Eine Frau für viele Formate: Talk-Touristin „Ilona“ bei „Maischberger“, „Hart aber fair“ & Co

Eine Frau für viele Formate: „Elena“, bzw. „Ilona“ bei Spiegel Online, „Maischberger“, „Hart aber fair“ und „dem SWR „Natchcafé“
Eine Frau für viele Formate: "Elena", bzw. "Ilona" bei Spiegel Online, "Maischberger", "Hart aber fair" und "dem SWR "Natchcafé"

Die richtigen Gäste für Talkshows zu finden, ist keine leichte Aufgabe. Wohl auch deshalb sitzen in Talkshows wie „Hart aber fair“ oder „Maischberger“ immer mal wieder dieselben Gesichter. Und das gilt beileibe nicht nur für Promis und Politiker, wie diese Woche mal wieder zeigt. Sonst noch in diesem Wochenrückblick: der Focus-Chef bettelt bei Grossisten, der stern lässt seiner Mallorca-Liebe freien Lauf und Udo Röbel als Heavy-Metal-Reisereporter.

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An diesem Mittwoch lief bei „Maischberger“ die zweite so genannte Publikumsdebatte. Dabei kommen statt der üblichen Talkshow-Verdächtigen in erster Linie Zuschauer zu Wort. Politiker sind nur wenige da und die sollen vor allem auf Fragen der Zuschauer eingehen. Prinzipiell ist das eine feine Sache, zumal die erste Publikumsdebatte zum Reiz-Thema Islam in Deutschland inhaltlich überzeugte und viel Zuspruch fand. An diesem Mittwoch wurde also zu später Stunde im Ersten über soziale Gerechtigkeit debattiert. Mit das Schwierigste an solchen Talkshows – egal ob mit Normalos oder Profi-Gästen – ist immer die Gästeauswahl. Die „Maischberger“-Redaktion hatte für die Sendung Aufrufe in der Sendung und im Internet gestartet. Im Interview mit MEEDIA sagte Frau Maischberger, dass von den Rückmeldern rund 100 Zuschauer in die Sendung eingeladen wurden, mit ungefähr der Hälfte davon sei im Vorfeld telefonisch gesprochen worden: „Wir wollen ein breites Meinungsspektrum haben: Hartz IV-Aufstocker, Putzfrauen, Krankenpfleger, glückliche und kritische Rentner. Auf der anderen Seite aber auch Unternehmer, Arbeitgeber, Reiche. Die alle wollen wir miteinander ins Gespräch bringen.“ Man trete mit einigen Zuschauergästen auch vorher in Kontakt, so Maischberger, um sicherzugehen, „dass da niemand sitzt, der zu große Angst hat, seine Sache zu vertreten. Wir suchen gezielt die aus, die ihre Argumente leidenschaftlich und gut formulieren können. Es kommen Gäste, die reden wollen und können.“

Das leuchtet ein.

So saß da u.a. die Krankenschwester „Ilona“, die über die finanziellen Probleme einer vierfachen Mutter berichtete. Offensichtlich konnte und wollte „Ilona“ reden und hatte überhaupt keine Angst, ihre Sache zu vertreten. Das tat sie schon kurz zuvor bei „Hart aber fair“ am 6. März. Thema dieser Sendung war der Schlecker-Prozess und anhand des Schicksals der so genannten Schlecker-Frauen wurde auch über soziale Gerechtigkeit debattiert. Auch von „Ilona“, der vierfachen Mutter, die bereits hier wortgewandt berichtete, wie schwer es es ist, die Familie mit 3.000 Euro monatlich durchzubringen. Das viel auch Zuschauern auf:

Wobei das mit der unterschiedlichen Kinderzahl ein Missverständnis war, bei „Hart aber fair“ sprach sie von sechs Personen, nicht sechs Kindern. Berührungsängste mit Medien hat „Ilona“ jedenfalls keine. Ihr Schicksal und ihre Familie hat sie auch schon mal in einer Armuts-Reportage bei Spiegel Online in Wort und Video dargelegt. Dort freilich als „Elena Ehlers“. Auch im SWR-Nachtcafé („Reiches Deutschland – aber wo bleibt die Mittelschicht?“) war „Elena Ehlers“ zu Gast und hat ihre Geschichte erzählt. Sie ist halt einfach perfekt für Medien-Bedürfnisse: Gut aussehend, sprachgewandt, kinderreich, sozialer Beruf, zu wenig Geld. Der perfekte Talkshow-Gast, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht.

Hat sich „Ilona“ oder „Elena“ nun selbstständig nochmal auf den „Maischberger“-Aufruf gemeldet, weil es ihr in Talkshows so gut gefällt, und sie wurde – Zufall über Zufall – erneut ausgewählt? Oder hat die „Maischberger“-Redaktion sie schon einmal in einem anderen Medium gesehen und direkt rekrutiert? Oder kam Frau Ehlers auf noch anderem Wege in die „Maischberger“-Publikumsdebatte? Auf eine entsprechende Nachfrage gab es von Seiten der „Maischberger“-Redaktion bisher leider noch keine Auskunft.

Offensichtlich gibt es nicht nur unter Polit-Profis die „üblichen Talkshow-Verdächtigen“, sondern auch unter den Normalos.

Focus-Chefredakteur Robert Schneider hat eine Bitte

In diesem Video wendet sich Chefredakteur Robert Schneider an „die lieben Grossisten und Vertriebspartner“. Unter dem Motto „bei uns stehen Menschen im Focus“ startet das Burda-Hefterl eine Marketingoffensive. Chefredakteur Robert Schneider schreckt nicht davor zurück, den Spruch „nichts interessiert Menschen mehr als Menschen“ aus Opas oller Phrasen-Schatulle zu kramen. Am Ende bittet Schneider mit treuherzigem Augenaufschlag darum, dass Kioskbetreiber den Focus doch prominent platzieren mögen. Eine Preiserhöhung auf 4,20 Euro soll „ein zusätzlicher Anreiz“ sein, den Focus attraktiver feilzubieten. Am Ende sagt der Focus-Chef, dass „nur mit ihrer Unterstützung unsere große Marketing-Offensive und – offen gesagt – das ganze Jahr 2017 zum Erfolg werden kann“. Man bekommt fast Mitleid.

Ob der dramatische Aufruf etwa mit dieser Kurve zusammenhängt?

Auflagenentwicklung des Focus aus unserem MEEDIA-Analyzer

Es ist halt nicht leicht mit den Print-Auflagen und jeder wurstelt so gut er kann. Beim stern mögen Sie Inseln. Vor allem Mallorca und Sylt. Beiden Lieblings-Inseln der Deutschen werden regelmäßig Titelseiten gewidmet, die auch regelmäßig gut laufen. Vergangenes Jahr zur Feriensaison machte der stern mit einer Mallorca-Story mit besonders beeindruckenden Luft-Bildern der Insel auf: „So haben Sie die Trauminsel noch nie gesehen. Atemberaubende Bilder aus der Luft“. Im Jahr zuvor hieß die Beizeile: „Die Trauminsel neu entdecken“. „Der stern mausert sich zum Mallorca-Reiseführer“, schrieb ich darum schon einmal in dieser Kolumne.

Nun ist es soweit: Diese Woche erschien ein ganzes stern-Reiseheft zu Mallorca. Titel: „Die Insel neu entdecken!“ Angepriesen wurde auch die Story „Atemberaubend – Traumbilder aus der Vogelperspektive“. Nicht nur die Bilder gleichen sich, auch die sie beschreibenden Worthülsen. Womit der Stern wohl in diesem Juli zur Feriensaison aufmacht? Hätten Sie da vielleicht eine Idee? Das „ursprüngliche Mallorca“ vielleicht? Das wäre ja mal was! Man könnte natürlich auch die Begriffe „Traum“, „Insel“, „neu“, „atemberaubend“, „entdecken“ irgendwie durchmischeln. Geht immer.

Wem Mallorca als Reiseziel zu mainstreamig ist, der mag sich vielleicht an den Reisetipps des früheren Bild-Chefredakteurs Udo Röbel berauschen. Der ist nämlich nun auch für Madsack als Reisereporter unterwegs und berichtete vom Heavy-Metal-Festival „Full Metal Mountain“ in Kärnten. Ein Skiurlaub der lauteren Art mit Motörhead zum Frühstücksei. Röbel hat da keine Berührungsängste. Nicht umsonst stand früher mal auf einer seiner Visitenkarten „Romane und Rock’n’Roll“.

Schönes Wochenende!

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