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Republik: Warum das Schweizer Journalismus-Projekt, das von Lesern 2 Mio. Euro einsammelt, auch deutsche Medienmacher interessieren sollte

Gehen mit Republik an den Start: Geschäftsführerin Susanne Sugimoto, Redakteur Constantin Seibt
Gehen mit Republik an den Start: Geschäftsführerin Susanne Sugimoto, Redakteur Constantin Seibt

Die Euphorie rund um das Schweizer Journalismus Projekt Republik ist erstaunlich. Gut zwei Tage nach Start meldet das künftige Digitalmagazin aus Zürich mit über 8.000 Unterstützern, die mindestens 240 Franken pro Jahr zahlen, und über zwei Millionen Franken (fast 2 Mio. Euro) einen Weltrekord in Sachen journalistisches Crowdfunding. Und die Finanzierung läuft noch 33 Tage! Auch aus Deutschland lohnt der Blick auf die Vorgänge in der Schweiz.

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Wer sind die Köpfe hinter Republik?

Hierzulande am bekanntesten von den Republik-Machern ist wohl Constantin Seibt, der lange für den Zürcher Tages-Anzeiger auch über Medien geschrieben hat. Neben ihm ist Christof Moser als redaktioneller Kopf mit an Bord. Er war u.a. Politik-Reporter bei Facts, Weltwoche und SonntagsBlick. Zuletzt arbeitete er als Bundeshaus-Journalist und Medienkritiker bei Schweiz am Sonntag. Geschäftsführerin der Dachgesellschaft Project R ist Susanne Sugimoto. Sie war u.a. Leiterin der Medienstelle bei Coop, Leiterin des Kommunikationsteams für Zentraleuropa bei der Zementfirma Holcim und führt heute eine eigene Beraterfirma. Außerdem dabei sind: Laurent Burst (Strategie), Nadja Schnetzler (Prozesse und Zusammenarbeit), Clara Vuillemin (Head of IT), Patrick Recher (Software Entwicklung), Thomas Preusse (Software Entwicklung) und François Zosso (Finanzen).

Worum geht es überhaupt?

Die Prämisse ist, dass etwas grundlegend schief läuft im aktuellen Medien-Business. Die großen Verlage würden die Publizistik verlassen, schreiben die Macher auf ihrer Crowdfunding-Seite: „Sie bauen sich in hohem Tempo in Internet-Handelshäuser um. Das ist eine schlechte Nachricht für den Journalismus. Aber auch für die Demokratie. Denn ohne vernünftige Informationen fällt man schlechte Entscheidungen.“ Sie gehen sogar noch weiter und bezeichnen das Schweizer Mediensystem als „pervertierten Journalismus“. Mit der Republik, die ihren Sitz in einem früheren Bordell in Zürich, dem Hotel Rothaus, hat, soll das alles besser werden. Man will sich auf die großen Themen konzentrieren, verspricht pro Tag drei Geschichten und geizt nicht mit Pathos:

Grösse ist weniger eine Frage der Zahl, sondern von Haltung. Sie gehört bei gutem  Journalismus quasi zur Berufskleidung. So wie der Banker am Morgen seine Krawatte, so muss man als Journalist am Morgen – noch unrasiert, mit dem Kaffeebecher in der Hand – einen unsichtbaren Mantel aus Grösse anziehen. Dabei spielt es keine Rolle, wie klein und hässlich man privat ist. Denn ohne etwas Grösse und Grosszügigkeit schreibt man kleine, bösartige, sinnlose Geschichten.

Konkrete Beispiele für Geschichten gibt es bislang nicht. Das Magazin soll ja aber auch erst Anfang 2018 starten.

Wer gibt denen das Geld?

In einem Interview mit dem Schweizer Mediendienst persoenlich.com spricht Christof Moser von einer breiten Unterstützung: „Von der Richterin in Schaffhausen bis zum Bauarbeiter aus Bern ist alles dabei. Dass uns auch viele Journalistinnen und Kommunikationsfachleute unterstützen, freut uns ebenso: sie sind diejenigen, die über den Niedergang des Journalismus in den großen Verlagen am besten Bescheid wissen.“ Über das Crowdfunding hinaus hat Republik nach eigenen Angaben Zusagen von Investoren und Spendern über 3,5 Mio. Franken. Das Investorengeld war an ein erfolgreiches Crowdfunding als Bedingung geknüpft. Innerhalb von 35 Tagen sollten mindestens 750.000 Franken und mindestens 3.000 Abonnenten an Bord sein, damit das Investorengeld fließt. Dieses Ziel wurde fulminant übererfüllt.

Was machen die mit dem vielen Geld?
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Zunächst einmal soll eine Redaktion aufgebaut werden, von zehn Personen war die Rede. Wegen des riesigen Erfolgs des Crowdfundings wurde die Zahl der Ausbildungsplätze bereits von zwei auf vier aufgestockt und es gibt eine zusätzliche elfte Redaktionsstelle. Erreicht man die 9.000 Abonnenten (was vermutlich ohne Probleme erreicht wird), will man ein Budget für vier „Monsterrecherchen“ pro Jahr schaffen, wobei pro Story 60.000 Franken zur Verfügung stehen sollen. Je nach Fortgang der Finanzierung sollen weitere Ziele bekanntgegeben werden.

War da nicht mal was mit „Krautreporter“?

In der Tat erinnert die Story von Republik etwas an das deutsche Krautreporter-Projekt. Die Krautreporter sammelten 2014 von 15.000 Abonnenten rund 900.000 Euro für ein Jahr. Und auch die Kraureporter nahmen den Mund zum Start recht voll. Der Spruch „Der Online-Journalismus ist kaputt. Wir kriegen das wieder hin“ klebte an ihnen wie Hundedreck am Schuh. Zum Start war auch die Rede davon, man wolle „dahin gehen, wo es wirklich wehtut“ und erfahre bei ihnen, „was wirklich abgeht“.  Das Crowdfunding war ein riesiger Erfolg, im Anschluss verzettelten sich die Krautreporter aber in konzeptionellen Fragen. Mittlerweile wurde das Modell in eine Genossenschaft umgewandelt, backt deutlich kleinere Brötchen und ist aus der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend verschwunden. Republik-Macher Seibt schrieb zum Start der Krautreporter: „Tatsächlich hat das Projekt ein paar Anfängerfehler – nicht umwerfendes Layout, Startschwierigkeiten beim Bezahlen, etwas wenig Konzept. Und tatsächlich fragt es sich, ob ein Magazin ohne richtigen Chefredaktor und Sitzungen so etwas wie Schärfe, Profil, Identität entwickeln kann. Und der Name Krautreporter ist schrecklich. Aber das tut nichts zur Sache. Denn es ist im deutschsprachigen Raum der erste Versuch im grossen Stil, sich von den herkömmlichen Verlagen unabhängig zu machen.“ Die Beschreibungen von Project R klingen so, als sei man gewillt aus den Fehlern der Krautreporter zu lernen. So wird stets betont, dass man auch die geschäftliche Seite des Journalismus im Blick haben will und ein nachhaltiges Magazin plant.

Darum legen die Macher von Anfang an zwei Gesellschaften auf: Eine Genossenschaft (Project R), die gemeinnützig die Rolle des Journalismus stärken soll und eine gewinnorientierte Aktiengesellschaft (Republik), die das Digitalmagazin herausbringt.  Die Macher schreiben zu der Konstruktion:

Wir bauen ein Mutter-Kind-Modell. Am Anfang versorgt die Genossenschaft das Magazin mit allem Notwendigen: IT-Infrastruktur, Budgets für grosse Recherchen, Nachwuchs, juristischem Schutz, Abonnentinnen und Abonnenten. Das Magazin erscheint also quasi ohne Startkosten: Es wird per Nabelschnur mit Geld und Schutz versorgt. Das erschien uns als beste Möglichkeit, wie leserfinanzierter Journalismus in einem kleinen, rauen Markt eine echte Chance hat. Mit der Zeit soll die Verbindung loser werden: Das Magazin wird selbsttragend finanziert. Und die Genossenschaft kann sich weiteren journalistischen Projekten zuwenden.

Sowohl die Krautreporter als auch Republik nennen übrigens als Vorbild das niederländische Digitalmagazin De Correspondent, das mit rund 1,7 Mio. Dollar den bisherigen Rekord für ein journalistisches Crowdfunding-Projekt hielt. De Correspondent funktioniert seit der Gründung 2013 offenbar prächtig  und hat mittlerweile über 50.000 zahlende Abonnenten.

Warum sollten sich deutsche Medienmacher für Republik interessieren?

Weil der Erfolg zeigt, welches Potenzial und welche Sehnsucht es bei Lesern nach dem Versprechen von gutem Journalismus gibt. Republik ist zunächst nicht mehr und nicht weniger als ein Versprechen. Konkrete Geschichten, an denen man Republik messen könnte, gibt es noch nicht und so darf jeder in das Projekt hineinprojizieren, was er oder sie möchte – der Traum von einem besseren und wirklich unabhängigen Journalismus. Dass die Macher von Republik (und von Krautreporter und De Correspondent) mit diesem Traum nicht alleine sind, zeigt die Resonanz. 240 Schweizer Franken pro Jahr sind erst einmal ein Statement. Ob die nicht eben geringen Erwartungen am Ende auch erfüllt werden, steht freilich auf einem anderen Blatt. Der Schweizer Tages-Anzeiger nörgelt schon mal rum von einer „Rudel-Euphorie“, rückt das Projekt in die links-alternative Ecke und zählt auf, was es sonst noch für tolle Publikationen gibt. Eines zeigt das Project R aber schon heute, bevor ein einziger Artikel der Republik erschienen ist: Es gibt eine Sehnsucht nach gutem Journalismus da draußen und nicht eben wenige Leute sind bereit, für das Versprechen, das diese Sehnsucht erfüllt wird, eine erkleckliche Menge Geld auf den Tisch zu legen. Das ist eine Erkenntnis, die alle Medienmacher in jedem Land brennend interessieren sollte.

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Alle Kommentare

  1. Ich glaube es stimmt nicht, dass das Krautreporter-Funding ebenfalls ein Riesenerfolg war. Wenn ich mich recht erinnere, dann hat man es auf dem allerletzten Meter grade so geschafft… mit biegen und brechen. Und auch nur das erste Ziel, nicht nochmal 5 obendrauf. Und das ist auch total verständlich. Schon der – höhö – ironische Name… Crowd…Kraut… uaah, so funny! Und einen schmissigen Spruch dazu, sonst eigentlich nix. Ja, die Republik ist auch catchy und weiß wie man Aufmerksamkeit bekommt. Aber man merkt sofort: da ist Substanz, da gehts nicht primär um Selbstinszenierung einzelner Personen. Die Idee ist über Jahre gereift. Was die Krautreporter damals teilweise so rausgehauen haben war genau so haarsträubend wie die spätere Umsetzung. Und das wäre ja auch ok, jeder darf ja Unsinn machen wenn er Leute findet die das bezahlen. Was ich jedoch persönlich übelnehme ist dass man mit diesem Negativbeispiel den „Markt“ für neuartige, leserfinanzierte Medien in Deutschland auf Jahre hinweg abgebrannt hat. Da wächst erstmal nix mehr. Dem Team der Republik wünsche ich alles Gute – und wenn ich sehe mit welcher Demut dieses Großprojekt angegangen wird besteht auch eine ganz gute Chance.

  2. Achtung, es gibt keinen „Schweizer Tagesspiegel“, diese Zeitung heisst richtig „Tages-Anzeiger“. Damit im Kontext zur entsprechenden Textpassage auch noch etwas genörgelt werden konnte.

  3. Das traditionelle Geschäftsmodell der Medien mag zusammenbrechen, die Möglichkeit für jeden Menschen Nahrung/ Dach/ Sicherheit zu fordern, bleibt „Tradition“. Journalismus dient der Aufdeckung der Prozesse, die sie verhindern. Nur Mut.

  4. „…will man ein Budget für vier „Monsterrecherchen“ pro Jahr schaffen, wobei pro Story 6.000 Franken zur …“

    sollte das nicht 60.000 Franken stehen?

  5. Astroturfing vom Feinsten, Weltwoche und Co. sind sicher schon an dem Thema dran und entlarven diese Kampagne zeitnah als Schwindel.

    Man muss sich nur die Grössenverhältnisse Schweiz Deutschland ansehen, dann wird klar, die Zahlen können nicht stimmen.

    Oder glaubt jemand, in Deutschland würde man sofort 80.000 Unterstützer finden oder in den USA 300.000 !!!

    1. Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, Klaus? Sie denken, die Zahlen seien ein Fake? Ich verfolge seit Tagen den „Live-Ticker“ des Crowdfunding und stand selber morgens um 7h in der Schlange. Sehen Sie selbst. https://www.republik.ch

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