Anzeige

„TV-Duell“ via Snapchat: Messenger-App erschließt Politikern im Wahlkampf neue Zielgruppen

User Fragen, Politiker Antworten: Snapchat hat in Frankreich ein eigenes Politik-Format gestartet
User Fragen, Politiker Antworten: Snapchat hat in Frankreich ein eigenes Politik-Format gestartet

Nachdem Snapchat in den USA bereits die Aufmerksamkeit von Wahlkämpfern auf sich gezogen hat, arbeitet das Unternehmen in Europa an seiner politischen Relevanz. In Frankreich hat ein Team der Messenger-App Nutzer und Spitzenkandidaten zusammengebracht. Das Modell könnte auch während des Bundestagswahlkampfes Anwendung finden. Snapchat untermauert zugleich seine Ambitionen als Inhalte-Produzent.

Anzeige
Anzeige

Der französische Präsidentschaftswahlkampf nähert sich seinem Showdown. An diesem Sonntag bestimmen die Franzosen, wer das Land zukünftig regieren soll. Kurz vor Ende geben die Spitzenkandidaten noch einmal alles. Der Linke Jean-Luc Mélenchon trumpfte in dieser Woche mit seinem Veranstaltungsfinale auf, bei dem er dank eines Griffs in die digitale Trickkiste in sieben Städten gleichzeitig auftrat – als Hologramm. In diesen letzten Tagen vor der Wahl stehen aber nicht nur die Auftritte in den Städten Frankreichs im Kalender einiger Präsidentschaftsanwärter, sondern auch ein Termin, der für die Kandidaten eine neue Erfahrung ist – ein offizieller Auftritt bei Snapchat.

Die Messenger-App versucht in diesem Jahr Politiker und Nutzerschaft via App zusammenzubringen. An jedem Tag in dieser Woche beantwortete ein anderer Spitzenkandidat die Fragen der User, die sie zuvor in kurzen Videoschnipseln, den so genannten Snaps, aufgenommen haben. An die Politiker herangetragen wurden die Beiträge von Snapchat selbst. Aus Fragen und Antworten sind letztlich jeweils fünfminütige Stories zusammengeschnitten worden, die im Discover-Bereich, dem Medienangebot von Snapchat, abrufbar gewesen sind.

Die Aktion, bei der u.a. die Spitzenkandidaten Francois Fillon, Benoit Hamon oder auch Marine Le Pen teilgenommen haben, ist für die Politiker eine wunderbare Gelegenheit, die schwierige Zielgruppe der Jung- und Erstwähler zu erreichen. Snapchat hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der beliebtesten Apps entwickelt, schätzungsweise knapp mehr als die Hälfte der offiziell rund 160 Millionen aktiven täglichen Nutzer ist zwischen 16 und 24 Jahren alt. In den USA war die App laut Umfragen 2016 bei mehr als einem Drittel der Teenager das beliebteste Social Network. Über die geografischen Herkünfte seiner Nutzerschaft schweigt das Unternehmen – von 50 Millionen in Europa ist die Rede, von zehn Millionen allein in Großbritannien, von acht Millionen in Frankreich.

Snapchat zeichnet sich dadurch aus, dass Nutzer sich gegenseitig kurze Video- und Fotoschnipsel zusenden können, die nach Ansicht sofort wieder gelöscht werden. In öffentlichen Postings können so genannte Stories gepostet werden, eine Aneinanderreihung der Schnipsel. Dabei kann jeder Schnipsel individuell bearbeitet werden, beispielsweise durch Typografie, Emoticons oder so genannte Filter (eine Snapchat-Anleitung finden Sie hier). Der Clou: Jede Veröffentlichung ist nur 24 Stunden lang sichtbar und wird danach wieder gelöscht.

Anzeige

Die junge Nutzerschaft spiegelte sich in Frankreich bereits in den Fragen wider. So ging es vor allem um Themen wie Bildungspolitik oder Jugendarbeitslosigkeit – freilich wurden die Kandidaten auch nach ihrem Lieblingsfilter bei Snapchat gefragt.

Europa-Team von Snapchat soll bereits 115 Leute umfassen

Dass sich Snapchat für die Politik öffnet, ist kein neues Phänomen. In Frankreich wird der Wahlkampf bereits wie in den USA regelmäßig mit Filtern begleitet, im Präsidentschaftswahl von Hillary Clinton und Donald Trump schaffte Snapchat sogar ein größeres Angebot. So trat in der eigenen Snapchat-Show „Good Luck America“ sogar Ex-Präsident Barack Obama auf, um für Clinton als Kandidatin der Demokraten zu werben. Anders als Facebook oder Google beschäftigt Snapchat eigene Redaktionen, die sich auf das Kuratieren und Produzieren von Inhalten spezialisiert haben. Am 8. November verteilte Snapchat seine Redakteure im ganzen Land, um über den US-Wahltag zu berichten.

Hinter dem französischen Projekt, das wohl als so etwas wie ein indirektes TV-Duell bezeichnet werden kann, steht laut dem britischen Portal Digiday ebenfalls ein Team, das so genannte „Our Stories“-Team, mit Sitz in London. Unbestätigten Informationen zufolge sollen in der Unit rund 115 Mitarbeiter für ganz Europa arbeiten. Dabei ist anzunehmen, dass diese nicht nur für politische Projekte, sondern auch weitere Live-Stories, bei denen Snapchat beispielsweise bei Großveranstaltungen Nutzer-Inhalte kuratiert, produzieren.

Dimensionen und Projekte wie diese in den USA und Frankreich, neben Großbritannien der wohl wichtigste europäische Markt für Snapchat, machen erneut deutlich, dass sich das US-Unternehmen selbst nicht als reine Plattform, sondern auch als Inhalte-Produzent versteht. Damit ist Snapchat nicht nur ein attraktiver Vertriebskanal für bestehende Medienangebote, sondern auch ein Konkurrent. In Deutschland haben Medienmacher Reiz wie auch Gefahr durch die beliebte App bereits erkannt. Verhandlungen über einen Einstieg deutscher Medien bei Snapchat Discover gestalten sich seit Monaten schwierig – erst vor einigen Wochen zeichnete sich ab, dass sich einige Medienhäuser nun doch auf einen Launch vorbereiten. Dieser könnte noch vor der Bundestagswahl im September erfolgen, zu der durchaus denkbar ist, dass Snapchat auch hier in Deutschland eigene Angebote startet. Eine diesbezügliche Anfrage von MEEDIA blieb unbeantwortet. Snap, das Unternehmen hinter der App, ist derzeit dabei, ein deutsches Vermarktungsteam aufzubauen. Jüngst verkündete man die Verpflichtung von Ex-Facebook-Managerin Marianne Bullwinkel als Country Managerin für den deutschsprachigen Raum.

Für die deutsche Politik mit ihrem vergleichsweise weniger aggressiven und unterhaltsamen Wahlkampf könnte Snapchat ebenfalls eine willkommene Gelegenheit sein, junge Zielgruppen zu erreichen. Schätzungen und Umfragen zufolge sollen rund 3,5 Millionen Deutsche, rund sechs Prozent der Internet-Nutzer, bei Snapchat aktiv sein. Die Initiative muss das Unternehmen wohl selbst ergreifen. Im Gegensatz zu den französischen Wahlkampfteams, von denen einige ihren Kandidaten auch eigene Snapchat-Accounts eingerichtet haben, konzentrieren sich die Strategen der deutschen Spitzenkandidaten bislang aber eher auf andere, etablierte Plattformen wie Facebook, Twitter oder Instagram, das mit seinem Story-Angebot aggressiv gegen Snapchat vorgeht.

 

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*