ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“: Romeo-Agent im Land der Verlockung – ein Krieg der Welten, der keinen Zuschauer kalt lassen wird

Lars Weber (Tom Schilling, Foto) ist „Romeo-Agent“ der DDR in „Der gleiche Himmel“
Lars Weber (Tom Schilling, Foto) ist "Romeo-Agent" der DDR in "Der gleiche Himmel"

Das Spionage-Drama "Der gleiche Himmel" (ZDF, 20.15 Uhr) erzählt in drei Kapiteln die Geschichte von fast ganz normalen Bürgern auf beiden Seiten der Berliner Mauer – und ihrem K(r)ampf mit den weltpolitischen Ideologien. Noch eine fiktionale Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte vom ZDF? Zweifellos. Doch verhandelt die Produktion von UFA Fiction und Beta Film vor allem etwas anderes: menschliche Werte – und Abgründe.

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Deutschland, im Sommer 1974. In der DDR-Agentenschule im ostdeutschen Belzig steht das Thema „Frauen“ auf dem Lehrplan. „Den Willen der weiblichen Zielperson zu manipulieren, erfordert nicht nur den Einsatz sexueller Intimität, sondern auch die Kontrolle der Ratio“, erklärt der Lehrer, bierernst wie ein Banker, seinen Schülern. Logik? Nein, die ist den Männern vorbehalten. „Bei Frauen dreht sich alles um die Emotionen.“ Es folgt ein Vortrag über die Funktion der weiblichen Gehirnhälften; fundamentales Know-How für das erste Knistern – hier beamtlich: „Erstkontakt“ genannt. Die Frage nach dem „Wie?“ weiß lediglich Lars Weber (Tom Schilling), fast schon stolz, zu beantworten: „Augenkontakt“.

Die erste Szene von „Der gleiche Himmel“ ist mindestens ein ungewöhnlicher „Erstkontakt“. Aber ein ebenso vielversprechender Auftakt: In drei Neunzigminütern wirft der ZDF-Film einen Blick auf die Gesellschaft inmitten des Kalten Kriegs 1974 in Berlin, auf ihre menschlichen Werte – und Abgründe.

Der Spion, der sie (nicht) liebte

Der junge Ost-Berliner Lars Weber (Tom Schilling), seines Zeichens „Romeo-Agent“ der DDR und auf Informationsbeschaffung durch Begattung trainiert, wird in den Westen Berlins geschleust. Sein Ziel: Lauren Faber (Sofia Helin) verführen, um für die Stasi den Zugang zu sensiblen Informationen des britischen Geheimdienstes zu ermöglich. Als die Mission einen unerwarteten, aber eigentlich erwartbaren, Twist nimmt, setzt ihn sein West-Berliner Führungsoffizier Ralf Müller (Ben Becker) kurzerhand auf die NSA-Mitarbeiterin Sabine Cutter (Friederike Becht) an. Eine folgenschwere Entscheidung.

Was sich wie ein kühler Krimi-Plot liest, ist viel mehr ein Psychodrama in drei Akten über die Protagonisten und Geheimnisse, Lügen und der Paranoia, mit der sie in den (sozialistischen) Siebzigern leben. Im Westen, das „Land voller Verlockung“, blüht der Kapitalismus. Im Osten wartet das „sozialistische Paradies“ – aus dem allerdings zahlreiche Republikflüchtlinge fliehen, weil sie von einem besseren Leben auf der anderen Seite der Mauer träumen. Sei es, weil sie West-Fernsehen empfangen wollen. Oder Rock ‚N‘ Roll-Musik aus den USA auflegen möchten. Oder weil sie schwul sind und es offen(er) ausleben wollen. In dem ZDF-Dreiteiler leben alle unter dem gleichen Himmel – aber doch in verschiedenen Welten.

Vom Spionage- zum Gesellschaftsdrama

Jene Welten, gesäumt von grauen Plattenbauten und Altbausiedlungen, hat Regisseur Oliver Hirschbiegel („Billions“) beklemmend inszeniert – allerdings in Prag und nicht Berlin. Die Ost- und Westwohnungen wurden im Studio nachgebaut – oftmals eine Spur zu demonstrativ aufgemöbelt, im wahrsten Sinne des Wortes. Leben und Kontrast wird den Kulissen ohnehin von ihren Protagonisten eingehaucht. So tut sich Tom Schilling als Überzeugungstäter in sozialistischer Mission sichtlich schwer, mit Westgeld zu bezahlen und plötzlich mit Lederjacke und Schlaghosen über den Ku’damm zu flanieren. Eine von vielen Details, die durch das subtile aber niemals seichte Spiel von Schilling den Kampf der weltpolitischen Ideologien zuspitzen und auch ein wenig veralbern. Leider bleibt es Schilling verwehrt, seiner Rolle mehr Tiefgang zu verleihen – vor allem, wenn die Zweifel an seinen Überzeugungen heranwachsen.

Dieser Umstand ist nicht zuletzt dem Gesellschafts-Drama in „Der gleiche Himmel“ geschuldet, das zwei weitere Handlungsstränge befeuern. Wenn die renommierte BBC-Autorin Paula Milne etwa die Geschichte einer Familie in Ost-Berlin erzählt (schaurig: Anja Kling als überehrgeizige Mutter), die unter dem Druck implodiert, ihre Tochter für den DDR-Kader der Olympischen Spiele fit zu machen – denn nicht Talent, sondern nur „ein klarer Staatsgedanke“ können zum Sieg führen.

Oder anderswo in Ost-Berlin eine Gruppe Homosexueller (grundsympathisch: Hannes Wegener weltoffener Akademiker in der verschlossenen DDR) versucht, sich ihren Weg in die Freiheit unter der Mauer hindurch zu graben. Der Liebe Willen.

Produziert wurde der ZDF-Dreiteiler von UFA Fiction (Nico Hofmann, Benjamin Benedict, Sebastian Werninger) und Beta Film (Ferdinand Dohna, Jan Mojito). Wie auch beim Historien-Stoff und ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ – der knapp sieben Millionen Zuschauer im Durchschnitt (Gesamtpublikum) vor den TV gelockt hat – wird „Der gleiche Himmel“ von einer Dokumentation im Anschluss begleitet. Dass sich Netflix die Rechte an der Produktion für das englischsprachige Ausland gesichert hat, wundert kaum: „Der gleiche Himmel“ ist zwar – mal wieder – eine fiktionale Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte. Aber eine sehr authentische, die beeindruckend wie bedrückend die Stimmung der sozialistischen Siebziger des Ost-Berlins einfängt – und den K(r)ampf mit den weltpolitischen Ideologien dort verhandelt, wo sie teilweise heute noch Thema sind: bei den menschlichen Werte. Und Abgründen.

Der erste Teil von „Der gleiche Himmel“ startet heute Abend im ZDF um 20.15 Uhr, am Mittwoch (29.3., 20.15 Uhr) und Donnerstag (30.3., 20.15 Uhr) folgen Teil 2 und 3.

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