Holprig wie im Bollerwagen: Warum die erste deutschsprachige Snapchat-Reportage zum 1. Mai enttäuscht

Bollerwagen, Beats, Bier – und Bengalo: Snapchat hat zum Tag der Arbeit seine erste deutschsprachige „Our Story“ produziert
Bollerwagen, Beats, Bier – und Bengalo: Snapchat hat zum Tag der Arbeit seine erste deutschsprachige "Our Story" produziert

Keine Woche nach dem Launch von Discover mit deutschen Medienpartnern tritt Snapchat nun auch selbst als Produzent auf. Am gestrigen 1. Mai rief das Netzwerk seine Nutzer auf, ihre Erlebnisse vom Tag der Arbeit zu teilen. Von einem Snapchat-Team gesammelt und kuratiert ist daraus die erste deutschsprachige Snapchat-Reportage entstanden – die hinter ihren Erwartungen zurück geblieben ist.

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Am gestrigen 1. Mai, dem Tag der Arbeit, rief das Social Network erstmals seine Nutzer in Deutschland auf, ihre Erlebnisse nicht nur mit ihren eigenen Followern zu teilen, sondern mit der gesamten Community. Jeder einzelne war eingeladen, seine Momente für das große Ganze, für eine deutschlandweite Reportage bereitzustellen. „Our Story“ heißen solche Event-Geschichten, für die Snapchat den Content seiner jungen Nutzer kuratiert und damit „eine Perspektive aufs Leben, wie man sie zuvor noch nicht gesehen hat“ zeigen will – eben aus der Selfie-Sicht der Nutzer. Mittendrin statt nur dabei.

Für seine „Our Story“-Geschichten setzt Snapchat auf User-Generated-Content

23 Snaps umfasst Snapchats erste deutschsprachige Reportage, die am Montagabend online gegangen ist. In 90 Sekunden zeigt das Social Network, was seine Nutzer tagsüber erlebt haben, bis in die Nacht hinein wurde die Story, die anfangs aus 17 Snaps bestand, ergänzt. Sie zeigt das traditionelle Aufstellen des Maibaums (in drei Snaps), Gewerkschaftsdemonstrationen (ebenfalls in drei Snaps), Demos von Autonomen (1 Snap) sowie – zum größten Teil – Bollerwagen, Beats und Bier (ganze 15 Snaps). So sieht sie also aus, die Welt der Snapchatter.

Wie viele Nutzer insgesamt an der Aktion teilgenommen und viele Snaps sie eingesendet haben, ist unbekannt. Auf Nachfrage von MEEDIA hat das Netzwerk nicht reagiert. Vielleicht, weil das Ergebnis insgesamt dünn aussieht und nicht das sein kann, was Snapchat sich und anderen versprochen hat.

Links eine Arbeiterdemo, rechts eine Demo in Kreuzberg – eine Einordnung liefert Snapchat nicht

Die Ankündigung seiner ersten deutschen „Our Story“-Reportage ließ nämlich deutlich umfassendere Impressionen erwarten. So sollten nicht nur ’normale‘ Nutzer von ihren Trecker-Touren und Bier-Bänken snappen, sondern auch Promis persönliche Erlebnisse ihres Feiertages teilen. Zudem war eine Zusammenarbeit mit Reportern etablierter Medien angekündigt. Durch sie, die auf den Mai-Demonstrationen und -Protesten unterwegs gewesen sind, war eine eine gewisse Relevanz durch Eindrücke und Einordnung zu erwarten – eben mehr als drei lieb- und zusammenhanglos aneinandergepappte Snaps. Denn das ist, was Snapchat leisten muss, wenn es sich dafür entscheidet, nicht nur Plattform sondern auch Produzent zu sein.

Snapchats „Our Story“ muss sich an journalistischen Kriterien messen lassen

Spätestens dadurch, dass die eigene Reportage im Discover-Angebot neben den Geschichten etablierter Medien ausgespielt wird, muss sich das Netzwerk mit seinem Team, das angeblich mehr als 100 Leute für ganz Europa beschäftigt, an journalistischen Kriterien messen lassen. Dass Snapchat diese durchaus erfüllen kann, haben internationale Projekte gezeigt. So gelang es dem US-Unternehmen in Eigenregie bereits Wahlkämpfe in den USA und Frankreich professionell und innovativ zu begleiten, mit deutscher Beteiligung entstand eine informative Reportage aus dem Irak. Auch zu Sportevents wie dem Superbowl hat Snapchat dank seiner Nutzer sehenswerte Inhalte produziert (und vermarktet).

1. Mai bei Bild: Die Redaktion schickt eine ihrer Reporterinnen auf die Straßen Berlins

Zugegeben ist der Tag der Arbeit – vor allem für eine Premiere – ein schwieriges, weil vielseitiges Ereignis. Bollerwagen, Beats und Bier sind mit politischen Demonstrationen nur schwer vereinbar. Trotzdem ist es möglich, wie beispielsweise Bild gezeigt hat. Zwar verpasste der Boulevardmarke im Gegensatz zu Snapchat die Möglichkeit, aus verschiedenen Städten oder Regionen zu snappen. Dafür aber hat die Reporterin, die mit dem Account von Hellobild in Berlin unterwegs war, Feiern und Demonstrationen miteinander kombinieren – und eben zielgruppengerecht berichten – können.

Die Bild-Berichterstatterin zeigt: Der 1. Mai ist nicht nur Bier und Bollerwagen, sondern unter Umständen auch Gewalt

Dass in Snapchats Story keine journalistischen Perspektiven vorgekommen sind, lässt sich eigentlich nur mit mangelnder Bereitschaft der ohnehin übersichtlichen Anzahl der deutschen Medien begründen. Tatsächlich haben diese wenig Grund mit Snapchat für „Our Storys“ zu kooperieren, sie sollten sogar gar kein Interesse daran haben. Wie HelloBild zeigt, lässt sich mit einer eigenen Geschichte und eigener Regie ein umfassenderes Bild zeichnen. Seit vergangener Woche bietet sich für einige Marken zudem die Möglichkeit, ihre Inhalte via Snapchat Discover einem größeren Publikum außerhalb der bereits gewonnenen Fans zugänglich zu machen. Für die Markenbindung und wohl auch für die Vermarktung ist diese Strategie die vielversprechendere.

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