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Sandra Maischberger über ihre Art von Bürgerfernsehen: „Das Publikum will mitreden. Also haben wir gedacht, laden wir sie doch ein!“

TV-Talkerin Sandra Maischberger. Foto: WDR/Rigaud
TV-Talkerin Sandra Maischberger. Foto: WDR/Rigaud

Mit einer Publikumsdebatte zum Thema Islam holte Sandra Maischberger mit ihrer Talkshow im vergangenen November gute Quoten und gute Kritiken. Grund genug, das Experiment zu wiederholen. Am morgigen Mittwoch läuft die zweite Publikumsdebatte zum Thema "soziale Gerechtigkeit". Wie beim ersten Mal kommen fast ausschließlich Zuschauer zu Wort. MEEDIA sprach mit Sandra Maischberger über ihre spezielle Form des Bürgerfernsehens, Talkshow-Probleme und missverständliche Tweets.

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Wie waren die Resonanzen auf die erste Publikumsdebatte?

Das Verrückte ist: Wir haben fast nur positive Resonanz bekommen. Das ist auch für uns sehr ungewöhnlich, weil wir es gewohnt sind, dass es immer auch sehr kritische Stimmen zur Talkshow gibt. Die Publikumsdebatte aber wurde sowohl von den Zuschauern als auch von der professionellen TV-Kritik einhellig sehr gelobt. Es wurde als besonders gute Idee empfunden, normale Menschen zu Wort kommen zu lassen und nicht die üblichen Vertreter aus Politik und den Universitäten. Das hat uns ermuntert, es jetzt noch einmal zu machen.

Lag das Thema „soziale Gerechtigkeit“ für die zweite Publikumsdebatte auf der Hand? 

Ich glaube, dass sich nicht jedes Thema für eine solche Sendung eignet. Das müssen Themen sein, zu denen die Menschen im Idealfall einen persönlichen Bezug, eigene Erfahrungen gemacht haben. Ein außenpolitisches Thema wäre vermutlich zu abstrakt. Die soziale Gerechtigkeit liegt im Prinzip immer auf der Hand. Wir haben das nun auch deshalb gemacht, weil Martin Schulz das Thema noch einmal aktuell gemacht hat. Sein Satz, dass Millionen Menschen in Deutschland das Gefühl haben, es gehe nicht gerecht zu, war für uns der Anlass zu fragen, ob er Recht hat oder nicht.

Wie kommen Sie an die Gäste, wie läuft die Vor-Recherche ab?

Wir haben in der Sendung einen Aufruf gemacht und den auch via Facebook auf unsere Internet-Seite verbreitet. Aus denen, die sich gemeldet haben, haben wir etwa 100 Gäste ausgesucht, von denen möglichst viele zu Wort kommen sollen. Rund 50 haben wir im Vorfeld zurückgerufen und mit ihnen gesprochen. Wir wollen ein breites Meinungsspektrum haben: Hartz IV-Aufstocker, Putzfrauen, Krankenpfleger, glückliche und kritische Rentner. Auf der anderen Seite aber auch Unternehmer, Arbeitgeber, Reiche. Die alle wollen wir miteinander ins Gespräch bringen. 

Was ist schwieriger zu moderieren – Profis oder Normalos? 

Das sind ganz unterschiedliche Aufgaben. Bei Menschen, die nicht so viel Erfahrung in einem Fernsehstudio haben, kommt es vor allem darauf an, dass man Fragen stellt, die sie auch beantworten können und dass man ihnen zuhört. Bei den Profis muss man manchmal eher über andere Strategien nachdenken: Ich stelle eine Frage, sie wird nicht beantwortet – was tue ich, damit sie doch noch beantwortet wird? Bei Menschen, die keine politische Agenda mit ins Studio bringen, ist das meistens nicht der Fall. Da stellt man eine Frage und bekommt sie tatsächlich beantwortet.

Ist es so, dass sie die Zuschauergäste eher etwas aus der Reserve locken müssen, während Sie bei Talk-Profis eher bremsen müssen?

Wir treten mit den Zuschauergästen ja vorher in Kontakt und treffen die Vorauswahl auch so, dass da niemand sitzt, der zu große Angst hat, seine Sache zu vertreten. Wir suchen gezielt die aus, die ihre Argumente leidenschaftlich und gut formulieren können. Es kommen Gäste, die reden wollen und können.

Sie sagten nach der ersten Publikumssendung, Sie würden gerne noch mehr Leute zu Wort kommen lassen und eventuell das Thema enger fassen. Letzteres halten Sie nun mit „soziale Gerechtigkeit“ nicht unbedingt ein …

Es ist einerseits ein weites Feld, andererseits ist die Grundfrage immer dieselbe: Ist etwas gerecht oder nicht. Ich glaube es wird uns gelingen, trotz dieser Spannbreite des Themas bei einzelnen Facetten in die Tiefe zu gehen.

Wie wollen Sie mehr Leute zu Wort kommen lassen? Am Anfang sind die Leute ja oft noch etwas zurückhaltend und am Ende wollen alle noch was sagen.

Das stimmt – auch in der regulären Sendung. Ich habe schon manchmal gedacht, man müsste anfangen, miteinander zu reden, und die Kameras erst anschalten, wenn alle auf „Betriebstemperatur“ sind. Vielleicht probieren wir das mal. Diese Sendung ist ja auch für uns etwas Neues. Wir wollten das unbedingt machen, schon seit einigen Jahren. Weil wir feststellen, dass sich unser Publikum verändert hat: viele wollen jetzt mitreden. Das Internet, die sozialen Netzwerke spiegeln das wieder. Aber ein echter Dialog wird das nur selten. Also haben wir gedacht: statt Facebook- oder Twitter-Kommentare vorzulesen, laden wir sie doch ein.

Der SPD-Abgeordnete Marco Bülow hat jüngst über 200 Talkshows ausgewertet, darunter auch Ihre. Er sieht ein „krasses Missverhältnis“ bei den Themen, die nicht die Realität widerspiegeln würden. Einzelne Themen wie etwa „Flüchtlinge“ oder „Terror“ seien überrepräsentiert. Was sagen Sie zu so einer Kritik?

Er hat sich für diese Analyse genau die letzten beiden Jahre ausgesucht, in denen wir vor der Herausforderung standen, dass einzelne Themen sehr dominiert haben. Flüchtlinge, die neue Terrorgefahr oder die EU-Krise, die sich um die  Griechenland-Frage kristallisiert hat, konnte und kann man nicht ignorieren. Insofern kann ich diese Kritik nicht nachvollziehen. Wir sind eine aktuelle Talkshow und haben die Aufgabe, Meinungen zu Themen zu spiegeln, die die Menschen in diesem Moment am meisten bewegen. Wenn eine Million Menschen zu uns kommen, 10.000 an einem Tag, und wir reden an dem Tag über den Mindestlohn, dann liegen wir neben der Spur. Jedes Thema hat seine Zeit. Über die Flüchtlingsfrage haben Freunde gestritten und Familien diskutiert – und wir sollen nicht darüber reden? Das leuchtet mir nicht ein.

Ein oft gehörter Kritikpunkt ist auch, dass immer wieder die gleichen Gesichter in Talkshows auftauchen und Frauen bei den Gästen unterrepräsentiert sind. Wie kann man das denn mal in den Griff bekommen?

Jede Woche sitzen wir in den Redaktionskonferenzen und suchen händeringend nach Frauen. In unserem eigenen Interesse. In vielen Feldern sind Männer aber immer noch in der Mehrzahl. Und es ist auch nicht so, dass alle Frauen, die wir gerne hätten, sofort zusagen. Sie können mir glauben, dass uns das auch häufig ärgert. Aber wir lassen jede Woche nichts unversucht. Neulich hatten wir sogar mehr Frauen, als Männer. 

In ihrer jüngsten Sendung haben Sie einen Tweet der AfD-Politikerin Beatrix von Storch falsch wiedergegeben und verkehrten die Aussage der Politikerin praktisch ins Gegenteil. Werden solche Fehler in der Redaktion aufgearbeitet? 

Ich fand den Tweet von Frau Storch missverständlich formuliert und habe ihn so gelesen, als ob sie diese Aussagen selbst getätigt hätte. Erst nach der Sendung hat sie mich davon überzeugt, dass er anders gemeint war. Es war ein Fehler, keine Glanzleistung von mir in diesem Moment. 

Warum haben Sie oder die Redaktion den Fehler nicht öffentlich korrigiert oder sich entschuldigt?

Fehler können passieren, und wenn sie gravierend sind, dann korrigieren wir sie in der darauffolgenden Sendung, oder wir machen das auf der Homepage, Facebook oder Twitter öffentlich. In diesem Fall kann man darüber streiten. Das Zitat an sich war so formuliert, dass man es auf beide Seiten drehen kann. Frau von Storch hatte eine Formulierung gewählt, die Martin Schulz nicht gemacht hatte: „den Griechen den Marsch blasen“. Das waren ihre eigenen Worte. 

Naja, wenn man den kompletten Tweet mit dem Link liest, war schon recht klar, was Frau von Storch meinte. Sie hatte diese Formulierung Martin Schulz ja praktisch in den Mund gelegt.

Für Sie war das offenbar gleich erkennbar, für mich und die Kollegen in der Redaktion nicht. Inzwischen haben wir den Fehler aber im Netz korrigiert.

(Die Redaktion von „Maischberger“ hat zwischenzeitlich den Fehler auf Twitter korrigiert, die Frage nach der ausgebliebenen Korrektur wurde zuvor, am 31.3., an Frau Maischberger gestellt; Anm.d.Red.)

Gibt es schon Planungen für weitere Publikumsdebatten? 

Wir werden in diesem Jahr insgesamt zwei Publikumsdebatten machen. Die erste jetzt und dann soll es noch eine geben. Wann und zu welchem Thema steht aber noch nicht fest.

„Maischberger – die Publikumsdebatte“ zum Thema soziale Gerechtigkeit läuft am Mittwoch, 5. April, um 22.45 Uhr im Ersten.

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Alle Kommentare

  1. Aus der rühmlichen November Sendung sind mir eigentlich nur drei Sachen in Erinnerung geblieben:

    1. Der blonde Abiturient, der den Islam toll findet und Gehörtes zum Besten gab.

    2. Die ebenfalls blonde Islam Expertin, die nur ein oder zwei Mal zu Wort kam und wohl am liebsten konvertieren möchte aber sich nicht traut.

    3. Die ältere Jüdin, die sich wegen der Masse der im Publikum anwesenden Muslime für alle sichtbar deutlich unwohl fühlte und nur mehr oder weniger verschwurbelt durchblicken liess, eine Jüdin zu sein.

    4. Eine Moderatorin die vom Thema keine Ahnung hat.

    Solche Sendungen will ich nicht im öffentlich rechtlichen TV sehen.

  2. Bürgerfernsehen wäre am Second Screen Tablett oder per Fernbedienung am 55″-UHD1-TV in seinem Webbrowser.
    Leider interessiert das Thema keine Partei oder Institution oder Kleinanleger-Opfer-Verband bzw. Rechts-Kanzleien der Entschädigungs-Sammelklagen um dem Establishment endlich den Wind der Volks-Meinung entgegen zu setzen und dem Volk, Fußball-Mitglied oder VW-Aktionären und auch z.B. Peter Merz, Heiner Geissler, Gabriele Pauli eine digitale Stimme zu geben. Sonst hätte man das kostenlos programmieren können 🙁 Das hätte es schon unter rot-grün geben müssen und würde bei jedem Parteitag vom Volk aktiv genutzt werden.
    Der Trick ist „nur“, es effizient, „oma“-tauglich und natürlich konstruktiv und legal durchzuziehen und hate und mobbig gleich durchs Raster fallen zu lassen.
    Aber dann müssten Politiker und Boni-Manager und Tim Cook endlich auf Bürger, Kleinaktionäre und Kunden hören statt den Focus auf Boni-Maximierung oder „Projekt Abendsonne“ zu legen und überwiegend nu zu tun was die Hinterzimmer entscheiden.

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