Das taugt die neue Amazon-Serie „You Are Wanted“ von und mit Matthias Schweighöfer

Amazon gibt vorzeitig eine zweite Staffel der Schweighöfer-Serie „You Are Wanted“ in Auftrag
Amazon gibt vorzeitig eine zweite Staffel der Schweighöfer-Serie "You Are Wanted" in Auftrag

Morgen startet die Amazon-Serie "You Are Wanted" von und mit Matthias Schweighöfer – die erste deutsche Serienproduktion des Streaming-Dienstes. Die Erwartungen sind dementsprechend groß. Was taugt die Thriller-Serie um Deutschlands Leinwand-Liebling, der zur Marionette eines Hackers wird? MEEDIA hat die ersten beiden Folgen vorab gesehen.

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„Dein schönster Tag“, tippt ein Mann schweißgebadet in seinen Computer. Er ist auf der Flucht. Versteckt in seiner Wohnung, in einer grauen Hochaussiedlung irgendwo in Berlin. Ein Blick über die Schulter: Es rüttelt an der Tür. Der Mann schickt die Nachricht ab. Seine Rechner setzt er in Brand, versetzt den Festplatten mit einer Bohrmaschine den Todesstoß. Selbst entflammt stratzt er in die Küche und stürzt sich aus dem Fenster.

Schnitt. Auftritt Matthias Schweighöfer, der noch in seinem Designer-Büro sitzt, über dem Lichtermeer von Berlin bei Nacht und in sein Handydisplay lächelt. „Ich bin bald bei euch“, schreibt er an seine Familie. Es soll die letzte Nachricht sein, die er unbedacht abschickt. Heile Welt war gestern.

Das sind die ersten 120 Sekunden von „You Are Wanted“, der ersten deutschen Serienproduktion von Amazon Prime Video. Und der ersten Serienproduktion von und mit Matthias Schweighöfer, der hier – wie auch in seinen erfolgreichen Kino-Komödien – den Hauptdarsteller, Regisseur und Produzenten in Personalunion gibt. Die Erwartungen sind groß. Die Serie wird in über 200 Ländern zu sehen sein. Und auch, „weil jeder einen Ruf zu verlieren hat“, wie Christoph Schneider, Geschäftsführer Amazon Prime Video in Deutschland, im Interview mit MEEDIA sagt.

Zum einen hat der Streaming-Dienst nach preisgekrönten Serienproduktionen wie „Transparent“ und „Mr. Robot“ die Messlatte in schwindelerregende Höhe gelegt und zu Konkurrent Netflix aufgeschlossen, der mit „Dark“ noch an seiner ersten deutschen Serie schnitzt. Zum anderen sagt sich Schweighöfer von seiner Paradedisziplin, der Mainstream-Familienunterhaltung, fast in jeder Hinsicht los und setzt seinen Ruf als erfolgsverwöhnter Komödien-König des deutschen Kinobetriebs aufs Spiel. Was also kann man von der Serie erwarten, die ein „Gassenhauer“ aber keine „edgy Nischenserie“ für das Feuilleton sein soll, wie Schneider vor einem halben Jahr gegenüber der Welt angekündigt hat?

In aller Kürze: Genau das. „You Are Wanted“ wandelt sich von einem subtilem Hacker-Krimi zum abgründigen Verschwörungs-Thriller, der die deutsche Serienlandschaft in Schwung bringen könnte – sich für die internationale Oberliga aber noch zu wenig traut. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Schon wieder Sunnyboy-Schweighöfer?

Das Leben des jungen Hotelmanagers und Familienvaters Lukas Franke (Schweighöfer) wird brutal umgekrempelt, als jemand seine persönlichen Daten hackt und beginnt, seine Lebensgeschichte umzuschreiben: Seltsame Nachrichten tauchen auf, seine digitale Identität wird auf links gedreht, Transaktionen in seinem Namen getätigt. Das BKA verdächtigt ihn, Mitglied einer terroristischen Organisation zu sein. Seine Frau (Alexandra Maria Lara) beginnt an ihm zu zweifeln. Sein Kind wird bedroht. Klar: Lukas muss den Hacker zu Strecke bringen. Er verbündet sich mit der Journalistin Lena Arandt (Karoline Herfurth), die ebenfalls ins Visier der Datendiebe geraten ist. Wer steckt hinter der Verschwörung? Warum haben sie es auf ihn abgesehen? Wie kann er die Hacker stoppen?

Es sind jene Fragen, die sich als roter Faden durch das Drehbuch der renommierten Autoren Bob Konrad, Hanno Hackfort und Richard Kropf ziehen und den Zuschauer in die Abgründe der digitalen Welt katapultieren: Was passiert, wenn meine sensiblen Daten in die falschen Hände geraten? Die Folgen zeigt „You Are Wanted“ eindrücklich anhand von Lukas, dem sinnbildlichen Opfer dieser Entwicklung.

Urplötzlich tauchen Nacktbilder auf seinem Handy auf und lassen bei seiner Frau den Verdacht aufkeimen, er hätte eine Affäre. Ein Paket mit Bauteilen für eine Bombe, das er bestellt haben soll, rückt ihn ins Visier des LKA. Und sein Sohn, der inmitten der digitalen Welt aufwächst, wird über die Frontkamera des Familien-Tablets beobachtet. Alles Grenzüberschreitungen, die nicht nur die Paranoia von Lukas befeuern – sondern auch die des Zuschauers. In den ersten beiden Folgen von „You Are Wanted“ skizziert Matthias Schweighöfer immer subtil aber niemals seicht die (Lausch-)Angriffe auf seine heile Welt. Sunnboy-Schweighöfer wird sich dieses Mal wohl nicht in letzter Sekunde mit einem Lächeln aus der Schlinge ziehen können, wie man es aus seinen Buddy-Komödien hinreichend kennt. Nein, er steckt knietief im Desaster – Schweighöfer zeigt hier mindestens eine erfrischende Performance.

Der Preis eines „Gassenhauers“

Doch „You Are Wanted“ mag sich vom Mainstream nicht komplett abwenden und seinen Zuschauern zu viel zumuten. Die digitale Weltordnung wird hier nicht verhandelt, wie etwa in „Mr. Robot“, der anderen Hacker-Serie von Amazon. Doch gerade dieses gesunde Maß an Erwartbarkeit macht „You Are Wanted“ so erfolgversprechend: Schweighöfer erzählt ohne viel Schnickschnack seine Story, die Tragweite der Geschehnisse werden dem Zuschauer auch ohne technische Details und Hollywood-Hokuspokus schnell deutlich.

Obwohl man während der Serien-Entwicklung mit Hackern zusammengearbeitet habe, um ein authentisches Bild zu zeichnen, kann sich die Serie aber auch so manches Klischee – von der Hackerhöhle bis zum obligatorischen Codeknacker im Kapuzenpulli – nicht verkneifen. Der eine oder andere Charakter, wie Lukas‘ doch sehr blauäugige und ahnungslose Frau (Alexandra Maria Lara), kommen zumindest in den ersten beiden Folgen eher als Mittel zum Zweck daher. Das ist vielleicht der Preis, den man für einen „Gassenhauer“ zahlen muss, der keine „edgy Nischenserie“ sein will. Dafür können die beeindruckenden Bilder von Schweighöfers Stammkameramann und Co-Regisseur Bernhard Jasper zweifellos mit US-Produktionen mithalten. Mit opulenten Panoramashots und ebenso bildstarken wie düsteren Schauer-Szenarien setzt er mal das abgelebte, mal das edle Berlin gekonnt in Szene.

Die sechs Folgen von „You Are Wanted“ sind ab dem 17. März in über 200 Ländern verfügbar. Und sie dürften auch international Lust auf mehr machen. Auf mehr von „You Are Wanted“ und mehr aus der deutschen Serienlandschaft.

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Alle Kommentare

  1. Und hinter der Verschwörung stecken bestimmt wieder die Üblichen, systemkritisch ist das bestimmt nicht. Zudem: Schweighöfer? Nein danke…

  2. Mr. Robot ist doch gar keine Eigenkreation von Amazon Studios? Die haben sich doch erst die Ausstrahlungsrechte ab der 2. Staffel gesichert. Transparent, The Man in the High Castle, Goliath, The Grand Tour, Sneaky Pete und Bosch sind solche Produktionen, aber nicht Mr. Robot, das von NBC bzw. USA Network bestellt wurde.

  3. Jetzt braucht es hier schon Werbung, weil den Typen auf Amazon Prime niemand sehen will. Wie auch. Um solchen Schauspielern zu entgegen, bezahlt man doch gerade das Primeangebot extra auf die Zwangsgebühren obenauf.

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