung unter dem Logo des Spiegel auch schwer, weil die Listings vom Klambt als Dienstleister angeliefert werden.

Im Vorfeld war die Rede davon, dass man vor allem mit Kultur-, Doku- und Info-Hinweisen für ein anspruchsvolles TV-Publikum punkten will. Dafür fallen die Programm-Tipps dann doch etwas zu dürftig aus.

Der Erstling von Spiegel Fernsehen präsentiert sich als Niveau-Hybrid. Ein kluger, aber nicht gerade aufregender Mantelteil und ein Programm-Abschnitt, sich doch eher am Niveau der kostenlosen Beilagen vieler Tageszeitungen orientiert.

Noch ist Spiegel Fernsehen allerdings kein fertiges Produkt. Der TV-Sprache würde man von einem Piloten sprechen. Das Projekt ist pilotiert und wird für vier Wochen in Hessen getestet. Dann wird man beim Spiegel entscheiden, ob es überhaupt Marktchancen hat und an welchen Stellen nachgebessert werden muss. Wie bei den meisten Piloten wird wohl auch für diesen TV-Titel gelten: So wird er wohl kaum in Serie gehen. Denn es sei noch einmal an die Worte im Editorial erinnert, dass man einen „TV-Reiseführer“ vorlegen wolle, der sagt, „was sich lohnt“.

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Alle Kommentare

  1. Heute mal durchgeschaut. Aufmachung ist in Ordnung, der Inhalt leider enttäuschend. Die Hälfte der Besprechungen wirken, als hätte der Rezensent das betreffende Programm nicht gesehen. Wo man bei „American Gods“ einen Superhelden gesehen haben will, muss er mir mal erklären. Das ganze Heft wirkt wie gemacht für jemanden, der noch nie Fernsehen gesehen hat.

  2. Nu ja, wahre Innovationen am Fernsehzeitschriftenmarkt sind seit Jahren unbekannt und beim SPIEGEL wird so manches lanciert und endet dann im Embryonenglas. Kurz und oft genial witzig wird man über das Geschehen im Kanalisationsgewerbe aber ohnehin unverzichtbar seit Jahrzehnten in der TIP Berlin Fernsehbeilage informiert.

  3. Kunden einen Text über Lidl zu servieren, den sie u.U. schon einmal gekauft haben, ist kein gutes Omen. Ebenso eine weitere Flut von Kolumnen. Der Senf von Minkmar & Co. nervt ohnehin schon gewaltig, nur noch übertroffen vom Covergirl Tschirner am Freitag in der NDR-Talkshow: zum Abschalten affig.

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