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„#AufAltenPferdenLerntMannReiten“: Die (teilweise) missratene Berichterstattung über Emmanuel und Brigitte Macron

„#AufAltenPferdenLerntMannReiten“: Stern.de erntet Kritik für einen Tweet über den Altersunterschied des französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron (Foto) und seiner Frau Brigitte
"#AufAltenPferdenLerntMannReiten": Stern.de erntet Kritik für einen Tweet über den Altersunterschied des französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron (Foto) und seiner Frau Brigitte

In Frankreich vor der Stichwahl um das Amt des Präsidenten: Am 7. Mai zieht erstmals kein Kandidat der etablierten Parteien in den Élysée-Palast. Doch der unabhängige Anwärter Emmanuel Macron ist für viele Medien scheinbar aus einem ganz anderen Grund außergewöhnlich: "Seine Frau ist 25 Jahre älter als er". Das scheint für zahlreiche Online-Portale dann doch der wichtigste Info-Happen über den 39-Jährigen zu sein. Auf Twitter ließ der Stern sogar über den Hashtag wissen: "#AufAltenPferdenLerntMannReiten" – und erntete dafür Spott und Häme.

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Eigentlich ist es verblüffend, wie viele Medien den Altersabstand für „ungewöhnlich“, wie etwa die FAZ schreibt, halten – auch US-Präsident Donald Trump und seine Frau Melania trennen 24 Jahre, bei Bundesaußenminister Sigmar Gabriel und seiner Frau sind es 17 Jahre, der ehemaligen Grünen-Politiker Joschka Fischer und Minu Barati liegen 27 Jahre auseinander. Doch beim französischen Präsidentschaftsanwärter Emmanuel Macron scheint alles anders: „Seine Frau ist 25 Jahre älter als er“, titeln zahlreiche Online-Portale wie Bunte oder Merkur.

Auch Stern.de zählt jenes Details zu den „5 Dinge, die Sie über Macron wissen müssen“. Allerdings hat man sich für einen „ziemlich billigen Aufhänger auf Twitter entschieden“, wie das Wirtschaftsmagazin für Frauen, Edition F, kritisiert: Unter dem Hashtag „#AufAltenPferdenLerntMannReiten“ hat das Online-Portal die Geschichte in dem sozialen Netzwerk geteilt – nach scharfer Kritik in den Kommentarspalten wurde der „geschmacklose Tweet“ wieder gelöscht.

Auch Stern-Herausgeber Andreas Petzold wurde auf den umstrittenen Hashtag hingewiesen und kündigte Aufklärung an – über „Personalfragen“ wolle man aber nicht auf Twitter diskutieren, so Petzold später auf erneute Nachfrage eines Nutzers.

Doch nicht nur das Nachrichtenportal von Gruner + Jahr hält den Altersunterschied offenbar für außergewöhnlich markant. Da für viele Menschen „eine solche Liebeskonstellation unvorstellbar“ sei, hat ein Paarberater für Bild.de kurzerhand eingeordnet, „ob und wie es trotzdem funktionieren kann“. Die Schlagzeile:

Den Twitter-Kommentaren zu entnehmen, hätten zumindest viele Nutzer des sozialen Netzwerks auf die Einordnung verzichten können:

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Das wenig überraschende Fazit des Experten: „Die eigene Vorstellung von Liebe ist nicht bindend für andere Paare.“. Oder wie Edition F es, im Bezug auf Stern.de, formuliert: „Was da los ist? Liebe vielleicht, ihr Spießbürger. Aber hey, statt nachzudenken erstmal einen peinlichen Witz von Vorvorgestern verwursten – dann klappt’s auch mit den Klickzahlen.“

Doch die Berichterstattung über den französischen Wahlkampf im Allgemeinen und Emmanuel Macron im Besonderen scheint ohnehin umstritten. So bemängelt etwa Joachim Huber in einem Tagesspiegel-Kommentar, dass die Frankreich-Wahl am vergangenen Sonntag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen „praktisch nicht“ stattgefunden hätte – die „Informationsvermittlung im Ersten“ sei nach einer „randvollen Tagesschau“ in die „Schmalspur“ geraten. Silke Burmester verhandelt in ihrer taz-Kolumne hingegen „Eine Frage der Glaubwürdigkeit“ und kritisiert voreilige Schlüsse in der Berichterstattung:

Das ZDF „heute Journal“ aber hat – als jüngstes Beispiel öffentlich-rechtlicher Ausdenkerei – am Wahlabend kein Problem damit, seine profiliertesten Nachrichtenmänner jenseits aller Fakten Macron als zukünftigen Präsidenten zu handeln, etwa, wenn Claus Kleber sagt: ‚Es ist ein Präsident, der als Außenseiter beginnt…

Man habe versäumt, Macron als einen von zwei Wahlsiegern des ersten Wahlgangs auszuweisen – ganz davon abgesehen, dass der unabhängige Kandidat mit 23,75 Prozent der Stimmen nur 2,22 Prozentpunkte vor Marine Le Pen (Front National) liegt. Eine „eventuelle, unvorhersehbare Wählermobilisierung Le Pens“ und die „wahlbeeinflussende Dynamik eines möglichen Terrorangriffs“ habe man unbeachtet gelassen. Burmesters Fazit:

Man mag sich über die Frechheit dieses Vorgehens aufregen. Viel gewichtiger aber ist die Fahrlässigkeit im Umgang mit dem sensiblen Gut der journalistischen Glaubwürdigkeit durch die öffentlich-rechtliche Elite und das Fazit, das gezogen werden muss: Den Topjournalisten sind die Erkenntnisse der letzten anderthalb Jahre egal.

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