Fischer, Frauen und die taz: Thomas Fischer zur Geschichte eines gescheiterten Interviews

BGH-Richter und Zeit-Kolumnist Thomas Fischer: Wie es kam, dass die taz kein Interview mit ihm druckte

Publishing Die taz veröffentlichte in ihrer vergangenen Wochenendausgabe einen offenen Brief an den BGH-Richter und Zeit-Online-Kolumnisten Thomas Fischer. Darin erzählt die taz-Autorin Simone Schmollack, wie sie ein Interview mit Fischer über sein Frauenbild führte, das anschließend aber nicht veröffentlicht wurde. Angeblich, weil Fischer die Autorisierung verweigerte. Für MEEDIA hat Thomas Fischer seine Sicht auf den Vorgang aufgeschrieben.

von presse

Ein Gast-Beitrag von Thomas Fischer

Haben Sie, MEEDIA-LeserInnen, die „taz am Wochenende“ (am 18. März 2017) gelesen? Gekauft? Oder wenigstens, dem Twitter-Ratschlag der Journalistin Simone Schmollack folgend, bei Ihren Nachbarn ausgeliehen? Auf Seite 26 finden Sie (oder darf ich ausnahmsweise sagen „findet Ihr“?) den aufrüttelnden Bericht dieser Journalistin über ihren gescheiterten Versuch, den Kolumnisten als das zu entlarven, was ihr, wie sie berichtet, „im Liegen“ vorschwebte.

Heraus kamen knallharte Erkenntnisse: Bei der Gestaltung des höchstpersönlichen Arbeitsplatzes des Kolumnisten drehe sich alles um denselben. Ja Wahnsinn! Die kritische Metaphorik zeigt der geneigten taz-Leserin, dass es Frau Schmollack wirklich ums Ganze geht. Andere ihrer Erkenntnisse sind weniger rührend; selbst die Chance auf eine halbwegs strafbare Verleumdung hat sie sich nicht entgehen lassen.

Ihrem Text ist jedenfalls zu entnehmen, sie sei davon betört gewesen, dass man ihr mit normaler Freundlichkeit begegnete und auch auf schlichteste Fragen vernünftige Antworten zu geben versuchte. Auch ein „Bürohaus mit bodentiefen Fenstern“ beeindruckte die Reporterin. Ihre Erwähnung des Bürohaus-Architekten Egon Eiermann trägt freilich ein eher kuckuckshaftes Gefieder: Wer das war, musste der Verzehrerin eines halben Glases „Bitte-nur-Leitungswasser“ bei der Inspektion grundlegend erklärt werden, einschließlich so unbekannter Begriffe wie „Gedächtniskirche“ und „Bauhaus“. Aber auch die Feministin auf der Pirsch lernt ja gern dazu, und wenn sie schlau ist, baut sie die Erkenntnisse des Wegesrands auch gleich ein. Wer weiß, wozu es gut ist! 

Ein bisschen grenzwertig natürlich die halbgar-verschwiemelte Verleumdung, das Opfer der Recherche habe sich Vermögenswerte „ein bisschen ergaunert“; dies sei aber „eine andere Geschichte“. Darüber wird, „mit herzlichen Grüßen“, zu sprechen sein.

Am Anfang

Zurück zum Anfang. Alles begann damit, dass die Journalistin mitteilte, man habe sie beauftragt, ein „Portrait“ des Kolumnisten zu verfassen. Hierzu sei ein ausführliches Gespräch erforderlich, möglichst am Wohnsitz des zu Portraitierenden. Als Thema wünschte sie sich „Das Frauenbild von Fischer“: einen Bereich, der von der Forschung noch unberührt ist und dem kritischen Journalismus die maximale Enthüllung versprach.

So reiste man „geschmeidig“ an, wurde begrüßt, wie es sich gehört, und erlangte drei Stunden freundliche Aufmerksamkeit. Der Ablauf der Fragen, welche die Rechercheurin sich im Liegen ausgedacht hatte, deutete in seinem ritualisierten Beharren auf der Wiederholung des immer gleichen Vorurteils schon früh darauf hin, dass die in den Fragepausen gegebenen Antworten das Bewusstsein der Forscherin nicht erreichten. Kuchen-Angebote wie Grüntee jeder Art verfehlten ihre korrumpierende Wirkung; ein halbes Gläschen Leitungswasser pro 360 Minuten musste der verkrampften Kämpferin reichen.

Am Abgrund

Kaum war das Gespräch geführt, sollte  es – jetzt aber mal eine ganz neue Format-Idee – als Interview veröffentlicht werden. Allerdings brachte die Verschrifterin eine autorisierbare Fassung nicht zustande, so lange sie auch rätselte, imaginierte und kürzte. Frau Schmollack findet es seither „leider üblich hierzulande“, dass das Opfer eines Interviews frecherweise das Recht hat, der Veröffentlichung tendenziös zusammengeschreibselter  Auszüge die Autorisierung zu verweigern. Ich finde diesen Umstand eher beruhigend.

Das Versemmeln eines Interviews ist ja nun nicht weiter schlimm und passiert jedem und jeder Journalistin einmal. Deshalb ist der Umstand, dass dieser Erfahrung im gendermäßig beispielhaften Zentralorgan der Pressefreiheit eine ganze Seite in der schlichten Gestalt eines „offenen Briefs“ gewidmet wurde    bis hin zur peinlichen Zitierung von E-Mail-Anreden und der Offenbarung einer Journalistin, was sie ihrem unwilligen Opfer „wirklich übel nimmt“ –, ein deprimierendes Dokument zum Stand journalistischer Selbstgewissheit. Glauben Sie mir: Wahrlich nicht aus Überhebung. Sondern als Verzweiflung über die bedenkenlose Selbstgerechtigkeit von Menschen, die sich Wahrheitssucher nennen und doch gar nichts wissen wollen.

Sagen wir es vereinfacht: Die Interviewerin reiste mit einem Haufen alberner Vorurteile im Gepäck an, kriegte nicht die Antworten, die ihr zur Bestätigung ihrer Stereotype geeignet erscheinen, und trat deshalb beleidigt und ziemlich unterirdisch nach. So weit, so gut. Journalisten sind so neutral, intelligent und souverän wie Fußballfreunde, Musikkritiker, Paläontologen, Orthopäden oder Richter.

Wenn Sie das nicht glauben, schauen Sie bitte einmal (wieder) den Film „Extrablatt“ an (USA 1974; Regie Billy Wilder; Darsteller Lemmon, Matthau, Sarandon, Gardenia u.a.). Tun Sie sich den Gefallen, dabei einmal – nur probeweise! – anzunehmen, dies sei entgegen landläufiger Meinung gar keine „unverwüstliche Komödie“ aus dem Slapstick-Stadel, sondern der dunkle Ruf aus einer Zeit, da sich ernsthafte Menschen noch Sorgen über die Verzweiflung an der Wahrheit  machten. 

Am Computer

Die Journalistin Schmollack verschriftete eine Mischung aus (angeblichen) Fragen und (angeblichen) Antworten, die weder der Erinnerung noch der Intention des von ihr Vernommenen entsprach. Der bot ihr daher an, ein ganz normales schriftliches Interview zu führen. Das war der Dame aber auch nicht recht. Daher drohte sie, die furchtbare Weigerung des Kolumnisten nun aber mal „juristisch prüfen zu lassen“ und gegebenenfalls nun erst recht ein super-entlarvendes Portrait zu schreiben. Das scheint allerdings auch wieder nicht geklappt zu haben. Übrig blieb das „Liebes Tagebuch!“- Textlein vom 18.März.

Am Ohr der Zeit

Daher nun also, exklusiv für „Er packt noch eins drauf“-Leserinnen, die leicht gekürzte Version des sensationellen taz-Gesprächs der Journalistin Simone Schmollack mit dem Kolumnisten, live aus dessen 24 Quadratmeter großen Büro mit zentralem Computer, bequemem Besuchersessel und bodentiefen Fenstern. Aus den zur Verfügung stehenden vier (!) Varianten des Interview-Textes habe ich diejenige ausgewählt, die von der Redakteurin mit folgenden Worten übermittelt wurde: „Lieber Herr Fischer! Ich finde den Text stark, er liest sich locker und flüssig weg, Sie kommen mit Ihrer Sprachkraft und Ihren Ansichten gut durch“:

Schmollack: Herr Fischer, lassen Sie uns über Ihr Verhältnis zu Frauen sprechen.

Fischer: Ein erstaunliches Thema.

Schmollack: Finden Sie?

TF: Ich schreibe mir da keine übermäßigen Kompetenzen zu. Das ist in etwa so, als würden Sie mich bitten, über mein Verhältnis zu Indianern zu reden.

Schmollack: Sie schreiben ständig über Frauen.

TF: Ich schreibe ständig über Frauen und Männer. Manche Menschen meinen rätselhafterweise, ich hätte ein problematisches Verhältnis zu Frauen.

Schmollack: Viele Leserinnen und Leser Ihrer Kolumne „Fischer im Recht“ auf Zeit Online empfinden Sie als frauenfeindlich.

TF: Manche finden das, ja. Aber es trifft nicht zu.

Schmollack: Dann lese ich Ihnen mal vor, was Sie so geschrieben haben: Das Model Gina-Lisa Lohfink verdiene ihr Geld mit dem „Vorzeigen von dicken Silikonbrüsten“. Einer Journalistin, die auf Brigitte.de über den Lohfink-Prozess geschrieben hat, sprechen Sie „simpelste Einsichten des Verstandes“ ab, und dass das „irgendwie aus den Hormonen“ kommen müsse.  Das empfinden Sie nicht als frauenfeindlich?

TF: Ich verwende in meinem Kolumnen gelegentlich Begriffe, Formulierungen und Assoziationen, die auf den ersten Blick irritieren und über die man nachdenken muss.  Manchmal sind  Stilsprünge dabei, von denen ich annehme, dass die Leute darüber stolpern. Ihre beiden Beispiele sind geradezu klassische Vorbilder dafür. Das ist unfreundlich, hat aber mit dem Geschlecht der betreffenden Person nicht das Geringste zu tun.

Schmollack: Ihnen geht es um Provokation um jeden Preis?

TF: Natürlich nicht. Ich bin allenfalls etwas ironisch.

Schmollack: In der Regel auf Kosten von Frauen.

TF: Ach was. Würde ich über die Chippendales schreiben …

Schmollack: … die Tanzrevue, bei der sich Männer vor meist weiblichen Publikum ausziehen … 

TF: … würde ich schreiben, dass sie ihr Geld damit verdienen, dass sie sich fast nackt auf Tische stellen und von besoffenen Frauen Geldscheine in die Unterhose stecken lassen. Das ist nicht „männerverachtend“, sondern die Wahrheit.

Schmollack: Es ist ein Unterschied, ob man sachlich formuliert, dass sich jemand „Geld in die Unterhose stecken lässt“ oder ob man sexualisierend von „dicken Silikonbrüsten“ spricht.

TF: Weder das eine noch das andere ist das, was ich persönlich als gelungenen Lebensentwurf bezeichnen würde. Frau Lohfink hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie davon lebt, ihre künstlich aufgeblasenen Brüste und Lippen und sich selbst als Schauobjekt zur Verfügung zu stellen.

Schmollack: Jede Frau kann mit ihren Brüsten machen, was sie will.

TF: Ebenso wie jeder Mann mit dem Inhalt seiner Unterhose. Ich habe doch gar nichts gegen Silikonbrüste. Ich habe auch nichts gegen Frau Lohfink. Wenn Menschen mit dem Vorzeigen von überdimensionierten Geschlechtsmerkmalen und vorgetäuschten Signalen sexueller Verfügbarkeit Geld verdienen, liegt der Skandal nicht bei ihnen, sondern bei der Gesellschaft, die dies honoriert. 

Schmollack: Warum schreiben Sie dann so verächtlich über sie?

TF: Ich schreibe über Frau Lohfink in keiner Weise „verächtlich“. Das einzige, was mich an ihr stört, ist, dass sie sich im Verfahren um ihre angebliche Vergewaltigung als Vorzeige-Opfer hat inszenieren lassen.

Schmollack: Mit Männern gehen Sie feinfühliger um.

TF: Finde ich nicht.

Schmollack: Den Strafverteidiger und Schriftteller Ferdinand von Schirach bezeichnen sie lediglich als „Tausendsassa aus Berlin“.

TF: Herr vor Schirach tanzt nicht auf Tischen, sondern schreibt Theaterstücke. Daher habe ich auch nur das zu behandeln. Männer behandle ich in der Kritik nicht anders als Frauen.

Schmollack: Wie würden Sie reagieren, würde man Sie wegen Ihres Äußeren herabwürdigen?

TF: Ich werde ständig wegen meines Äußeren kommentiert, angegriffen, beurteilt. Manche Menschen meinen, ich sei zu dick. Seit Jahren gibt es kaum einen Presseartikel über mich, in dem nicht über mein Äußeres berichtet wird, als gebe dies Aufschluss über meine Ansichten. Ich bin zwar schon auf die Idee gekommen, dies sei „Fischer-feindlich“, aber noch nicht darauf, es sei „männerfeindlich“.

Schmollack: Verletzt Sie das nicht?

TF: Das ist mir egal. Über meine Körperlichkeit verhandle ich nicht mit Idioten. Ob mich irgendwelche Männchen im Fitness-Rausch oder faltige Frührentner als „massig“ oder als „Buddha“ veralbern, ist nicht mein Problem.

Schmollack: Die Autorin Carolin Emcke haben Sie wegen Ihres Lesbisch-Seins angegriffen und ihr eine „penetrante Opfersolidarität“ vorgeworfen. Sind Sie homophob?

TF: Ich habe noch nie im Leben jemanden „wegen ihres Lesbisch-Seins“ angegriffen. Mich hat es gestört, dass sich Frau Emcke in ihrer Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hinstellte und sagte: Ich hatte und habe ein schweres Leben, weil ich lesbisch bin. Wenn ihr bei diesem ehrenvollen Anlass nichts Besseres einfällt, als über sich zu reden und nicht über Menschen, denen es unvergleichlich viel schlechter geht als ihr, dann finde ich das peinlich.

Schmollack: Carolin Emcke hat an ihrem eigenem Leben verdeutlicht, dass Homosexuelle in Deutschland noch immer nicht vollständig gleichgestellt sind. Was ist daran falsch?

TF: Ich mag dieses Tremolo nicht, diese Rührung über sich selbst. Carolin Emcke gehört einer Gruppe akademisch gebildeter lesbischer Frauen in hohen Positionen an, die relativ wenig diskriminiert ist.

Schmollack: Die WDR-Moderatorin Bettina Böttinger musste wegen ihrer sexuellen Identität ganz schön einstecken. Sie spricht sogar von homophobem Bashing im Kollegenkreis ihr gegenüber.

TF: Da haben Sie Recht. Diesen Fall haben ich übersehen. 

Schmollack: Liest Ihre Frau Ihre Kolumnen?

TF: Je nachdem, ob sie Zeit und Lust hat.

Schmollack: Und was sagt sie dazu?

TF: Sie findet sie gut. Das tun im Übrigen auch viele Feministinnen, mit denen ich gut befreundet bin.

Schmollack: Feministinnen sind mit Ihnen befreundet?

TF: Ich bin mit vielen Menschen befreundet, darunter Feministinnen, Lesbierinnen, Schwule, Veganer, Bielefelder. Sie finden in der Regel, dass ich ein ziemlich netter Mensch bin.

Schmollack: Die Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski hat sich öffentlich gegen Ihre sexistischen Äußerungen gewehrt. Darauf haben Sie wiederum reagiert. Macht so was Spaß?

TF: Frau Stokowski hat sich nach meiner Ansicht nicht „gewehrt“, sondern in einer rechtspolitischen Frage eine andere Meinung vertreten als ich. Ich habe ihr Buch „Untenrum frei“ gelesen und finde, dass es viele richtige Beobachtungen enthält (…). Ich bin eingeladen worden, mit Stokowski öffentlich zu diskutieren. Das habe ich abgelehnt.

Schmollack: Warum? Sie hätten sich einen schönen Schlagabtausch auf Augenhöhe liefern können.

TF: Was soll das bringen? Ich bin nicht an „schönen Schlagabtauschen“ interessiert. Frau Stokowski schreibt über sich. Diese hochpersonalisierte Form finde ich jugendtypisch und  problematisch. Wenn jemand sagt: Mein Leben ist ein Beleg für den Zustand der Gesellschaft, empfinde ich das als ein wenig überzogen.

Schmollack: Wie finden Sie es, wenn über Männer als „testosterongesteuert“ geschrieben wird?

TF: Personalisiert zutreffende Kritik finde ich gelegentlich gut. Manchmal werden allerdings Personen öffentlich demontiert, die das in der Sache nicht verdient haben (…). Rainer Brüderle zum Beispiel …

Schmollack: … der frühere FDP-Vizefraktionschef im Bundestag, der 2013 wegen sexistischer Sprüche gegenüber einer jungen Journalistin kritisiert wurde.

TF: Ich habe an Herrn Brüderle nicht erkennen können, dass er ein Frauenverächter sei. Für  seinen Spruch „Sie können ein Dirndl auch gut ausfüllen“ wurde er meines Erachtens in übertriebener Weise öffentlich geschlachtet.

Schmollack: Altherrenwitze sind nicht sexistisch?

TF: Das ist doch damit nicht gemeint. Die Welt ist voll von Altherren- und Altfrauenwitzen. Wenig ist mir so zuwider wie Altherren-Humor, und das schon seit 40 Jahren. Vermutlich hätte ich mich über Herrn Brüderles Spruch echauffiert, als ich 25 Jahre alt war. Aber jetzt bin ich 63 und denke: Es wird so viel dummes Zeug geschwätzt. Soll er doch einen dummen Spruch machen.“

Am Ende

Das war’s. Es folgten sodann eine nochmals gekürzte Version des Interviewten und sein Angebot, die Sache auf professionelle Weise abzuwickeln. Die menschenfreundliche Kämpferin für das „Recht jeder Frau, mit ihren Brüsten zu machen, was sie will“, kündigte  eine „juristische Prüfung“ an. Dann schrieb sie den schnuckeligen Brief an einen gewissen „Lieber Thomas Fischer“.

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