„Unbegründet“, „Unzulässig“: Focus Online reagiert auf die Bild-Klage wegen systematischem Artikelklau

Chefredakteure Daniel Steil (Focus Online), Julian Reichelt (Bild.de)
Chefredakteure Daniel Steil (Focus Online), Julian Reichelt (Bild.de)

Es hat fast fünf Monate gedauert, aber jetzt reagieren Burda und Focus Online auf die Klage der Bild wegen „systematischem“ Inhalte-Diebstahl von Bild Plus-Inhalten. In ihrer Klageerwiderung, die am heutigen Mittwoch beim Landgericht Köln eingeht, weisen die Münchner die Vorwürfe als „unzulässig“ und „unbegründet“ zurück.

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Via Pressemitteilung hatte Springer am 17. Januar, noch bevor ein entsprechendes Schreiben bei Gericht eingegangen war, bekanntgegeben, dass man eine wettbewerbs- und urheberrechtliche Klage gegen Focus Online eingereicht hat. Die Klage wendet sich dagegen, „dass Focus Online systematisch exklusive Bezahl-Inhalte von BildPlus abschreibt und zum Teil des eigenen Geschäftsmodells macht, das Journalismus reichweitenorientiert vermarktet“. Grundlage der Klage sei die gezielte Behinderung des Geschäftsmodells von BildPlus sowie eine Verletzung des Datenbankrechts.

Jetzt äußern sich erstmals die Angegriffen zu dem Thema. So ist man bei Burda davon überzeugt, dass die Vorwürfe des „Artikelklaus“ und der wettbewerbswidrigen Behinderung jeder Grundlage entbehren. Tatsächlich sei das offensichtliche Ziel der Klage, „Informationen zu monopolisieren, die hinter der Paywall von BildPlus veröffentlicht wurden, um sie besser vermarkten zu können“. Und dies widerspreche dem grundgesetzlich geschützten Recht der Informations- und Meinungsfreiheit.

Focus Online argumentiert, dass das Zitieren fremder und eigener Inhalte branchenüblich sei und von der Bild-Gruppe täglich praktiziert werde. Tatsächlich feiere sich die Boulevard-Marke sogar für die Aufmerksamkeit, die ihre Artikel in anderen Medien erfahre.

Weiter führt man bei Burda ins Feld, dass die hinter der Paywall von BildPlus veröffentlichten Artikel nahezu zeitgleich auf frei zugänglichen Onlineangeboten von Welt, B.Z. und SportBild publiziert werden würden.

„Es soll der Eindruck erweckt werden, das Angebot von Focus Online bestehe zu großen Teilen aus Kopien von BildPlus-Artikeln“

Besonders empört scheint man in München noch immer von der Überrumpelungstaktik zu sein, mit der man bei Springer in der Sache vorgegangen war. So heißt in der ersten Stellungnahme: „In der Bild-Klageschrift und der begleitenden medialen Kampagne soll der Eindruck erweckt werden, das Angebot von Focus Online bestehe zu großen Teilen aus Kopien von BildPlus-Artikeln.“

Allerdings liege der Anteil von Artikeln mit Zitaten aus dieser Quelle an den gesamten Veröffentlichungen auf Focus Online bei weit unter einem Prozent (ausgewerteter Zeitraum: April – Juli 2016). „Focus Online handelt bei der Nutzung seiner vielen Informationsquellen, zu denen unter anderem die Bild-Medien zählen, nach rein publizistischen Kriterien. Die von Bild unterstellte Absicht einer gezielten Behinderung des Geschäftsmodells oder einer Marktstörung gibt es nicht.“

„Die Klage dient offenbar keinem juristischen Zweck, sondern der kampagnenartigen Diskreditierung eines erfolgreichen Mitbewerbers. Dem Ausgang des Verfahrens sehen wir sehr optimistisch entgegen“, kommentiert Focus Online-Chefredakteur Daniel Steil.

Vorbereitet wurde die juristische Springer-Attacke von langer Hand. Bereits seit Monaten sammelte die Bild alle Bezahl-Artikel, deren Inhalt das Burda-Portal zum kostenlosen Lesen zusammenfasste. Bei dieser Analyse kam Springer zu dem Ergebnis: „Focus Online verwertet systematisch und oft schon unmittelbar nach der Erstveröffentlichung die exklusiven BildPlus- Geschichten auf der eigenen Homepage. Mit der Klage verlangt Bild Unterlassung, Auskunft und Schadensersatzfeststellung.“

Bild-Chef Reichelt: „Für uns geht es hier um das Wertvollste, was wir als journalistische Marke haben“

In einem ersten Kommentar sagt Julian Reichelt, Digital-Chef der Bild: „Für uns geht es hier um das Wertvollste, was wir als journalistische Marke haben: unsere mit eigenen Ressourcen recherchierten Inhalte. Wir haben einzelne Fälle gegenüber Focus Online zunächst im Guten kritisiert – ohne Erfolg.“ Tatsächlich ärgert er sich seit langem sehr laut und öffentlich über die Praxis des Burda-Portals. Weiter erklärte er in der Pressemitteilung: „Leider mussten wir dann feststellen, dass Focus Online systematisch vorgeht und unsere exklusiven Geschichten stiehlt und verwertet, um auf diese Weise kostengünstig, ohne jedes redaktionelle Investment, die eigene Reichweite zu erhöhen. Mit diesem Verhalten greift Focus Online das Geschäftsmodell einer ganzen Branche an – dagegen müssen wir uns wehren.“

Die Klageerwiderung folgt nun ihrerseits einem interessanten Zeitplan. Nicht ohne Hintergedanken dürften die Münchner diese gerade am Tag der Presse- und Meinungsfreiheit eingereicht haben. Zudem werden nahezu zeitgleich Stellenstreichungen bei der allerdings von den Onlinern getrennten Focus-Print-Redaktion in Berlin bekannt. Bereits in der vergangenen Woche verschärfte sich der Ton zwischen Bild und Focus Online, als die Münchner einen Text über die Auflagenverluste der gedruckten Bild und den daraus resultierenden sinkenden Vermarktungs- und Vertriebseinnahmen publizierten. Am heutigen Mittwoch liest sich dieser Text fast schon, wie die ebenfalls medial orchestrierte Vorbereitung der Klageerwiderung.

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Alle Kommentare

  1. Meine Güte! Rettet den Genitiv!

    „…wegen systematischen Artikelklaus.“

    Dürfen wir nicht mal mehr erwarten, dass die Überschrift fehlerfei ist?

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