Facebook Live: Wenn Gewalt und Hass in Echtzeit ins Netz gestreamt werden

Facebook-Chef Mark Zuckerberg entwickelt das Social Network immer weiter: Wie integriert er Serien und Filme?
Facebook-Chef Mark Zuckerberg entwickelt das Social Network immer weiter: Wie integriert er Serien und Filme?

Eine 15-Jährige wurde in Chicago von mehreren Männern vergewaltigt und die Tat live auf Facebook übertragen. In der gleichen Stadt filmte eine Frau zufällig, wie ihr Mann und ihr zwei Jahre altes Kind vor laufender Kamera von einem Unbekannten erschossen wurden. Und ein geistig Behinderter wurde live auf Facebook von vier Männern gequält und brutal gefoltert. Das Netz war schon immer brutal - doch mit Facebook Live können nun Hunderte in Echtzeit zusehen. Wollen wir das wirklich?

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Schöne neue Medienwelt! 23 Jahre ist es her, dass Der Spiegel seinen Lesern das Internet erklärte und sich darüber erstaunt zeigte, „dass sich neuerdings auch die Benutzer gewöhnlicher Personalcomputer“ darin einklinken können. Heute hat jeder ein winziges Gerät in der Tasche, mit dem er live und in Farbe alles ins Netz streamen kann, was er möchte.

Für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ist das die neuste Art der Kommunikation im 21. Jahrhundert. Jeder kann mit nur einem Fingertipp einen Live-Stream starten, der in Echtzeit auf den Smartphones hunderter Nutzer erscheint. Facebook Live nennt sich diese Funktion. „Wer in Echtzeit interagiert, ist persönlicher verbunden“, so Zuckerberg in einem Facebook-Post, als er sie vor knapp einem Jahr den 1,6 Milliarden Usern des Netzwerkes freigab.

Wie groß die persönliche Nähe ausfallen kann, konnte man zuletzt vergangene Woche beobachten: Vor laufender Kamera wurde ein 15-jähriges Mädchen in Chicago von sechs Männern vergewaltigt. Bis zu 40 Leute schauten auf Facebook dabei zu, wie ein Polizei-Sprecher dem US-Nachrichtensender CNN bestätigte. Es ist nicht die erste Tat dieser Art: Erst im Januar wurde eine Frau in der schwedischen Stadt Uppsala von drei Männern sexuell überfallen. Auch das war live auf Facebook zu sehen: Rund 200 Zuschauer hatte das Video. Nur der Polizei ist es zu verdanken, dass das Video nach mehreren Stunden gestoppt wurde.

Dass derart Grausames ungefiltert seinen Weg ins Netz finden kann, wirft Fragen auf. Vor allem Facebook muss sich Kritik an seiner Live-Funktion gefallen lassen. Das Perfide an den Videos ist schließlich, dass sie sich kaum kontrollieren lassen. Normale Videos können gesperrt werden, bevor sie große Zuschauermassen erreichen. Live-Videos aber sind kaum zensierbar. Einmal gestartet sieht jeder Zuschauer in Echtzeit, was vor der Linse des Urhebers passiert.

Facebook hat bereits eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet, um Live-Videos zu kontrollieren. In speziellen Büros in Dublin, Hyderabad, Austin und in der Zentrale im Menlo Park in Kalofornien arbeiten mehrere tausend Menschen daran, die Inhalte des Netzwerkes zu kontrollieren. In Berlin arbeitet der Konzern mit der Bertelsmann-Tochter Arvato zusammen, die bis Ende 2017 über 700 Mitarbeiter mit der Prüfung von Inhalten beschäftigt. Auch Live-Videos fallen in die Kontrollen. Dabei nimmt Facebook insbesondere seine Nutzer in die Verantwortung: Sobald ein Live-Video gemeldet wird, schaut ein Mitarbeiter, ob es gegen die Richtlinien verstößt. Er kann den Stream gegebenenfalls auch unterbrechen. Wie lange das dauert, konnte Facebook nicht sagen. Dazu kommt ein weiteres Problem: Im Fall der Vergewaltigung in Chicago hat keiner der 40 Nutzer den Stream gemeldet. Erst die Polizei hat Facebook aufgefordert, das Video zu löschen.

Daher hat sich Facebook einen weiteren Mechanismus ausgedacht: Sobald ein Live-Video eine hohe Anzahl an Views erreicht, wird es ebenfalls kontrolliert. Welches Maß Facebook hierbei ansetzt, ist aber unklar – zumal die Live-Videos der Vergewaltigungen allenfalls ein paar hundert Zuschauer erreichten, was nicht zu einer Prüfung führen dürfte.

Keine Verantwortung der Netzwerke

Facebooks Maßnahmen in Bezug auf Live-Videos gehen also ins Leere. Das soziale Netzwerk hat nach derzeitiger Rechtslage auch gar keine Verantwortung, Live-Streams zu unterbinden. Geregelt ist dies im Telemediengesetz, wie Christian Rückert, Strafrechtler an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg gegenüber MEEDIA erklärt. Es besagt, dass „Dienstanbieter grundsätzlich nicht für fremde Informationen verantwortlich sind, wenn sich der Dienst darauf beschränkt, die Informationen lediglich weiterzuleiten (z.B. bei einem Live-Stream), zwischenzuspeichern (im Cache) oder zu speichern (z.B. ein dauerhafter Eintrag auf Facebook)“. Erst wenn Facebook etwa durch die Meldefunktion von einer Rechtswidrigkeit erfährt, müsse das Netzwerk gespeicherte Inhalte löschen. Allgemeine Überwachungspflichten haben die Betreiber übrigens ebenfalls nicht. Eine vollständige Überwachung des gesamten Datenverkehrs sei technisch auch kaum umsetzbar, da durch den Aufwand die Geschäftstätigkeit der Netzwerke unverhältnismäßig eingeschränkt werden würde, so Rückert.

Auch der aktuelle Gesetzentwurf von Justizminister Heiko Maas (SPD) ändert kaum etwas an der Rechtslage. Dieser sieht vor, die Löschpflichten von gespeicherten Inhalten zu verschärfen, also strafbare Inhalte schneller und transparenter zu entfernen – Live-Streams an sich zählen aber nicht dazu. Erst wenn die Videos im Nachhinein abgespeichert werden, könnte Facebook dem Entwurf zufolge mit einem Bußgeld belangt werden – aber auch nur, wenn der Konzern von den rechtswidrigen Inhalten Kenntnis erlangt.

Kein Interesse

Doch warum beharrt Facebook auf einer Funktion, die die Gewalt im Netzwerk anzukurbeln scheint? Ist das wirklich erstrebenswert: ein Netzwerk voller Hass, in der solch abscheuliche Live-Übertragungen zum Alltag gehören? Wer Nutzern die Möglichkeit an die Hand gibt, selbst live zu senden, muss doch eigentlich damit rechnen, dass schon bald Quälereien und Kriminalität einziehen.

Die Antwort: Facebook profitiert von dem Traffic. „Der überwiegende Teil der Live-Videos ist nicht kriminell“, sagt IT-Spezialist Felix Freilig gegenüber MEEDIA. „Die Live-Funktion bringt für Facebook sehr viele Klicks“. Auch die Verweildauer im Sozialen Netzwerk sei dadurch größer. Darauf zu verzichten, würde Facebook letztlich viel Geld kosten. Dass die Live-Funktion bereits mehrfach zu kriminellen Handlungen missbraucht wurde, gehe im allgemeinen Rauschen unter.

Facebook hat schon aus wirtschaftlicher Sicht also kein Interesse daran, die Live-Videos zu entfernen. Auch eine Einschränkung der Funktion allein für größere Seiten lohnt sich nicht.

Mark Zuckerberg träumt derweil schon mal von live übertragener virtueller Realität. Wichtig wäre es, erst zu klären, welche Verantwortung der Konzern hierbei hat. Was heute bleibt ist die nüchterne Erkenntnis, dass sich so schnell nichts verändern wird. Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich Terroristen die Funktion zu Nutze machen und ihre Gräueltaten live in die Welt streamen – und blutige Taten den digitalen Alltag bestimmen.

Dann sollten wir uns fragen: Ist das die schöne neue Medienwelt, die wir uns vorgestellt haben?

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Alle Kommentare

  1. „Normale Videos können gesperrt werden, bevor sie große Zuschauermassen erreichen. Live-Videos aber sind kaum zensierbar.“

    In allen geschilderten Beispielen im Text haben die Live-Videos nur wenige Zuschauer gehabt. Wie der Artikel ja selbst beschreibt, greifen bei größeren Zuschauerzahlen weitere Filtermechanismen. Den Unterschied zwischen Live und normalen Videos kann ich daher nicht ganz verstehen. Auch normal hochgeladene Videos stehen erstmal im Netz, bis jemand eingreift?

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