Schade, dass Sie aufhören, Thomas Fischer! Der Bundesrichter schreibt seine letzte Kolumne bei Zeit Online

BGH-Richter und wortgewaltiger Kolumnist: Thomas Fischer
BGH-Richter und wortgewaltiger Kolumnist: Thomas Fischer

Zuerst gab Thomas Fischer seine Stelle als Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe auf, jetzt hört er auch noch mit seiner viel gelesenen und diskutierten Kolumne bei Zeit Online auf. In der 118. und letzten Folge von "Fischer im Recht" zieht der ebenso wortmächtige wie streitbare Jurist Bilanz.

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28 Monate, 430.000 Wörter, über drei Millionen Zeichen und rund 75.000 Kommentare – das ist die auch zahlenmäßig beeindruckende Kolumnen-Bilanz von Thomas Fischer bei Zeit Online. Bei den Kommentaren hat er seine eigenen Antworten schon abgezogen, Fischer mag es eben genau. Er ist ganz offensichtlich ein Mann mit mehreren Talenten. Zunächst einmal ein brillanter Jurist, was ihm von Menschen attestiert wird, die sich mit der Materie auskennen. Und dann auch noch ein exzellenter Schreiber, wenn auch mit einer gewissen Neigung zur Ausschweifigkeit. Außerdem war Fischer nie um eine Meinung verlegen. Er suchte die Konfrontation nicht immer und um jeden Preis, ging ihr aber auch keinesfalls aus dem Wege.

Die Standard-Vorwürfe gegen Fischer und seine Kolumne waren, dass er von Eitelkeit und Geltungsdrang getrieben sei und außerdem ein Problem mit Frauen habe. Letzterer Vorwurf entzündete sich u.a. an seinen wortreichen Einlassungen zur jüngsten Reform des Sexualstrafrechts, die durch den Fall Gina Lisa Lohfink eine sehr hohe Aufmerksamkeit erlangte. Dabei zählten Fischers Beiträge zum Thema zum Besten, was dazu zu lesen war. Eben weil sie von Sachkenntnis durchdrungen waren und deutlich Position bezogen. Dass er mit der eigenen Zunft auch nicht immer zimperlich umsprang, soll ihm beim BGH und anderswo auch nicht nur Freunde gemacht haben.

In seiner Abschieds-Kolumne schreibt er nun:

Wer halbwegs klare Meinungen vertritt und dies auch noch zu begründen versucht, erlangt Zustimmungen und Verneinungen. Das ist Sinn der Sache. Was in den Bereich des persönlich Herabsetzenden und des offenkundig Blöden hineinreicht, tut gleichwohl gelegentlich weh, selbst wenn es auch erheitern mag.

Nicht nur einmal hat Fischer unsägliche Beleidigungen und Pöbeleien dokumentiert, die ihn nach Kolumnen oder öffentlichen Auftritten erreichten. Er bekam freilich auch viel Lob und Zustimmung. Auf Seiten der Medien wurde – es liegt wohl in der Natur des Metiers – eher gemeckert, was Fischer am Ende natürlich nicht unkommentiert lässt:

Die Presse ist frei, sagt das Grundgesetz, und ein(e) jede(r) darf deshalb alle anderen jeden Tag bezichtigen zu lügen. Bilder, Assoziationen und Träume der vom Ethos getragenen Journalisten-Person werden durch Breaking News der Beliebigkeit transportiert und zu Tode gequält. Eine gelegentlich geisterhafte Armee der Projektionen hat sich an dieser kleinen Kolumnen-Serie in 28 Monaten abgearbeitet, verwoben in Ritualen, Entrüstungen und einem tapferen Willen zum Missverstehen!

Nun hat man also einen weniger, an dem man sich abarbeiten, über den man sich entrüsten und dem man – willentlich oder nicht – gründlich missverstehen kann. Vor allem: einen, an dem es lohnenswert ist, sich abzuarbeiten. Und auch einen weniger, der einem eine andere Sicht nahebringt, der die oft kompliziert und abweisend wirkende Welt des Rechts, des Strafrechts im Speziellen, auf konsumierbares Niveau herunterbricht und der nicht zuletzt überhaupt nicht langweilig ist.

Auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren: Schade, dass Sie aufhören, Herr Fischer!

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Alle Kommentare

  1. Es ist sehr erfreulich, von Ihnen, Herr Winterbauer ein Bedauern über das Ende der TF“Zeit“-Kolumne , somit eine Wertschätzung des brillanten Juristen und Gesellschaftskritikers zu vernehmen. Das tut gut, denn somit fühle ich mich ebenso in meiner ohnehin seit Jahren untrüglichen Wahrnehmung bestärkt, dass wir es mit einem Ausnahmetalent zu tun haben. Weder Eitelkeit, noch Geltungsdrang sind richtig, ebensowenig hat Fischer ein Problem mit Frauen.

    Das einzig große Problem war der Neid all jener, die ihm das Wasser nicht reichen können, da sein Sachverstand, sein Weitblick und seine immer scharfsinnige, oftmals witzige Sprachraffinesse gerade jene so tief treffen musste, die es mit der eigenen Integrität nicht wirklich so haben.

  2. Es war zu keiner Zeit eine gute Idee der „Zeit“ einen amtierenden Bundesrichter mit einer regelmässigen Kolummne zu juristischen Themen zu betrauen. Fischer brachte die Unabhängigkeit der Justiz zu Gunsten seiner Eitelkeit ins Wanken; die „Zeit“ ebenso. Es ist, so gesehen, eine gute Idee, dass Fischer aufhört (die Gründe mögen hoffentlich nicht gesundheitliche sein).

    1. Herr Schulz,

      in Überzeugung, dass Sie irren – frage ich an: Denken Sie tatsächlich, die Justiz sei unabhängig?
      Prof. Thomas Fischer war und ist dagegen unabhängig! Wenn Sie das Attribut „Eitelkeit“ erwähnen, dann vergessen oder ignorieren Sie, die Tatsache, dass er so oft – bösartig, ehrverletzend bis hin zu körperlichen Androhungen – auf Grund seiner Kolumnen – angegangen wurde. Da kann man ihn wahrlich nicht der Eitelkeit bezichtigen!(sic)
      Mit mir finden es viele Leser bedauerlich, dass Prof. Thomas Fischer seine Kolumnen beendet!
      Männer wie Prof. Thomas Fischer braucht das Land!

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