Anzeige

Podcast „Sexvergnügen“: peinlich, eklig, affektiert – und ziemlich gutes Entertainment

Let´s talk about Sex: Sexvergnügen von Ines Anioli und Leila Lowfire (re.) gehört zu den erfolgreichsten Podcasts in Deutschland
Let´s talk about Sex: Sexvergnügen von Ines Anioli und Leila Lowfire (re.) gehört zu den erfolgreichsten Podcasts in Deutschland

Was Sie vielleicht noch nie über Sex wissen wollten und deshalb bisher auch nicht zu fragen wagten: In dieser Sendung erfahren Sie es mit Sicherheit. „Sexvergnügen“ von Ines Anioli und Leila Lowfire ist eine Zumutung für den guten Geschmack, eine Adam-Sandler-Komödie für die Ohren – und steht trotzdem völlig zurecht ganz vorne in den Podcast-Charts.

Anzeige
Anzeige

Von Hendrik Steinkuhl

Elegant ist dieser Einstieg nicht, doch selten wurde die alte Hollywood- und Journalistenregel „Mit einem Erdbeben beginnen, und dann langsam steigern“ so konsequent umgesetzt: „Hallo und herzlich willkommen zur ersten Folge von unserem unfassbar tollen Podcast. Wir sind zwei heiße Muschis, die kein Blatt vor den Mund nehmen, und wir reden übers Ficken.“

Was viele nicht einmal unter der Bettdecke sagen könnten, ohne sich danach den Mund mit Domestos ausspülen zu müssen, geht Ines Anioli im Podcast „Sexvergnügen“ locker über die Lippen. Über die „zwei heißen Muschis“ lacht sie sich selbst kaputt; manchmal merkt man ja erst, was man sagt, wenn man sich selbst reden hört.

Wenige Tage nach der Premiere im Juni 2016 belegte „Sexvergnügen“ Platz eins in den Podcast-Charts von iTunes, momentan liegt die Sendung in der täglich ausgewerteten Liste meist auf Platz drei. Noch nie wurde hierzulande vor einer relevanten Öffentlichkeit so schamlos über Geschlechtsverkehr geredet, vor allem nicht über den eigenen. „Manchmal mag ich’s halt so richtig hassmäßig, so mit in den Mund spucken und so“, verkündet Leila Lowfire im zweiminütigen „Vorspiel“ zur ersten Sendung.

Die Frau mit dem Pornodarstellerinnen-Namen ist Nacktmodel, einige kennen sie durch die Aktion #nippelstatthetze. Der Fotograf Olli Waldhauer zeigte Lowfire oben ohne, vor ihr ein männliches Model mit einem Pappschild und der Aufschrift „Kauft nicht bei Kanaken!“, neben Lowfires Kopf prangte der Schriftzug „Eine dieser Personen verstößt gegen die Regeln von Facebook.“ Und Facebook reagierte pawlowisch wie immer und löschte das Bild 21 Minuten nach der Veröffentlichung wegen „Inhalten zu Nacktheit“.

Auch MEEDIA berichtete über die #Nippelstatthetze-Aktion

Nachdem sie ihre imposanten Brüste für die gute Sache in die Kamera gehalten hat, rollt Leila Lowfire nun ihr nicht weniger imposantes Sexleben vor dem Mikrofon aus. Die 24-Jährige hat auf ihrer éducation génitale nichts ausgelassen und teilt ihre Erlebnisse großzügig mit den Hörern. Einmal etwa habe sie auf einer frivolen Party einen Mann am Rande der Tanzfläche oral beglückt. Der Herr habe sich revanchieren wollen, sie weggetragen und zur weiteren Bearbeitung auf ein Sofa geworfen, das aber leider voller Ejakulat war. Ein anderes Mal schleppte das Nacktmodel mit einer Freundin zwei Männer ab, Lowfires Beschäler in spe weigerte sich allerdings, den Akt im selben Raum wie das andere Paar zu vollziehen. Über so viel Bürgerlichkeit war nun Leila Lowfires sturzbetrunkene Freundin derart erbost, dass sie irgendwann Freundin und Spießer bei deren gemeinsamem Wannenbad überraschte, sich auf den Wannenrand stellte und auf den Prüderisten urinierte. Für die Moderatorin ein Heidenspaß, sie habe den völlig Konsternierten aber natürlich ausgiebig abgeduscht – denn trotz aller sexuellen Wahllosigkeit, ohne Hygiene läuft bei ihr nichts. „Wenn du nicht weißt, was der Typ den Tag über gemacht hat und es 36 Grad ist, habe ich auf keinen Fall Bock dem einen zu blasen.“

Bei so viel Fachfrauenschaft bleibt Ines Anioli oft nur die Rolle der Nachfragenden. Obwohl einige Jahre älter erscheint sie bei Themen wie „Sex in der Öffentlichkeit: Macht das Spaß?“ oder dem alten Menschheitsrätsel „Wie bringt man Frauen zum Squirten?“ wie die minderjährige Schülerin, die ihrer großen Schwester die Geschichten aus dem Studium ablauscht, die Mama und Papa beim Abendessen nicht zu hören bekommen haben.

Dabei hat die frühere Radiojournalistin Anioli, heute im Hauptberuf Youtuberin, offenbar selbst eine Drehtür im Schlafzimmer und deshalb auch einiges zu erzählen. Zwei ausgewählte Zitate: „Und dann schiebt dieser Italiener seine Spaghetti in mich rein, für so zehn, zwanzig Sekunden, und kommt.“ – „Ich hatte mal einen One Night Stand, Leckofanni, der ging aber ab. Bei einem davon hatte ich ja Analsex, das war echt heiß.“ Weil bei eben diesem ihr Beglücker recht wahllos Hinter- und Vordertür benutzt habe, musste sich Anioli anschließend eine Woche lang mit einem Scheidenpilz herumschlagen. Doch das, so die bekennend anal gebleichte Moderatorin, sei ihr der Spaß wert gewesen.

Anzeige

Zwischenfazit: Bis zum Beweis des Gegenteils kann „Sexvergnügen“ medienübergreifend als die geschmackloseste deutsche Sendung aller Zeiten gelten, knapp gefolgt vom früheren Sport-1-Format „René Schwuchow Show“ (in der es sich Pornodarstellerinnen, untenrum verpixelt, mechanisch besorgen ließen) und den späten Jahren von „Wetten, dass …?“

Was Ines Anioli und Leila Lowfire in ihrer Sendung herstellen, ist eine nicht selten prahlerische Genitalprosa, und das von zwei Berlinerinnen, zu deren größten Lebensproblemen die Erektionstörung des besoffenen Mannes gehört. Der Mann ist überhaupt in dieser Sendung nur ganz selten Mensch; in der Regel ist er Sexgott oder, deutlich häufiger, Sextrottel.

Und wenn das schon alles wäre. Leila Lowfire hat die versauteste Stimme seit Susi von „Herzblatt“, Ines Anioli wiederum klingt wie Anke Engelke in „Rickys Popsofa“. Und selbst für Hauptstadt- und Medientussis ist beider Reservoir an lächerlichen Anglizismen unglaublich. Wenn ein Mann leidenschaftlich agiert, dann ist er „total deep into it“, oft eine Folge davon, dass er „random“ ausgesucht wurde; nach beendeten Beziehungen braucht es dringend einen „Get-Over-Boy“, und natürlich ist alles Schöne nur noch „nice“ und alles Komische „weird“. Deppen-Englisch for Runaways.

Gleichzeitig hakt es mit der Muttersprache, vor allem bei nicht-englischen Fremdwörtern. Aus „Initialen“ werden „Initialien“, aus einer „Trilogie“ eine „Triologie“, und dass Ines Anioli auf einem katholischen Mädchengymnasium gewesen sein soll, lässt sich nur damit erklären, dass diese Schule im Bildungsverliererland Nordrhein-Westfalen liegt.

Es gibt also tausend gute Gründe, „Sexvergnügen“ furchtbar zu finden. Doch dummerweise ist die Sendung auch sehr unterhaltsam. Sex ist und bleibt ein Thema, das jeden bewegt, auch wenn das mehr als jeder zweite leugnet. Die Art, in der Ines Anioli und Leila Lowfire über Sex reden, mag geschmacklos sein, doch gleichzeitig ist sie gnadenlos ehrlich. Wenn Anioli erzählt, wie sie vor vielen Jahren auf Mallorca in einer Seitenstraße Sex mit einem Mann hatte, weil sie unbedingt dessen Mickie-Krause-T-Shirt haben wollte, ist das in seiner schieren Selbstentwürdigung großartig. „Sexvergnügen“ ist ein Audioporno, allerdings nicht, weil das Sexgerede den Zuhörer in Wallung bringen soll, sondern wegen der totalen biografischen Entblößung der Moderatorinnen. Da gibt es offenbar Geschichten, die einfach raus müssen. Und hat man sich einmal an die Sprache von Anioli und Lowfire gewöhnt, kann man sich auf diesen Ficki-Ficki-Irrsinn einlassen und seinen Spaß damit haben.

„Sexvergnügen“ ist nicht zuletzt deshalb relevant, weil Tinder relevant und in dieser Sendung Dauerthema ist. Und wenn Leila Lowfire erzählt, sie habe bereits auf einigen Männer-Profilen das Marilyn-Monroe-Zitat „If you can’t handle me at my worst, then you sure as hell don’t deserve me at my best“ gelesen, dann möchte man niederknien vor Ines Anioli, die stinksauer wird, weil sie es als lächerliche Anmaßung empfindet, dass jemand so ein pathetisches Gesülze auf einer Dating-Plattform verbreitet.

Kein Dr.-Sommer-Gesäusel also, keine Verbrämung des ausgelebten Paarungstriebes zu einem Liebe machen und keine falsche Zurückhaltung beim Lästern über talentfreie Liebhaber. Das ist hart, aber das ist eben auch aufrichtig.

„Sexvergnügen“ ist die richtige Sendung für die Generation Youporn, sie gehört in diese Zeit und spiegelt sie, wenn auch manchmal verzerrt. Aber eben: nie langweilig.
Und das ist doch schon mal was.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige