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Vom Autoplay-Inferno bis zum X-Suchspiel: die sieben Todsünden des Online-Publishing

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Chefs von Online-Medien beteuern immer gerne und wortreich, dass ihnen das Wohl der Leser über alles geht und man ausschließlich auf Qualität setzt. Die Realität vieler News-Webites sieht leider immer noch anders aus. Leser werden bevormundet, gegängelt und genervt. Eine große Schuld trägt die Werbung, aber auch vor redaktionellen Taschenspielertricks wird nicht zurückgeschreckt. MEEDIA blickt auf die sieben Todsünden des Online-Publishing, die das Surfen zur Hölle machen.

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1. Autoplay-Inferno

Die vielleicht größte Pest im an Pestilenzen nicht eben armen Reich des Online-Publishing ist Autoplay. Der Nutzer öffnet eine Seite und ein Video lärmt ungefragt los. Meistens handelt es sich dabei um aufdringliche Werbung, manchmal aber sogar um redaktionelle Beiträge. Autoplay ist ein Trick, um die View-Zahlen der Videos mit der Brechstange in die Höhe zu drücken. Da sie automatisch starten, wird jeder Seitenbesucher in der Statistik automatisch zum Videogucker. Egal ob er sich für das Video interessiert oder nur genervt nach dem Knopf zum Ausstellen sucht. Am Ende präsentieren sich dann Vermarktungsprofis gegenseitig Tabellen mit gestiegenen View-Zahlen. Mission accomplished.

2. Homepage aktualisiert – musst machen klicki klicki!

Eine Masche, die sich verbreitet hat wie Schnupfen im November. Jeder kennt diese Banner, die einen dazu auffordern zur aktualisierten Startseite eines Angebots zu wechseln, weil es da ganz viele neue Artikel gibt. Bei sehr, sehr vielen Online-Nachrichtenangeboten wird dieses Instrument der „Leserführung“ genutzt. Verweilt man eine bestimmte Zeit auf einer Seite, erscheint der Hinweis „Homepage wurde aktualisiert“. Kaum ein namhaftes Medium will auf diese als „Service“ nur notdürftig ummäntelte Leser-Gängelung verzichten. Übermedien gegenüber gaben Online-Verantwortliche an, dass es nur sehr wenige Beschwerden wegen dieser Unverschämtheit gibt. Offenbar leiden die meisten Leser lieber leise oder haben sich mittlerweile ein dickes Fell zugelegt. Auf den Homepages werden immer noch die höchsten Preise für Online-Werbung aufgerufen. Für mehr Klicks auf die Homepage nehmen es die Medien in Kauf, ihre Nutzer zu nerven. Leser-Bindung? Markenführung? Sch…egal!

3. Like-Terror

Eine Unart ist es, mitten in Artikeln für Facebook-Likes zu betteln, bzw. dazu aufzufordern man soll bitteschön jetzt gleich Fan der Seite auf Facebook werden. Die Möglichkeit, „Fan“ zu werden, bzw. „gefällt mir“ zu drücken, steht da natürlich riesengroß, das „Nein danke, jetzt nicht“ kommt eher klein und unscheinbar daher. Genau wie der „Homepage aktualisiert“-Button ist auch dies eine unangebrachte Gängelung und Bevormundung des Nutzers. Der weiß es im Zweifel nämlich selbst, ob ihm etwas gefällt oder nicht.

4. Artikel – geschnitten oder am Stück?
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Einer der ältesten Klick-Tricks ist immer noch nicht ausgestorben. Lange Texte werden auf mehrere Seiten aufgeteilt. Warum das von einigen Online-Verantwortlichen als „Service“ für die Leser bezeichnet wird, bleibt schleierhaft. In Wahrheit ist das auch nur Klick-Schinderei. Immerhin wird meist auch die Variante „Artikel auf einer Seite lesen“ angeboten, aber dafür muss man dann halt auch ein weiteres mal klicken. Dabei gibt es keinen erkennbaren Mehrwert für Nutzer, wenn lange Stücke auf mehrere Seiten aufgeteilt werden. Es ist nur ein weiteres Hindernis für den Leser. Und natürlich eine Methode, neue Werbe-Anzeigen einzuspielen und die Statistik zu schönen.

5. Preroll-Wahnsinn

Bewegtbild ist der neue Sex bei vielen Online-Medien und ihren Vermarktern. Medien und ihre Verkaufsabteilungen brüsten sich gerne mit Abrufzahlen von Videos (am besten Autoplay, s.o.) und den entsprechenden Video-Anzeigen. Diese werden immer noch bevorzugt als so genannte Preroll Ads ausgespielt, will heißen, bevor sich der Nutzer ein x-beliebiges Video anschaut, muss er zuerst einen Werbespot durchstehen. Das wäre noch nicht einmal schlimm, wenn die Werbung nur ansatzweise so clever programmiert wäre, wie auf Foren und in Fachartikeln gerne getan wird. Aber wenn man drei oder vier Videos auf ein und derselben Website anschaut, kann man darauf wetten, jedesmal den exakt gleichen Spot anschauen zu müssen. In voller Länge natürlich, die Möglichkeit zum Werbung wegklicken (wie YouTube das anbietet), existiert auf Medien-Websites nie. Dabei ist sowohl den Werbeverkäufern als auch den werbenden Unternehmen offensichtlich egal, vor welchen Inhalten ihre Werbung geschaltet wird. Egal ob aufwendiges Video oder billig zusammengetackerte Pseudo-Bewegtbildstrecke – immer ist der gleiche Werbespot davor. Erklärbar ist das nur, wenn den beteiligten Personen Inhalte und tatsächliche Werbewirkungen komplett egal sind. Hauptsache in irgendeiner Statistik stimmt die Zahl der Abrufe.

6. Maus-Missbrauch

Die Maus ist mittlerweile eine der schärfsten Waffen der Aufmerksamkeits-Diebe aus der Online-Werbe-Abteilung. Passt man nicht auf und fährt mit der Maus versehentlich über ein Werbefenster, geht schon der Ton los. Oder es öffnet sich beim Scrollen gleich ein Video-Fenster, das den Text auseinanderschiebt und man muss sich vor dem Weiterlesen erst einmal Werbung für eine High-Tech Kloschüssel o.ä. anschauen. Zack, wieder ein View in der Klick-Statistik. Extrem nervig sind auch die grün eingefärbten und doppelt unterstrichenen Werbe-Links. Wer mit der Maus rüberfährt, für den öffnet sich ein Fenster mit „interessanten“ Produktinformationen. Das Lesen der Artikel wird so stellenweise fast unmöglich gemacht. Aber wen juckts? Hauptsache die Statistik stimmt.

7. Das große X-Suchspiel

Auch so ein Klassiker. Es öffnet sich eine riesige Werbeanzeige, die natürlich tönt und blinkt. Und irgendwo da in diesem Gewusel muss sich das erlösende X verstecken, mit dem man die Anzeige wieder schließen kann. Nur wo? Ganz klein in einer der Ecken ist meistens ein guter Tipp. Oder man muss das müde Auge teilweise sogar von der Werbefläche wegbewegen, denn das X wird manchmal auch ganz woanders, außerhalb der eigentlichen Werbung platziert. Je besser das X versteckt ist, desto länger braucht der genervte Nutzer um es zu finden, desto länger ist die Verweildauer auf der Werbung. Wer so wirbt zeigt in erster Linie, dass er für seine potenziellen Kunden nichts als Verachtung übrig hat.

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Alle Kommentare

  1. Habt ihr euch schon mal an die eigene Nase gefasst? Denn das hier ist mir auf der MEEDIA-Website auch schon zig-mal negativ aufgefallen:

    „Eine Unart ist es, mitten in Artikeln für Facebook-Likes zu betteln, bzw. dazu aufzufordern man soll bitteschön jetzt gleich Fan der Seite auf Facebook werden. Die Möglichkeit, „Fan“ zu werden, bzw. „gefällt mir“ zu drücken, steht da natürlich riesengroß, das „Nein danke, jetzt nicht“ kommt eher klein und unscheinbar daher.“

  2. SUPER – toller Text. Meine Bitte an alle Agenturen und Unternehmen, die online / mobile planen, dieses zu lesen und umzusetzen bzw. zu ändern.

    Es NERVT alle, jeder will es abschalten – jetzt klagt auch noch ein großer „Verlag“ gegen die Abschaltung der Ad-Blocker! Schon schräg, oder? Wenn man dann aber die Unternehmen befragt, welcher Anteil ihrer Werbeumsätze in den nächsten Jahren noch steigen wird, bekommt man ONLINE / MOBILE genannt.

    Wie soll das gehen, wenn die Nutzer heute bereits vom Aufwachen bis Einschlafen online sind, morgens als erstes Mails checken und dann noch schnell vor dem InsBettgehen. Sollen wir in ein paar Jahren auch noch nachts online sein? Da vertraue ich doch lieber den klassischen Medien, da weiß ich, was ich habe 😉

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