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Web-Portale Nekrolog & Co.: die verpasste Startup-Chance der deutschen Zeitungsverleger

Familienanzeigen sind auch in der digitalen Welt weiterhin eine Print-Domäme – für Verlagshäuser bieten sich hier Chancen, die bislang nicht genutzt wurden
Familienanzeigen sind auch in der digitalen Welt weiterhin eine Print-Domäme – für Verlagshäuser bieten sich hier Chancen, die bislang nicht genutzt wurden

Familienanzeigen scheinen eine von der digitalen Disruption unbehelligte Bastion der Verlage. Todesfälle, Geburten oder Hochzeiten werden trotz der massenhaften Nutzung von Social Media-Plattformen nach wie vor bevorzugt in Printmedien veröffentlicht. Die Zeitungshäuser haben dadurch Daten und Informationen, nach denen Nutzer im Internet vergeblich suchen. Erstaunlich, dass sie diese nicht nutzen.

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Als wir bei MEEDIA kürzlich den Morgennewsletter #trending als ergänzendes News-Angebot für die Branche gestartet haben, ging es der Redaktion auch darum, einen zweiten, anderen Blick auf das Medien-Nutzungsverhalten im Social Web zu ermöglichen. Denn was dort viel geklickt und geteilt wird, interessiert die digitalen Zielgruppen besonders und unterscheidet sich – nicht immer, aber auch nicht selten – vom News-Mainstream des professionellen Journalismus. Der wiederum kann aus den Beobachtungen bei Facebook & Co. Impulse für die eigene Arbeit und Themenselektion finden.

Im heutigen #trending-Artikel unseres Datenexperten Jens Schröder findet sich ein Beispiel dafür, das allerdings in diesem Fall eher für Verlagsmanager und Innovations-Abteilungen interessant sein könnte. Jens Schröder schreibt: „Warum ist eigentlich noch kein deutsches Medien-Unternehmen darauf gekommen, eine Website nur für Todesmeldungen von Prominenten und Halb-Prominenten zu bauen? Funktionieren würde sie garantiert. Die Seite Nekrolog 2017, die einfach nur bekannte oder berühmte Verstorbene auflistet, ist zum Beispiel eine der erfolgreichsten Seiten in der deutschsprachigen Wikipedia – seit Jahresbeginn schon mit 1,7 Mio. Abrufen. Und immer wenn ein Prominenter stirbt, schnellen die Google-Suchanfragen und Wikipedia-Besuche in die Höhe. Aktuelles Beispiel: Christine Kaufmann. Der von der Bild in den vergangenen Tagen quasi schon angekündigte Tod der Schauspielerin bewegte viele Deutsche. Über 500.000 suchten bei Google nach ihr, mehr als 152.000 lasen ihren Wikipedia-Eintrag. In beiden Statistiken waren das die Topwerte für den Dienstag. Zudem gehörten einige Todesmeldungen zu den erfolgreichsten am Dienstag veröffentlichten Artikeln in den sozialen Netzwerken.“

Der eigentlich interessante Ansatz liegt aber vielleicht gar nicht so sehr bei den Fällen, die ein bundesweites, manchmal weltweites Medienecho hervorrufen. Denn das Informationsbedürfnis der Nutzer geht ja viel weiter und richtet sich auf Freunde oder Bekannte, die man aus den Augen verloren hat, weil es sie nach Schule oder Studium in andere Städte verschlagen hat. Hinzu kommen Heiraten mit Namensänderungen, die es oft fast unmöglich machen, Kontakte von früher wieder herzustellen. Ein wichtiger Schlüssel hierzu wären die Familienanzeigen, in den Hochzeiten angekündigt, Geburten oder Todesfälle bekannt gemacht werden. Das aber geschieht schon aus Kostengründen meist ausschließlich in Regionalblättern – eine zentrale Archivierung der eigentlich öffentlich zugänglichen und für die Öffentlichkeit bestimmten Informationen erfolgt nicht.

Dass diese Wissenslücke auch mehr als zwanzig Jahre nach Einführung des Internets noch offen ist, könnte vor allem mit der Zersplitterung der Verlagslandschaft zusammenhängen. Traditionell waren sich die Regio-Fürsten der Zeitungslandschaft meist in herzlicher Feindschaft zugetan, paktiert wurde nur dort, wo es dem eigenen Monopol von Nutzen war. Experimentiert wurde eine Weile eher leidenschaftslos mit reinen Trauerportalen, doch als die Verlagshäuser den Eindruck gewannen, dass sich mit dem Tod digital kein Geschäft machen ließ, war das Interesse vielerorts bald erloschen.

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Das wäre möglicherweise anders, wenn ein deratiges Portal neben redaktionellen Meldungen – z.B. zu Todesfällen von Prominenten – auch eine Suchmaschine anbieten würde, die es Nutzern ermöglicht, im eigenen Lebensumfeld zur recherchieren und z.B. Familienanzeigen aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis über Jahre zurück aufzufinden, nach dem Muster privater „Stay Friends“-Recherchen. Das Ganze würde natürlich nur funktionieren, wenn möglichst alle Verlagshäuser und Anzeigenblätter dabei kooperieren. Für den BDZV könnten solch nostalgische Bedürfnisse ein lohnendes Projekt sein: vielleicht kein mega-hippes Startup, aber durchaus eine lohnende Geschäftsidee, die eine zweifellos bestehende Nachfrage abdecken würde, für die die Facebooks oder YouTubes der digitalen Welt bislang keine Lösung gefunden haben.

 

 

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Alle Kommentare

  1. Meine Tageszeitung (die Main-Post aus Würzburg) hat ebenfalls bereits ein eigenes Trauerportal mit Suchfunktion – wie wahrscheinlich inzwischen die meisten der (etwas größeren) Lokalzeitungen. Was mir gefällt sind die kleinen Extras (z.B. Kondolenzeinträge schreiben), die ich dort habe habe. http://trauer.mainpost.de

  2. Liebes Meedia-Team,

    ich kann die Einschätzung des Autors dieses Artikels nicht teilen. Die meisten Tages- und Wochenzeitungen betreiben heute sehr erfolgreich eigene Trauer- und Familienportale und verdienen dabei über Online-Aufschläge, Print-Upsells, Dienstleisterverzeichnisse und die Vermarktung von regionalen Werbeplätzen. Das Interesse der Leser an Familienanzeigen ist so groß, dass eine Bewerbung der Portale in der Regel kaum notwendig ist und dennoch die Seiten sehr gut besucht sind.

    Prominente Trauerfälle verzeichnen in der Tat starke Zugriffe (auch auf dem facebook-Kanal von Trauer.de), aber monetär wird kein Businesscase daraus. Wenn Sie schreiben, dass eine der erfolgreichsten Seiten in der deutschsprachigen Wikipedia seit Jahresbeginn (also seit 3 Monaten) 1,7 Mio. Abrufe verzeichnet, dann wären mit Werbeerlöse wahrscheinlich ca 1.000,- Euro/Monat dadruch zu generieren, womit kaum ein Redakteur, Bildlizenzen und eine Plattform zu unterhalten sind.

    Das Volumen der freudigen Familienanzeigen (Hochzeit, Geburt, Glückwünsche) bei den Tageszeitungen ist relativ gering, so dass auch eine Plattform, auf der alle freudigen Anzeigen aller Verlage versammelt wären, gerade einmal 5% oder weniger der Familienereignisse abdecken könnte und damit für den Endkunden uninteressant wäre. Insofern gibt es gute Gründe, warum kein Startup sich diesen Markt vorknöpft und Verlage nicht an einer gemeinsamen Lösung arbeiten:

    1. Die eigenen Familienportale der Verlage laufen sehr erfolgreich
    2. Prominente Trauerfälle bilden keinen ausreichend interessanten Businesscase
    3. Freudige Familienereignisse (Hochzeit, Geburt, etc.) sind durch die Anzeigen der Tageszeitungen nicht ausreichend erfasst für eine nationale Suchmaschine

    1. Gerade die Tatsache, dass regionale Angebote recht gut funktionieren, würde doch nahelegen, dass man diese bundesweit vernetzt und als Gesamtportal an den Start bringt. Das aber wurde bislang nicht ernsthaft versucht bzw. ist nicht gelungen. Das sich aus einer „Dachmarke“ ergebende Potenzial ist m.E. aufgrund der bestehenden regionalen Player nicht wirklich zu beurteilen.

  3. Genau, wo doch Twitter und Co. so fantastisch „seriöse“ Nachrichtenquellen sind, siehe z.B. Donald Trump! Ich weiß nicht, woher jetztredeichklartext seine täglichen News bezieht. Doch nicht etwa aus dem hysterischen Netz mit seinen Halb- und Viertelwahrheiten? Dann doch lieber Papier in die Hand nehmen (oder das Ganze aufs Tablet packen) und Tageszeitungen lesen, in denen Journalisten noch recherchieren und vor allem analysieren. Die Karbidlampe der seriösen News hängt im sozialen Netzwerk und nicht bei den Tageszeitungen.

  4. Wer nicht über ein soziales Medium (Facebook, wie auch immer sonstnoch) oder einfach der Liste der ehem. Schüler gefunden wird, will auch nicht gefunden werden.

    Den einzigen kommerziellen Nutzen der mir einfällt ist die Adressen Verstorbener einem Immobilienmakler anzudienen. Und so groß ist die Blätterlandschaft ja nicht mehr, egal wie die sich betiteln. Es reicht bestimmt wenn sich die drei größen in Deutschland zusammenfinden um Todesanzeigen zu tauschen.

    Und wenn es wirklich so ist wie Sie sagen, dann sind alle Inhalte außer den Todesanzeigen in der Tageszeitung überflüssig. Das sind die Zeitungen sowieso heute. Kaum Inhalt, nur abgedrucke Agenturmeldungen, kein Hintergrundbericht und immer mindestens 24 Std zu alt. Eine Tageszeitung ist heute mindesten so notwendig wie eine Karbidlampe an einer Space X Rakete.

    1. viel Spaß bei den alternativen Fakten von Twitter, FB und Co.
      Und kleiner Tipp für eine Horizonterweiterung: Einfach mal wieder eine gut gemachte TZ (gibt es in jeder Region) als Print oder e-Paper lesen. Hintergrundberichte, Land & Leute, Lokales und gut geschriebene und kenntliche gemachte Kommentare – zumindest bei allen, die ich regelmäßig lese. Tageszeitungen sind vielleicht nicht supersexy – aber superinformativ, wenn sie gut gemacht sind. Und glauben Sie mir, das sind viele. FB, Twitter und Konsorten sind nichts anderes als Portale, die sich bestenfalls bei seriösen Nachrichtenquellen bedienen, schlechtestenfalls nur User-Generated-Content bringen, mit allen positiven wie negativen Folgen. Und sorry, mir sträuben sich schon die Nackenhaare, diese Teile überhaupt als Nachrichtenquellen (im besten Wortsinn) zu akzeptieren….

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