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Neue Online-Strategie für Wirtschaftstitel: Axel Springer verschmilzt Bilanz.de mit Welt.de

Bilanz-Chefredakteur Klaus Boldt
Bilanz-Chefredakteur Klaus Boldt

Axel Springer ändert die Web-Strategie von Bilanz. Der digitale Ableger des Wirtschaftsmagazins wird ab sofort in Welt.de eingebunden. Im MEEDIA-Interview erhofft sich Bilanz-Chefredakteur Klaus Boldt von dem Schritt, die Weberlöse der Redaktion zu steigern. Auch in der Führungsebene von Bilanz hat sich etwas getan. Johannes Boege hat zum Jahresanfang die Geschäftsführung an den bisherigen WeltN24-Integrationsmanager Marius Schneider übergeben. Boege soll bei Springer andere Aufgaben übernehmen.

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Herr Boldt, das zu Axel Springer gehörende Wirtschaftsmagazin Bilanz ist seit fast drei Jahren am Markt. Was macht die Zeitschrift anders als die Konkurrenz?
Ich finde: einiges! Das hängt auch damit zusammen, dass wir als jüngstes Wirtschaftsmagazin des Landes von Anfang an über große inhaltliche und gestalterische Freiheiten verfügten. Und diese Freiheit nutzen wir auch – wobei wir, bei aller Experimentierfreude und Abenteuerlust, verlässlich und berechenbar bleiben für Leser und Anzeigenkunden.
Heute hat die Bilanz ihren festen Platz im Markt gefunden, und das liegt wahrscheinlich auch daran, dass bei uns immer noch derselbe Gründergeist herrscht wie 2014: Wir sind ein echtes Magazin-Start-up unter dem Dach von Axel Springer. Die Bilanz ist, was man informativ und investigativ nennt, aber sie erhebt nicht den Anspruch, das Wirtschaftsgeschehen in seiner Gesamtheit abzubilden. Dafür sind andere zuständig und besser ausgerüstet. Denn Wirtschaftsberichterstattung ist viel zu wichtig, um ihren Lesern keinen Spaß zu machen.

Und wie heben sich vom Wettbewerb ab?
Aufgrund der Tatsache, dass wir sowohl als Beilage in der Welt als auch am Kiosk erscheinen, haben wir heute die größte Reichweite aller Wirtschaftsmagazine. Wir schreiben nicht für Betriebs- und Volkswirte, sondern für die wirtschaftliche, aber auch politische und kulturelle Elite in Deutschland. Bei uns finden sich Geschichten über den Unternehmer und Fußballspieler Philipp Lahm genauso wie über die 66-jährige Firmengründerin Arianna Huffington oder die „750 reichsten Deutschen“. Wir sprechen mit dem Philosophen Peter Sloterdijk über Geld und mit Daimler-Chef Dieter Zetsche über automatische Autos. Wir haben eine junge, vielfach preisgekrönte Redaktion und daneben herausragende Autoren wie Helge Timmerberg oder den Weltstar unter den Museumsdirektoren Max Hollein. Fünf ehemalige Chefredakteure schreiben für die BILANZ: Wolfgang Kaden, Arno Balzer, Bernd Ziesemer, Annette Weber und Thomas Schröder. Darüber hinaus sind wir leidenschaftlich gern exzentrisch, vielleicht sogar etwas britisch, was den Hamburgern ja im Blut liegen soll, und pflegen dabei unsere Marotten: pfeifen auf den Ebitda- und Cashflow-Zunftjargon, die albernen Corporate-Design-Schreibweisen wie in „ThyssenKrupp“ oder „E.on“, wir setzen Anglizismen kursiv und nennen die Dinge nach alter Sitte beim Namen: Der Siemens-Chef vermarktet sich zwar als Joe Kaeser, um sich internationales Flair zu verleihen, aber er heißt nun einmal Josef Käser, deswegen schreiben wir ihn auch so. Stellen Sie sich vor, Mathias Döpfner wäre von seinem Silicon–Valley-Ausflug als Matt Doepfner zurückgekehrt: Alle hätten gelacht, und er hätte mitgelacht.

Sie haben sich entschlossen, ihren Online-Ableger Bilanz.de auf Welt.de zu verschmelzen. Wollen Sie mit dieser Maßnahme online jetzt etwas kürzer treten?
Im Gegenteil: Die Bilanz ist ja sozusagen der geborene Partner der Welt. Es ist eine Liebesbeziehung: Wir arbeiten eng und harmonisch zusammen. Die neue Internetseite der „Welt“ gibt uns endlich die Möglichkeit, diese Partnerschaft auch ins Netz zu verlängern, und natürlich haben wir diese Chance ergriffen. Bei Welt.de treten wir auf einer der erfolgreichsten und größten Bühnen des Landes auf: 122,2 Millionen Besucher wurden im Januar gezählt. Das ist, als ob Sie im Wiener Burgtheater auftreten dürfen und nicht mehr im Boldixumer Schützenhaus. Wir bieten den Welt.de-Nutzern etwas ganz Außergewöhnliches: das einzige Meinungs- und Debattenforum zur Wirtschaft in Deutschland. Großartige Kolumnisten schreiben für uns: der Nobelpreisträger Paul Krugman und der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty, Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, und künftig auch der New Yorker Ökonom Nouriel Roubini. Für Welt und Bilanz bringt der Bühnenwechsel wirklich nur Vorteile. Ich freue mich sehr darüber und finde das richtig klasse

Handelt es sich hier um eine Sparmaßnahme?
Ich glaube nicht, dass wir durch die Integration unseres Angebots viel Geld sparen können. Ich weiß aber, dass wir viel gewinnen werden: vor allem Reichweite und Relevanz. Denn Qualitätspublizistik im Netz will schließlich finanziert sein. Es handelt sich also in erster Linie um eine Maßnahme, um journalistisch besser und wirtschaftlich klüger zu arbeiten, indem wir die großartige Möglichkeit nutzen, die uns zur Verfügung steht. Das ist wie ein Geschenk für uns.

Ist geplant, dass Bilanz stärker mit der Tageszeitung Welt kooperieren soll?
Die Bilanz bleibt eine unabhängige Redaktion und eine eigenständige organisatorische Einheit. Aber wir wollen unsere Zusammenarbeit weiter ausbauen. Ich werde zum Beispiel in Zukunft regelmäßig auch als Kolumnist für die Welt schreiben.

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Wie wollen Sie die Online-Nutzer über den Schritt informieren?
Am Mittwoch gehen wir um zehn Uhr auf Sendung. Dann werden alle Zuschauer von Bilanz.de automatisch auf die neue Internetseite unter www.welt.de/bilanz umgeleitet und dort in einem Artikel über das neue Angebot alles Weitere informiert.

Ändert sich etwas an den Inhalten von Bilanz.de?
Wir werden unser Online-Angebot um multimediale Inhalte erweitern, die in höchstem Tempo und in modernster Aufmachung auf www.welt.de/bilanz verfügbar sind. Außerdem kann man künftig die besten Stories aus der aktuellen Bilanz auch im Netz lesen, und zwar im Rahmen eines Digital-Abos.
Für Bilanz-Online schreiben zurzeit rund 50 namhafte Kolumnisten, ein paar von Ihnen habe ich schon genannt. Wir wollen den Kreis sukzessive auf über 100 ausbauen, um noch tiefer und umfassender über alle Themen der Wirtschaft zu berichten. Unsere Autoren sind natürlich sehr glücklich darüber, dass sie künftig noch weit mehr Menschen erreichen als bisher. Verstärken wollen wir im Übrigen auch die Berichterstattung rund um unseren Gründerpreis „Start me up!”, den höchstdotierten Wettbewerb seiner Art in Deutschland.

Wird das Online-Angebot von Bilanz jetzt kostenpflichtig?
Mit dem Start von Bilanz-Online auf Welt.de ist unser Angebot selbstverständlich auch Teil des Freemium-Modells. Es trägt den Anforderungen des Qualitätsjournalismus buchstäblich Rechnung und passt deshalb ausgezeichnet zur Bilanz.

Sie haben ihre Strategie beim Webableger geändert. Planen Sie auch für die Print-Ausgabe Anpassungen?
Die Bilanz hat sich seit ihrer Gründung vor drei Jahren als starke Kraft im Markt etabliert. Aber das Mediengeschäft ist bekanntlich nichts für Zimperliesen, im Segment der Wirtschaftspresse leisten Schienbeinschützer und Mundschutz gute Dienste. Wir wollen und müssen deshalb unsere Geschwindigkeit erhöhen und unseren Einsatz verstärken. Daran führt kein Weg vorbei. Einfacher wird das Leben nicht. Anfang des Jahres hat Marius Schneider die Bilanz-Geschäftsführung übernommen, und wir werden ein paar sehr spannende Projekte im Laufe des Jahres in Angriff nehmen. Wir sind auf einem sehr guten Weg.

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