„Medien-Kommissar“ Siebenhaar: „Ansehensverlust des ORF ist Lehrbeispiel für ARD und ZDF“

Hans-Peter Siebenhaar hat die Alpen- und Medienrepublik Österreich analysiert
Hans-Peter Siebenhaar hat die Alpen- und Medienrepublik Österreich analysiert

Die FPÖ ist mit ihrer Social-Web-Strategie zum Vorbild rechter Parteien geworden, meint Hans-Peter Siebenhaar. Im Interview mit MEEDIA erklärt der Wiener Handelsblatt-Korrespondent und Autor des neuen Buchs „Österreich – Die zerrissene Republik“, dass die Rechtspopulisten die Klaviatur des digitalen Medienzeitalters "nahezu perfekt" beherrschen und so unabhängig von klassischen Medien werden.

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Herr Siebenhaar, als Korrespondent des Handelsblatts und Präsident des Verbands der Auslandspresse in Wien beobachten Sie das Mediengeschehen in Österreich sehr genau. In ihrem neuen Buch „Österreich – Die zerrissene Republik“ analysieren Sie den Aufstieg der rechtspopulistischen FPÖ. Ist die FPÖ im Spiel mit den Medien geübter als ihr deutsches Pendant AfD?
Siebenhaar: Sehr viel! Die Rechtspopulisten in Österreich haben es mit Hilfe der sozialen Netzwerke geschafft, eine Gegenöffentlichkeit zu kreieren. Diese Gegenöffentlichkeit funktioniert parallel zu den herkömmlichen Medien – egal ob Fernsehen, Radio oder Magazine. Mit Hilfe der digitalen Kommunikationsplattformen gelingt es der FPÖ zu motivieren, zu mobilisieren, aber auch geschickt und manchmal weniger geschickt zu verzerren. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn die FPÖ mit über 30 Prozent der Stimmen nach den letzten Wahlprognosen längst zur stärksten Partei der Alpenrepublik aufgestiegen ist.

Der ORF ist in Österreich Marktführer in Fernsehen, Radio und Internet. Wie wichtig ist der Sender für die FPÖ in ihrer medialen Selbstdarstellung?
Der ORF bemüht sich um eine faire Berichterstattung, auch im Umgang mit der FPÖ. Aber für die Anhängerschaft der Rechtspopulisten spielt der öffentlich-rechtliche Rundfunk nur noch eine untergeordnete Rolle.

Warum? Das müssen Sie erklären.
Der ORF dient für die rechtspopulistische Community primär zur Unterhaltung und eben nicht zur Information. Die knappe Niederlage des rechtspopulistischen Kandidaten Norbert Hofer bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich Ende vergangenen Jahres wäre ohne die mediale Gegenwelt der Partei gar nicht vorstellbar. Die vielfach belächelten Internetkanäle wie „FPÖ-TV“ oder „Österreich zuerst“ haben eine treue Anhängerschaft, die sich darüber tatsächlich auch informiert. Die FPÖ ist so innerhalb der politischen Rechten in Europa zum besten Beispiel für den erfolgreichen Einsatz digitaler Medien aufgestiegen. Denn in ihren medialen Kommunikationstunnel bestärken sich die Anhänger in ihren politischen Absichten – und zwar unabhängig von der faktischen Situation. Es entsteht ein medialer Tunnel.

Was kann dagegen getan werden?
Es hört sich altbacken an, aber Medienpädagogik oder Medienerziehung beziehungsweise -aufklärung sind heute wichtiger denn je. Das ist nicht nur eine Aufgabe für Schulen und Universitäten, sondern auch für gesellschaftliche Gruppen und natürlich für die Medienunternehmen selbst. Nur wenn dem Mediennutzer das notwendige Handwerkzeug vermittelt und an die Hand gegeben wird, ist er auch in der Lage zu differenzieren zwischen zwischen „true“ und „fake“, zwischen wahr und falsch.

… das hört sich nach einer Sisyphos-Arbeit an…
In der Tat. Denn Facebook legt rasant schnell zu, vor allem über die mobile Nutzung. Von den insgesamt 1,9 Milliarden Facebook-Usern nutzen schließlich nach Konzernangaben rund eine Milliarde Menschen Facebook nur noch über das Smartphone. Die Rechtspopulisten wissen sehr genau diese boomende Plattform mit einer Kombination aus Information, Demagogie und Privatheit zu nutzen. Die FPÖ spielt nahezu perfekt auf der Klaviatur des digitalen Medienzeitalters.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Der Rap-Song „Steht auf, wenn ihr für HC seid“ des FPÖ-Parteichefs Heinz-Christian Strache aus dem Wahlkampf 2013 hat es bereits über 1,2 Millionen Abrufe bei Youtube gebracht. Längst hat Strache weit über eine halbe Million „Gefällt mir“ gesammelt. Zum Vergleich: der sozialdemokratische Bundeskanzler Christian Kern kommt gerade auf knapp 157 000 „Likes“. Das demonstriert das Kräfteverhältnis in Österreich zwischen Opposition und Regierung auf Facebook.

Welche Rolle kommt dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu?
Die Wiederwahl des ORF-Chefs im vergangenen Jahr hat gezeigt, wie respektlos die beiden Regierungsparteien ÖVP und SPÖ dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk als ihr Eigentum begreifen. Mit ihrem Postengeschacher haben die Parteien die Zerrissenheit in der österreichischen Gesellschaft vergrößert. Dieser Ansehensverlust kann als Lehrbeispiel für ARD und ZDF begriffen werden. Denn wenn es um Glaubwürdigkeit von Medien geht, ist eine maximale und kritische Distanz zur politischen Macht eine Grundvoraussetzung.

Hans-Peter Siebenhaar ist Korrespondent des Handelsblatt für Österreich und Südosteuropa sowie Präsident des Verbands der Auslandspresse in Wien. Sein neues Buch „Österreich – Die zerrissene Republik“ ist im Schweizer Verlag Orell Füssli, 271 Seiten, Preis 19,95 Euro, erschienen. Jeden Montag erscheint auf handelsblatt.com seine Medienkolumne „Medienkommissar“.

MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt

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