„Content-Klau“-Streit Bild vs. Focus Online: Warum es beim Justiz-Showdown nur Verlierer geben kann

Verlagschefs Mathias Döpfner (li.), Paul-Bernhard Kallen, News-Portal Focus Online: Streit um Urheberschutz und „Fair Share“
Verlagschefs Mathias Döpfner (li.), Paul-Bernhard Kallen, News-Portal Focus Online: Streit um Urheberschutz und "Fair Share"

Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus – von wegen! Der Streit um angeblich systematischen Artikel-Klau bei Axel Springers Paid Content-Hoffnung Bild plus hat mit der heutigen Klageerwiderung durch die Anwälte von Focus Online ein neues Niveau erreicht, man könnte auch sagen: einen neuen Tiefpunkt. Denn die öffentlich zelebrierte Kabbelei schadet der gesamten Branche. Ein MEEDIA-Kommentar.

Anzeige

Zunächst: Es ist eine Niederlage in Sachen Medienethik, dass nun Gerichte darüber entscheiden müssen, in welchem Maß das Nachrichtenportal eines etablierten Medienhauses Inhalte eines Wettbewerbers abschöpfen darf, die dieser hinter einer Bezahlschranke platziert. Eigentlich gibt es dafür im Journalismus klare Vorgaben. Und was juristisch – womöglich in einer Grauzone – noch legal ist, kann zugleich ein Verstoß gegen verlegerische Grundsätze bedeuten. Schließlich geht es hier nicht um ein allein auf Reichweite getrimmtes Portal à la Heftig.co, sondern um die Web-Plattform eines Nachrichtenmagazins mit Premium-Anspruch. Den Heftigs der Verlagsszene hätte man vermutlich nachgesehen, wenn sie mit juristischen Spitzfindigkeiten ein Verhalten verteidigen würden, für das es moralisch keine nachvollziehbare Rechtfertigung gibt. Von den Betreibern einer Klickschleuder erwartet man nichts Anderes, von den für Focus Online Verantwortlichen schon.

Immerhin gehört das Newsportal zum Reich eines Verlegers, der dieses gegen Angriffe und Ausbeutungsversuche digitaler Konkurrenz stets verteidigte. Als Verlagschef wie als VDZ-Präsident hat Hubert Burda für das Urheberrecht und den Leistungsschutz auf nationaler wie europäischer Ebene gekämpft, gegen die „Lousy Pennies“ gewettert, die mit Online-Werbung nur zu verdienen seien, während globale Internet-Plattformen und Suchmaschinen selbst durch die Vermarktung gewaltige Summen einnehmen, ohne die Kosten für die Content-Erstellung aufbringen zu müssen. Die Währung, in der Focus Online für Bild Plus-Inhalte zahlt, sind nicht mal Pennies, sondern lediglich Links auf  die Original-Artikel. Da diese jedoch Abonnenten oder Zahlungswilligen vorbehalten sind, hat dieser „Service“ reine Alibi-Funktion: Was bei Bild gegen Geld zu lesen ist, gibt’s bei Focus Online in extenso frei Haus.

Genau hier liegt ein Problem, für das jeder gut ausgebildete und verantwortungsvolle Journalist ein feines Gespür haben sollte. Das Zitatrecht, auf das sich Focus Online-Chefredakteur Daniel Steil gern beruft, bedeutet nicht, dass es für Redaktionen legitim wäre, ganze Stories zu „kupfern“, selbst wenn dies durch Quellennennung und mitunter geradezu penetrante Mehrfach-Verlinkung scheinbar salonfähig wird. Die Diktion des Schriftsatzes der Münchner Anwälte, die das Klagebegehren aus dem Hause Springer als „unbegründet“ und „unzulässig“ wertet, mag juristisch plausibel sein, sie setzt dem eigentlichen Vorwurf der Bild-Leute aber genau genommen in der Sache nichts Substanzielles entgegen. Hier stimmt etwas nicht: Wer sich auf den verlegerischen Geist Hubert Burdas beruft, kann es nicht zugleich billigen, dass sich in dessen Namen eine Copy-and-Paste-Kultur Bahn bricht. Wohl niemand beim gedruckten Focus käme auf die Idee, sich eine Exklusivstory des Spiegel zu schnappen und diese einfach mit Hinweis auf das Hamburger Nachrichtenmagazin nachzuerzählen. Beim Web-Pendant scheinen andere Maßstäbe zu gelten.

Sicherlich kann man einwenden, dass die von Bild plus übernommenen Informationen bei Focus Online, einem Portal, das um 20 Millionen Unique User erreicht, nur einen verschwindend kleinen Anteil der insgesamt verfügbaren Artikel ausmachen. Die Springer-Klage beruft sich auf eine dreistellige Zahl von Stories. Umgekehrt sollte man meinen, dass es ein Portal wie Focus Online nicht nötig haben sollte, regelmäßig exklusiven Bezahl-Content des direkten Wettbewerbers für eigene Vermarktungszwecke zu nutzen. Denn selbstverständlich torpediert die unentgeltliche Verfügbarkeit der Artikel-Stoffe im Netz eine Paid-Strategie, die genau das verhindern will. Und es macht durchaus einen Unterschied, ob lediglich eine Kerninformation nachrichtlich aufgegriffen oder stattdessen die gesamte Story referiert wird. Genau dies wirft Axel Springer der Burda-Gruppe vor. Dass Bild, wie die Juristen der Münchner nun argumentieren, Meldungen ja auch gezielt selbst „klappert“ und über Vorabmeldungen verbreitet, zielt ins Leere. Bei der Klage, so versichern die Berliner, wurden solche Fälle bewusst ausgeklammert.

Wer sich mit dem Thema näher beschäftigt, merkt rasch, dass es beiden Seiten ums Prinzip geht – eine typische Konstellation, die Eskalationen begünstigt. Über die Einreichung der Klage beim Gericht in Köln lässt sich streiten. Vielleicht war es nicht der geschickteste Schachzug, zumal man sich bei Springer des Risikos eines Unentschiedens oder gar einer Niederlage am Ende des Verfahrens bewusst gewesen sein dürfte. Dem Vernehmen nach hatte der Verlag aber zuvor versucht, den Konflikt auf dem kleinen Dienstweg beizulegen. Dass Focus Online sich aber von seiner Linie offenbar nicht abbringen ließ, wertete man dort als feindliche Content-Übernahme und übertrug die Angelegenheit den Haus-Juristen. Seither geht es munter weiter, mit merkwürdigen Artikeln beim Burda-Portal, denen man durchaus geschäftsschädigende Absicht unterstellen darf, und jüngst mit einer öffentlichkeitswirksam intonierten Klageerwiderung, die ihrerseits nach vorn prescht und das Feuer auf den Wettbewerber eröffnet.

Der Disput um den Vorwurf des Content-Klaus wäre früher vielleicht auf Verleger-Ebene diskret beigelegt worden. Tatsächlich sitzen die publizistischen Konkurrenten bei vielen Themen an einem Tisch, zum Beispiel in Vertriebsfragen oder wenn es ums Kartell- oder Europarecht geht. Die mächtigsten Gegner, die für Verlage zur existenziellen Bedrohung werden können, sind im Digitalzeitalter nicht in der eigenen Branche, sondern außerhalb zu finden. Doch das rote Telefon, das die involvierten Zeitschriftenvorstände oder die CEOs Mathias Döpfner und Paul-Bernhard Kallen im Krisenfall zueinander bringen könnte, scheint abgeschaltet – kein Anschluss unter dieser Nummer. Dabei hätte es sogar Gelegenheit zum persönlichen Austausch gegeben, zuletzt bei einem gemeinsamen Auftritt bei Burdas Digital-Konferenz DLD im Januar in München. Das Negativ-Szenario einer gerichtlichen Keilerei zeichnete sich damals bereits ab, inklusive Mahnungen zur Vernunft.

Von daher wirkt der juristische Showdown vor dem Landgericht Köln geradezu grotesk und aus der Zeit gefallen. Dass sich zwei führende Verlage über eine redaktionelle Selbstverständlichkeit erkennbar nicht einigen können, schädigt das Image einer ganzen Branche. Wer, wenn nicht der Profi-Journalismus, sollte es mit dem Urheberrecht und dem Respekt vor der Leistung anderer, ernst nehmen? Wenn es in dem vertrackten Verfahren tatsächlich zum Prozess kommt, stehen unabhängig von dessen Ausgang die Verlierer schon fest: Die Chefs all jener Medienhäuser, die gegenüber Google, Facebook & Co. für das Recht am eigenen Inhalt eintreten.

Anzeige
Anzeige
Anzeige