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Scheidender BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb: „Wir Deutschen haben so ein Bewertungssyndrom in uns“

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Sigmund Gottlieb war fast ein Viertel Jahrhundert lang Chefredakteur des Bayerischen Rundfunk. Nun verabschiedet sich der TV-Mann mit den meisten "Tagesthemen"-Kommentaren in den Ruhestand. Damit macht der 65-Jährige auch Platz für die digitale Zukunft des Senders. Im Interview erklärt er, wieso er den BR auf gutem Wege sieht und appelliert u.a. daran, im Zuge der Digitalisierung das klassische Handwerk nicht zu vergessen.

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Von Simon Book, WirtschaftsWoche

Herr Gottlieb, nach über 21 Jahren als Chefredakteur verlassen Sie nun den Bayerischen Rundfunk. Sie sind der ARD-Kommentator mit den meisten Meinungsbeiträgen – über 350. Mit Ihnen geht zweifellos einer der streitbarsten Journalisten des Landes. Ist es Zeit?
Streitbar war ich immer, weil ich wusste: Wir brauchen zu bestimmten Themen eine klare Haltung. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht im Mainstream rundgeschliffener Bewertungen verlieren. Und wir müssen Kommentar und Nachricht sorgsam voneinander trennen. Da vermischt sich meiner Beobachtung nach in jüngster Zeit eine ganze Menge. Auch wenn wir in die USA blicken. Wir Deutschen haben so ein Bewertungssyndrom in uns. Das müssen wir bekämpfen. Sonst kommen wir da in eine Glaubwürdigkeitskrise.

Ist Meinung wirklich Ihr Hauptproblem? Sie erreichen die jungen Menschen nicht mehr.
Der BR ist wie ein edler Diamant. Der bedarf eines konsequenten und akkuraten Feinschliffes, um auch im digitalen Zeitalter zu glänzen. Sehr wichtig ist, dass wir weiterhin erstklassigen Journalismus machen. Das beginnt schon beim journalistischen Handwerk, das wir uns jeden Tag mit größter Sorgfalt neu erarbeiten müssen. Das wird natürlich in der digitalen Zeit immer schwieriger. Da müssen wir den inneren Schweinehund bekämpfen, der immer sagt: das geht schon so, das passt schon. Nein: „Passt schon“ ist nicht genug. Qualitätsjournalismus ist eine Kärrnerarbeit, die sich auch junge und jüngere Kollegen ganz oben auf die Fahnen schreiben müssen.

Der BR steckt gerade mitten im größten Umbau seiner Geschichte. Sind Sie besorgt?
Ich würde eher sagen realistisch. Gerade im Digitalzeitalter ist es umso wichtiger, das gute alte angelsächsische Prinzip einzuhalten: Sei der erste, aber vor allem, sei zunächst richtig: „Be first, but first be right“. So manchem Online-Medium ist es heute oft wichtiger, erster zu sein. Das kann zu Problemen führen. Bei der Verkündung des NPD-Urteils etwa haben einige Online-Medien gar nicht gut ausgesehen, weil sie eben zu schnell waren und falsch lagen.

Genau dahin aber will sich ihr Haus doch entwickeln und als erste große öffentlich-rechtliche Anstalt trimedial arbeiten, also Online, Fernsehen und Hörfunk gleichzeitig recherchieren und bedienen. Da dürfte Tiefe eher verloren gehen.
Es ist wichtig, dass wir jeden Tag spüren und erspüren, was die Menschen bewegt. Dass wir unsere Recherchen nicht nur auf Google beschränken, sondern vor Ort sind und auch vor Ort gehen. Aber ich gebe zu: all das ist nicht mehr so leicht, wie es früher Mal war. Die Gelder sind nun mal heute begrenzt. Wir dürfen darüber aber nicht vergessen, was uns das wichtigste ist: die Inhalte. Erst wenn wir gute Stoffe haben, können wir darüber sprechen, wie wir sie zu den Menschen bringen. Dennoch bedeutet Trimedialität ja nicht weniger Tiefe – im Gegenteil.

Sie wollen also sparen und dabei gleichzeitig gründlicher arbeiten? Das dürfte kaum zu vereinen sein.
Wenn sie künftig etwa für die „Rundschau“ die Beiträge aus den jeweiligen Fachredaktionen – also beispielsweise Landwirtschaft, Umwelt oder Verbraucher – zuliefern lassen und nicht mehr selbst produzieren, dann setzt das Mittel frei und Personal, das wir an anderer Stelle einsetzen können: etwa im digitalen Bereich. Die trimediale Planung des Programms ist dabei der Schlüssel. Wenn man sich anschaut, wer in den vergangenen Jahren alles gemeinsam am selben Thema dran war. Und wenn man dann noch sieht, dass diese vielen Redakteure oft gar nichts voneinander gewusst haben – dann fragt man sich schon, warum wir eigentlich mit dieser Entwicklung so lange gebraucht haben. Es ist allerhöchste Zeit, die Doppel- und Dreifach, ja manchmal sogar Vierfachstrukturen abzubauen. Und da sind wir beim BR sehr gut dabei.

Die Signale nach außen sind andere. Gerade erst haben sie – die reiche Anstalt – angekündigt, das ARD-Mittagsmagazin an den bislang klammen Berliner rbb abzugeben. Für viele im Haus ein ungeheuerlicher Vorgang.
Das ARD-Mittagsmagazin ist ein hochklassiges journalistisches Produkt, für das der BR fast drei Jahrzehnte lang ein Markenzeichen gesetzt hat. Umso schmerzhafter ist es, dass wir es 2018 drangeben müssen. Warum: weil es in der ARD nicht umlagefinanziert ist. Wir als BR haben die Kosten alleine getragen, und das geht jetzt einfach nicht mehr. Die finanziellen Spielräume sind sehr viel enger geworden. Durch die neue Haushaltsabgabe für den Rundfunk haben sich innerhalb der ganzen ARD finanzielle Verschiebungen ergeben. Der BR muss sich deshalb nun stärker einschränken als andere Sender. Bisher haben wir das bei Technik und Verwaltung getan. Nun müssen wir auch ins Programm schneiden. Das tut weh.

Also doch: weniger Bayern in der ARD. Werden die Töne aus München nun leiser?
Sicher nicht. Wir haben eine Reihe von starken Produkten in der ARD. Das geht von Report München bis zum Weltspiegel, oder denken Sie nur an die vielen Zulieferungen des BR für die Sendungen von ARD-aktuell. Daran wird sich aus meiner Sicht auch nichts ändern. Die Zukunft spielt in der Region und in der ARD. Und der trimediale Umbau wird uns fit machen für diese Zukunft. Wir müssen das junge Publikum noch besser erreichen. Die wollen nicht mehr linear fernsehen, sondern mobil und zeitunabhängig. Die digitale Revolution gibt uns die Instrumente und Verbreitungsmöglichkeiten dafür. Was wir hier machen, ist die größte Reform in der Geschichte des Hauses. Das wird auch in den anderen ARD-Anstalten sehr aufmerksam verfolgt.

Der durchaus angestaubte BR wird zum Vorbild für WDR und NDR?
Jede Landesrundfunkanstalt muss für sich entscheiden, welchen Weg sie geht. Da gibt es – je nach Tradition und Art des Hauses – unterschiedliche Vorgehensweisen und Geschwindigkeiten. Und für alles gibt es gute Gründe. Aber wenn sie die Entwicklung der letzten Monate betrachten, dann ist da insgesamt schon enorm Geschwindigkeit aufgenommen worden. Ich bin überzeugt, dass der Weg des BR der richtige ist – für uns und unsere Tradition.

Für viele Journalisten – gerade auch für viele Freie – bedeutet dieser Umbau weniger Aufträge oder sogar die Kündigung.
Ein solch fundamentaler Veränderungsprozess ist von Natur aus begleitet von Skepsis und Sorgen. Natürlich wird es Veränderungen geben. Wichtig ist, dass Mitarbeiter, die es lange Zeit gewohnt waren, nur ein bestimmtes journalistisches Profil oder eine einzelne Sendung zu bedienen, offen sind für neue, attraktive Betätigungsfelder. Wir versuchen, das höchst professionell zu begleiten, etwa die Mitarbeiter umzuschulen, und sind da sehr, sehr, sehr sozial ausgerichtet. Aber so ein Prozess hat natürlich seine Auswirkungen im Haus, keine Frage.

Ist denn das bisherige Ziel, alles bis 2022 abzuschließen, noch realistisch?
Wir sind mit allen Facetten des Prozesses just in time. Ich denke, dass wir auch baulich mit unserem neuen trimedialen Aktualitätenzentrum in München-Freimann bis dahin fertig sind. Doch der Reformprozess an sich, der wird immer weiter gehen – schon allein, weil sich die Technik permanent weiter entwickelt.

Klingt, als seien da noch mehr Hiobsbotschaften aus München zu erwarten.
Wieso Hiobsbotschaften? Ich bin überzeugt, dass mein Nachfolger den Diamanten BR erfolgreich weiter polieren wird. Natürlich ist Christian Nitsche, der ja trimedialer Chefredakteur wird, ein anderes Naturell als ich. Aber in den journalistischen Grundüberzeugungen stimmen wir voll und ganz überein. Und dass so eine Reform ihre Zeit braucht, ist auch verständlich. Wir müssen da völlig unterschiedliche Kulturen zusammenführen: Hörfunk, Fernsehen und Online. Das dauert länger als in vielen anderen Unternehmen – schon allein, weil wir den Prozess mit ständigen Gesprächen begleiten, um die Mitarbeiter mitzunehmen. Aber nochmal: Das ist ohne Alternative.

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