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„Mafia“-Streit mit DJV: Wie Verleger Jakob Augstein dem Freitag und sich selbst schadet

Spiegel-Erbe Jakob Augstein ist Verleger des Meinungsmediums Der Freitag
Kehrt zurück in die Chefredaktion seiner eigenen Zeitung: Spiegel-Erbe und Freitag-Verleger Jakob Augstein

Zwischen dem DJV und Freitag-Verleger Jakob Augstein ist ein Streit um den Umgang mit externen Autoren entbrannt. Hintergrund ist ein Gerichtsurteil zu einem Mafia-Artikel, für dessen Kosten die Verfasserin selbst aufkommen muss. Die Gewerkschaft spricht von einer "Ohrfeige für alle Freien", Augstein hält dem entgegen, Redaktionen seien keine "Rechtsschutzversicherung für mangelhafte Recherche" – eine höchst problematische Aussage.

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Dass der Deutsche Journalisten-Verband für Freie in die Bresche springt, ist für sich genommen nichts Ungewöhnliches oder in jedem Fall berichtenswert. Die heftige Reaktion des Verlegers Jakob Augstein hingegen schon. Der Finanzier der Wochenzeitung Der Freitag hat sich in einer Weise öffentlich positioniert, die seinem Ruf und dem Ansehen seines Blattes nachhaltig schaden könnte. Die nun öffentlich erhobenen Vorwürfe gegen die freie Journalistin und Schriftstellerin Petra Reski sind für sich genommen rufschädigend, auch und vor allem wegen des Umstandes, dass kaum jemand, der diese nun via Augsteins Erklärung zur Kenntnis nimmt, sich mit den rechtlichen Details auskennt und beschäftigen wird.

Dass investigativ arbeitende Journalisten (auch jene, die in der Sache gute Gründe vorbringen) vor Gericht Schiffbruch erleiden können, ist bekannt. Ob und inwieweit man Petra Reski, deren journalistische Referenzen laut ihrer eigenen Homepage u.a. Texte für Geo, die NZZ oder Nido umfassen, zu dieser Spezies rechnet, ist eine andere Frage. Nicht jeder, der sich zur Mafia äußert, ist auch ein Experte, und nicht einmal jeder Experte ist presserechtlich ein wasserdichter Zeuge. Gerade weil die Unwägbarkeiten juristischer Klagen der potenziellen Gegenseite landläufig bekannt sind, trägt die Zeitung oder Zeitschrift, die Artikel freier Autoren oder Rechercheure in derart sensiblen Gemengelagen veröffentlicht, eine besondere Verantwortung. Augstein benennt diese, aber er bekennt sich nur halbherzig dazu, indem er einen Fehler „bedauert“, der aber genau genommen mit dem Versagen der Autorin erklärt wird.

Man fragt sich zugleich, in welcher Welt der Erbe des Spiegel-Gründers lebt, wenn er darauf verweist, dass Reski zu Recht die Kosten für die Niederlage in einem Prozess privat tragen müsse, „weil sie ihre Vorwürfe nicht belegen konnte“. Schon das trägt Züge verlegerischer Hybris und Selbstgerechtigkeit. Vollends ins Schlingern gerät seine Argumentation, wenn er – wie gegenüber MEEDIA – zugleich erklärt: „„Wenn wir Artikel von Autoren in der Zeitung drucken, müssen wir uns auf gewissenhafte Recherchen verlassen. Wenn es dennoch zu rechtlichen Problemen kommt, stehen wir selbstverständlich zu unseren Autoren.“ Reski hingegen bescheinigt er, einen Klarnamen benutzt zu haben, obwohl sie von dem Rechtsrisiko gewusst habe – und begründet dies damit, dass die Autorin einen entsprechenden Gerichtsentscheid in ihrem Text für den Freitag explizit erwähnt habe. Der Umkehrschluss liegt nahe: Wenn dies so deutlich im Artikel vermerkt ist, wieso fällt es niemandem auf, der beim Freitag für die Qualitätskontrolle zugelieferter Stücke verantwortlich ist?

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Mit seiner Antwort auf die Vorwürfe des DJV und einen zwischen den Zeilen ebenfalls kritischen Beitrags der FAZ hat sich Jakob Augstein keinen Gefallen getan. Seine öffentliche Distanzierung von einer Autorin ist für den Verleger eines Blattes ein ungewöhnliches Verhalten – als würde sich der Vorstandschef des Verlagshauses Axel Springer von seinem in der Türkei inhaftierten Korrespondenten lossprechen und diesem vorwerfen, er hätte beim Verfassen seiner Artikel halt mehr Sorgfalt walten lassen müssen. Presserechtliche Verantwortung ist nicht teilbar, aber genau dies versucht Augstein.

Der Verleger fremdelt hier mit dem eigenen Metier und zeigt eine unprofessionelle Kälte, die nichts mit unter Umständen berechtigter Kritik an einer freien Mitarbeiterin zu tun hat. Ein Signal hat er damit – unfreiwillig – allemal gesetzt, das in der Branche angekommen sein dürfte: frei arbeitende Investigativ-Jorunalisten werden das „Meinungsmedium“ künftig besonders kritisch betrachten oder gleich einen Bogen darum machen.

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Alle Kommentare

  1. ich frage mich, was den autor des artikels (herr altrogge) bewogen hat, frau reskis qualifikation als investigative journalistin anzuzweifeln. soweit ich weiß hat sie diverse sachbücher über das thema geschrieben, außerdem unzählige artikel und ist in italien als mafiaexpertin sehr anerkannt. dass sie in deutschland in rechtstreits unterliegt, bedeutet nicht, dass sie unrecht hat. eher, dass das problem mafia von der justiz hierzulande noch nicht wirklich als solches erkannt wurde. die mafia kann ihre einschüchterungsspielchen also munter betreiben. dass es funktioniert hat herr augstein ja bewiesen.

  2. Freier Journalist ist eine Facette aus der Abteilung „Prekäre Scheinselbstständigkeit“. Die Einhaltung eines Mindestlohns kann nicht nachgerechnete werden, weil eine Dienstleistung abgerechnet wird. Alle Risiken werden an den Dienstleister abgewälzt. Genauso tragisch ist es, dass Herr Augstein (ich hoffe es ist nicht der Gleiche Augstein, den ich mal im Fernsehen im Zwiegespräch mit Herrn Blome gesehen habe, wobei Ersterer stark für soziale Positionen eingetreten ist) seine Zeitung zu eine Art Facebook auf Zellulose umbaut, bei dem jeder auf eigenes Risiko hochladen kann, was er will.

    1. Facebook auf Zellulose, der ist nicht schlecht. Jeder kann auf eigenes Risiko hochladen, was er will: Ja, so scheint es zu sein (wenn man diesen Text hier zu Ende denkt). Und Augstein vs. Blome gibt es immer noch? Werden auf Phoenix denn keine Einschaltquoten ermittelt?

  3. Man muss ja auch nicht immer Namen nennen. Durch Prozesse wird teilweise ja auch vom Thema abgelenkt und die Zeit kann man in umfassendere Recherche investieren. Ich würde lieber Zitate von Betroffenen oder Opfern aufschreiben als Namen zu nennen wenn man weiss, das das Ärger geben kann.
    Schön war neulich Beckenbauer:
    http://meedia.de/2017/03/31/trennungs-titel-bei-das-neue-blatt-beckenbauers-setzen-sich-gegen-bauer-verlag-durch/
    Hintergrundartikel kämpfen nicht mit reisserischen Übertreibungen darum, auf der Titelseite zum Kauf zu motivieren. Im Rahmen der Diskussion über Journalismus sollte man überlegen, welche Verhaltensweisen man selber anders machen kann, selbst wenn das bei anderen Redaktionen Usus sein sollte. c’t hat beispielsweise keinen ultimativen Testsieger sondern ein Fazit wo man sieht wann und wofür man welches Produkt einsetzen kann und wo es bessere Alternativen gibt.

    Schon Trump forderte, das man Belege dran schreiben soll wenn man etwas behauptet. Das lernt man so im Studium und bei Lebensmitteln stehen die Zutaten hinten drauf. Bei Platzbegrenztem Print und Agenturmeldungen fehlt der Platz dafür. Online-Artikel hingegen kann man das locker unterbringen. Lest einen mittel-langen Wikipedia-artikel. Da sind ganz unten am Ende „zig“ Belege wie man es im Studium lernt. Trump hat damit also wohl völlig Recht.

    Und wegen Qualitätskontrolle: Online-Artikel sind oft genug voller Tippfehler und oft findet man auch Stellen wo nicht mit-gedacht oder nachgefragt wird. Auch durch misverständliche Formulierungen und Streit in den Kommentaren darüber wird anscheinend nicht gelernt und sowas passiert immer wieder.
    „Ertrag“/“Erlös“ ??? Umsatz oder Gewinn ?
    „Mail“ ??? Email oder Postbrief ?

    Man sollte jeden Artikel (und Print) von 2-3 (ständig z.B. täglich wechselnden) „Bürgen“ aus der Redaktion freischalten (früher nannte man das „gegen-Lesen“) lassen müssen. Speziell auch bei Twitter. Dann lohnt sich Account-Kaperung nicht mehr.
    Wer das macht kriegt automatisch bessere Qualität und Tipps durch die Kollegen. Auf Leser-Kommentare wird oft genug ja nicht so viel wert gelegt.

    Preisdruck ergibt oft Qualitätsdruck. Da muss man schlaue – kostengünstige und zeit-effiziente – Mittel gegen etablieren.

    Da es Gegengelesen wurde, könnte er auch die Hälfte bezahlen. Aber er hat doch die Kosten der Gegenseite übernommen:
    http://meedia.de/2017/04/03/ohrfeige-fuer-alle-freien-freitag-verleger-augstein-wehrt-sich-gegen-djv-vorwuerfe-eine-autorin-im-stich-gelassen-zu-haben/
    „Gegenüber der Gegenseite habe Der Freitag die Kosten übernommen.“
    Diese Info fehlt hier glaube ich und fände ich schon relevant.

    Wenn der Artikel zurückgezogen wurde. Kann ihn dann nicht ein anderes Medium kaufen und (ggf. gekürzt) veröffentlichen ?

    1. warum posten sie hier einen artikel von 2010? was soll der beweisen? dass es beim spiegel damals einen redakteur gab, der frau reski nicht leiden konnte?

  4. Reski müsse für die Rechtskosten aufkommen, „weil sie ihre Vorwürfe nicht belegen konnte“, so Augstein. In den Freitag kommen also Vorwürfe, die sich nicht belegen lassen? Da findet Augstein offenbar auch nichts dabei? Nur gut, dass sein Adoptivvater das nicht mehr erleben muss.

  5. Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen :Der DJV muss sich gerade aufregen — obwohl jedes DJV-Mitglied ( wie ich seit 45 Jahren)
    ein Recht auf Rechtschutz hat wurden mir in den vergangenen 5 Jahren
    bei wichtigen Unterlassungsaufforderungen jedes Mal der mir zustehende
    Rechtsschutz mit immer neuen fadenscheinigen Gründen verweigert, so dassich ebenfalls selber auf allen Kosten sitzenblieb.
    Über Einsprüche gegen eine solche Vorstandsentscheidung entscheidet dann beim DJV-Bremen ein sogenantes Schiedsgericht , in dem zu 70 % dann die Mitglieder des Vorstands sitzen ,die ihren eigenen Beschluss natürlich nicht revidieren – egal welche Argumente man auch vorträgt.
    Peter Bischoff –info@peter-bischoff.de

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