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Vox-Chef Kai Sturm: „Wenn es um Streaming-Dienste geht, tappen viele Medienjournalisten in die Trend-Falle“

„Ich mache mir keine Sorgen um das lineare Fernsehen – so lange wir innovativ sind“, so Vox-Chefredakteur Kai Sturm (Foto)
"Ich mache mir keine Sorgen um das lineare Fernsehen – so lange wir innovativ sind", so Vox-Chefredakteur Kai Sturm (Foto)

Mit mehr Eigenprogramm ist Vox zu einem ernst zunehmenden Konkurrenten für die großen Sender geworden. Im Interview mit MEEDIA spricht Vox-Chefredakteur und Unterhaltungschef Kai Sturm über die ambitionierte neue Talkshow "The Story of my Life" (Start am Di., 11. April, um 20.15 Uhr) und erklärt, wo Streaming-Dienste den Kürzeren ziehen und warum er sich ums lineare Fernsehen keine Sorgen macht.

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Herr Sturm, Sie haben ein erfolgreiches TV-Jahr 2016 hinter sich: Vox hat sich im Gesamtpublikum vor ProSieben gesetzt, im jüngeren Publikum vor das ZDF – als einer von wenigen Sendern konnten Sie in beiden Zuschauergruppen dazu gewinnen. Was machen Sie besser als Ihre Konkurrenz?
Kai Sturm:
Ich weiß nicht, wie die anderen Sender arbeiten. Aber wir haben in den letzten Jahren viel Geduld bewiesen. Wenn wir an eine Idee glauben, lassen wir auch nicht so schnell von ihr ab. Wenn sie noch nicht ausgereift ist, arbeiten wir weiter an ihr und produzieren vielleicht auch noch einen zweiten oder dritten Piloten. Und manchmal bringen wir ein Format auch nochmal on air, wenn es beim ersten Test noch nicht so gut funktioniert hat – wie zum Beispiel bei „Kitchen Impossible“. Wichtig ist, dass wir uns in der Regel immer in unbekanntere Gewässer begeben. Wir glauben fest daran, dass wir eine größere Chance haben, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, wenn wir ein größeres Risiko eingehen. Das funktioniert aber natürlich nicht immer.

Ihre Senderstrategie für Vox lautet also: Innovation, Mut und Ausdauer. Etwas, das anderen Sendern fehlt?
Das ist unsere Strategie, ja. Ich würde aber nicht sagen, dass andere Sender das nicht haben. Manchmal fehlt einem einfach das glückliche Händchen, die Geduld oder auch die passende Idee zum richtigen Zeitpunkt. Dass etwa eine Gründer-Show wie „Die Höhle der Löwen“ so erfolgreich ist, war auch eine Frage des Timings – die Gründerszene ist momentan ein großes Thema. Das war vor fünf Jahren noch nicht so. Das Format wäre damals vielleicht gescheitert.

Wie wird sich das TV-Jahr 2017 für Sie entwickeln?
Prächtig. Wir haben schon die nächste Staffel von „Sing meinen Song“ aufgezeichnet, die im Mai 2017 starten soll. Über das Ergebnis bin ich total glücklich. In diesem Jahr werden erstmals „The BossHoss“ Gastgeber sein. Das war ein großer Schritt, den aber alle Beteiligten hervorragend gemeistert haben. Außerdem haben wir ungefähr die Hälfte der Drehtage von „Die Höhle der Löwen“ abgeschlossen und können schon jetzt sagen: Unsere Löwen sind noch investitionsfreudiger als in den vorherigen Staffeln. Davon können sich die Zuschauer dann im Herbst überzeugen. Und die dritte und finale Staffel von „Club der roten Bänder“ steht auch für dieses Jahr an. Ich bin sehr zuversichtlich.

Die Konkurrenz durch andere TV-Sender ist das eine, die durch Streaming-Dienste das andere: Sehen Sie in Amazon Prime Video, Netflix & Co. eine ernstzunehmende Konkurrenz für das lineare Fernsehen im Allgemeinen und Vox im Besonderen?
Ich bin in der Schule nicht gut in Mathematik gewesen. Aber ich habe gelernt, dass man bei manchen komplizierten Rechnungen den kleinsten gemeinsamen Nenner finden muss. Wenn ich das lineare Fernsehen mit einem Streaming-Dienst vergleiche, dann zeigen wir alle Inhalte. Und wir wollen, dass möglichst viele Zuschauer diese Inhalte konsumieren.

Dass Sie mit Amazon oder Netflix in einem gemeinsamen Boot sitzen, kann man aber auch nicht sagen…
…bei Amazon, Netflix & Co. habe ich einen ganzen Haufen an fiktionalen Inhalten, nur wenige nicht fiktionale, und wenn ich das vergleiche und überlege, wie viele neue Formate wir so im Jahr produzieren, dann sind wir deutlich breiter aufgestellt. Allerdings gilt es gerade als sehr hip, sich die neuesten Serien anzuschauen und „durchzusuchten“. Das ist ein anderes Konsumverhalten von Inhalten. Hier wäre der kleinste gemeinsame Nenner die Aufgabe, gute Inhalte für die breite Masse zu machen.

Und deswegen mache ich mir auch keine Sorgen um das lineare Fernsehen – solange wir innovativ sind. Wenn wir die Kraft, das Geld und den Mut haben, innovativ zu sein, müssen wir uns vor den Streaming-Diensten nicht fürchten. Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich nun einen Weltmarkt bespiele oder den deutschen Markt – da sehe ich bei uns den Vorteil, sich ganz auf den deutschsprachigen Raum konzentrieren zu können. Wenn Netflix beispielsweise auf die Idee käme „The Story of my Life“ zu machen, könnten sie von unseren Prominenten nur einen internationalen Sport-Star wie Boris Becker verpflichten. Ein Guido Maria Kretschmer, der für uns ein sensationeller Name ist und beim deutschen Publikum extrem gut ankommt, könnte da nicht mitmachen.

Ein weiterer gemeinsamer Nenner: Vox setzt vermehrt auf Eigenprogramm und macht damit nicht nur gute Quote. Der „Club der roten Bänder“ und „Kitchen Impossible“ wurden mit dem Deutschen Fernsehpreis 2017 ausgezeichnet, „Die Höhle der Löwen“ und „Grill den Henssler“ nominiert. Sind Eigenproduktionen der Schlüssel zum TV-Erfolg?
Originäre Inhalte, ja. Wir haben gemerkt, dass uns die amerikanischen Fiction-Serien jahrelang gut gedient haben. Dann sind die Quoten plötzlich deutlich heruntergegangen. Unsere Antwort darauf war, noch mehr selbst zu entwickeln und zu produzieren. Und damit sind wir gerade sehr erfolgreich.

Dennoch zeigen Sie etwa an jedem Mittwochabend die US-Krimi-Serie „Rizzoli & Isles“ und an jedem Freitagabend „Law & Order: Special Victims Unit“. Mit den Sehgewohnheiten wollen Sie also nicht komplett brechen.
Wir wollen das Genre ja nicht gänzlich ausknipsen. Das Material ist gut – und hat nach wie vor viele Fans. Aber wir zeigen unsere US-Serien einmal in der Woche, während sie bei Netflix oder anderen Streaming-Diensten immer verfügbar sind. Wenn ich will, kann ich mir dort also jederzeit die gesamte Staffel anschauen. Da haben wir im Vergleich zu Streaming-Anbietern zumindest bei den onlineaffinen Zuschauern die schlechteren Karten.

Warum nicht auf die Lizenzware verzichten?
Lizenzware gehört zum Vollprogramm. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Nutzung des linearen Fernsehens in manchen Zielgruppen zwar abgenommen hat – insgesamt aber immer noch das meistgenutzte Medium ist. Und es gibt tatsächlich noch Menschen, die keinen Streaming-Dienst nutzen. Es ist ja auch kein Zufall, dass wir die Abrufzahlen von Streaming-Anbietern nicht kennen. Viele Medienjournalisten tappen in die Trend-Falle, wenn es um Streaming-Dienste geht – wahrscheinlich auch, weil sie diese Dienste persönlich gut finden. Bei uns, dem linearen Fernsehen, wird nur auf die Quote geschaut, dann heißt es Top oder Flop. Da wird mit zweierlei Maß gemessen.

Vox ist ein Privatsender, der seit fast 25 Jahren auf Sendung ist – Sie haben einen Ruf und auch Zuschauerzahlen zu verlieren…
…was wir als einziger Privatsender im vergangenen Jahr nicht getan haben. Aber in Bezug auf die Streaming-Dienste gibt es Felder, in denen wir unterlegen sind und Felder, in denen wir einen Vorteil haben – etwa, dass wir uns auf den deutschsprachigen Raum fokussieren können.

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Vor einem Jahr haben Sie in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur gesagt, dass Vox bereits 70 Prozent des Programms mit Eigenproduktionen bestückt. Wo liegt diese Zahl heute – und wo soll diese mal stehen?
Die Zahl ist stabil geblieben und noch ungefähr auf dem Level. Wie ich finde: ein sehr gutes Level, weil wir damit ein sehr ausgewogenes Verhältnis zwischen Serien, Filmen und Shows haben. Und wir haben auch neue Serien eingekauft. Am 12. Mai startet mit „Chicago Med“ ein weiteres Spin-off aus der Dick Wolf-Reihe. Und im Sommer werden wir auch noch weitere neue Serien-Stoffe ankündigen können – auch von kleineren Anbietern. Da haben wir unseren Fokus für 2017 ein wenig verlagert.

Von „Kitchen Impossible“ über „Die Höhle der Löwen“: Vox ist auch oder vor allem im Show-Bereich stark. Nun folgt mit „The Story of my Life“ eine weitere Show. Warum hat diese in Ihrem Programmportfolio gefehlt?
Wir suchen herausragende Ideen und keine Lückenfüller. Wenn wir in unseren Entwicklungsrunden sitzen, überlegen wir, ob es diese Idee auf dem Markt schon gibt oder nicht…

…die Idee stammt aber aus den Niederlanden, von der Produktionsfirma Endemol.
Ja, das ist richtig. Aber in den Niederlanden wurde noch keine Staffel produziert. Wir haben einen dreiminütigen Zusammenschnitt des Show-Piloten gesehen, der in den Niederlanden hergestellt und an unsere niederländischen Kollegen von RTL 4 verkauft wurde. Und wir waren sofort davon angetan. Deswegen haben wir auf einen eigenen Piloten verzichtet und direkt sechs Folgen produziert. Das Format wurde in sechs Länder, etwa Finnland und Belgien, verkauft. Aber wir gehen damit als erste an den Start.

Das Konzept von „The Story of my Life“ ist ungewöhnlich: Prominente Paare werden um Jahrzehnte älter geschminkt und schließlich auch optisch mit dem Versprechen konfrontiert: Mit dir möchte ich alt werden. Warum sind Sie von dem Format so überzeugt?
Ich kann natürlich nicht versprechen, dass diese Show die gleichen Quoten wie etwa „Die Höhle der Löwen“ holt. Für mich kann ich nur sagen, dass die Umsetzung dieser besonderen Idee gelungen ist. Wir haben tolle Paare, jede Sendung hat eine eigene Stimmung und ein eigenes Thema. Ich bin zufrieden und extrem glücklich mit dem Produkt. Und dass wir „The Story of my Life“ auf den Platz zwischen „Ewige Helden“ und „Sing meinen Song“ setzen, zeigt ja, wie hoch unser Qualitätsanspruch ist. Ich kann nur hoffen, dass den Zuschauern das Format auch gefällt. Wenn nicht, ist das okay – dann müssen wir uns etwas Neues einfallen lassen. Aber je näher der Ausstrahlungstermin rückt, desto pessimistischer werde ich ohnehin mit meiner Einschätzung. (lacht)

Sie gehen bei „The Story of my Life“ vom Schlimmsten aus?
Ich gehe immer vom Schlimmsten aus. (lacht) Aber das hat nichts mit dem Format zu tun. Ich denke vor Neustarts immer: Das Wetter ist schön, diese und jene Sendung hat großartige Quoten geholt – das läuft doch alles irgendwie zu gut.

Plant Vox noch mit weiteren Eigenproduktionen?
Im nächsten Jahr soll noch einiges dazu kommen. Auch im nicht fiktionalen Bereich. Wir haben etwa Detlef Steves, der in „Detlef baut ein Haus“ sein Elternhaus umbauen wird. Darüber hinaus produzieren wir aktuell mit „Familienbetriebe“ eine Doku-Soap, in der Familienunternehmen begleiten werden – diese soll dann im Anschluss an „Die Höhle der Löwen“ zu sehen sein. Und wir pilotieren momentan zwei neue Daytime-Projekte. Konkreteres dazu kann ich aber erst in einigen Wochen verraten.

Für „Goodbye Deutschland“ haben Sie Nathalie Volk und Frank Otto ins Boot geholt, nun sind die beiden auch in „The Story of my Life“ zu sehen – und vielleicht in einem dieser ominösen „Daytime-Projekte“?
Die Frage ist nicht weit hergeholt. Aber es ist so: Wir haben mit Nathalie Volk und Frank Otto über „Goodbye Deutschland“ gesprochen, sie eingeladen und dabei etwas kennengelernt. Nun sind sie auch bei „The Story of my Life“ dabei. Dafür braucht es Vertrauen zum Sender. Auch Guido Maria Kretschmer kennt uns bereits, etwa durch „Shopping Queen“, und Fabian Hambüchen ist bei „Ewige Helden“ dabei. Wir bauen Beziehungen zu unseren Protagonisten auf. Und wenn wir ein gutes Vertrauensverhältnis haben, kommen sie auch in weiteren Sendungen bei uns vor.

Wo wir schon beim Thema Älterwerden und Zukunftsversprechen sind: Mit welcher Sendung werden Sie bei Vox älter werden?
Ich bin ja schon alt. (lacht) Aber mit „Das perfekte Dinner“, das ja schon im zwölften Jahr läuft, bin ich beispielsweise bereits gereift und mit dem Format möchte ich auch weiterhin älter werden. Und ich bin mir sicher, dass ich auch mit „Die Höhle der Löwen“ sehr viel älter werde. Deutschland ist das Land der Gründer und Denker – und da wird es nie an Ideen mangeln.

Die neue Talkshow „The Story of my Life“ startet am Dienstag, 11. April, um 20.15 Uhr bei Vox.

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