Amazon-Prime-Video-Chef im Interview: „Wir haben kein Interesse daran, dass unsere Kunden nicht mehr fernsehen“

„Wir machen kein Redakteursfernsehen“, so Christoph Schneider, Geschäftsführer von Amazon Prime Video in Deutschland
"Wir machen kein Redakteursfernsehen", so Christoph Schneider, Geschäftsführer von Amazon Prime Video in Deutschland

Am Freitag (17. März) startet mit "You Are Wanted" von und mit Matthias Schweighöfer in über 200 Ländern die erste deutsche Serienproduktion von Amazon. "Im Idealfall kommt im nächsten Jahr noch etwas anderes dazu", verrät Christoph Schneider, Geschäftsführer von Amazon Prime Video in Deutschland, im Interview mit MEEDIA. Außerdem erklärt er, welche Strategie der Streaming-Gigant hierzulande verfolgt.

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Herr Schneider, „You Are Wanted“ ist die erste deutsche Serienproduktion von Amazon Prime Video – von und mit Matthias Schweighöfer. Wer ist da auf wen zugegangen?
In den letzten zwei Jahren haben wir uns mit Warner Bros. Deutschland, mit denen wir viele Deals machen, intensiv auf dem deutschen Markt umgesehen. Und haben uns eigentlich zuerst mit Michael ‚Bully’ Herbig für „Die Bullyparade – Der Film“ zusammengesetzt. Bis Warner auf uns zugekommen ist und sagte: Hey, ihr müsst auch noch mal mit Pantaleon sprechen.

Pantaleon ist die Produktionsfirma von Matthias Schweighöfer und seinem Partner Dan Maag. Worüber haben Sie gesprochen?
Letztendlich haben uns die beiden „You Are Wanted“ vorgestellt – die Serie hatte zu diesem Zeitpunkt aber noch kein Skript und war eher eine grobe Skizze. Doch die Geschichte hat mich gefesselt und – was für mich sehr wichtig war – ein relevantes Thema. Es ist kein Science-Fiction-Stoff. Ich wollte etwas haben, das aktuell ist. Außerdem hat mich gereizt, dass es für uns alle die erste Serienproduktion ist. Für Amazon. Für Warner. Und für Matthias und Pantaleon. Oder anders gesagt, dass wir alle in einem Boot sitzen und uns reinhängen – weil jeder einen Ruf zu verlieren hat. So sind wir zusammengekommen.

Matthias Schweighöfer hat bisher vor allem eines gemacht: Kino und Komödien. „You Are Wanted“ ist seine erste Serie, obendrein ein Thriller – und wird auf einen Schlag in über 200 Ländern gezeigt. Warum haben Sie dieses prestigereiche Projekt in die Hände eines Serienneulings gegeben?
Es gibt Filmemacher, die über viele Jahre hinweg ihren Stiefel gemacht haben und für die es schwierig ist, ihn wieder abzustreifen. Bei Matthias hatte ich nie dieses Gefühl. Für Matthias ist ein Seriendreh zwar etwas komplett Neues gewesen. Aber er wollte es wagen. Als wir zusammen gesessen und uns in die Augen gesehen haben, wusste ich: Matthias und Dan können das, die werden das rocken.

Sie werden Matthias Schweighöfer doch nicht zum Produzenten, Hauptdarsteller und Regisseur von „You Are Wanted“ gemacht haben, nur weil es gefunkt hat.
Nein. Bei Amazon glauben wir an eine Idee und ein Team und lassen es dann arbeiten. Wir holen den Koch in die Küche und lassen ihn kochen. Wir schmecken natürlich zwischenzeitlich mal ab, sehen nach ob etwas Salz fehlt. Aber wir sagen nicht: Hey, Du darfst jetzt keine Süßkartoffeln nehmen. Denn, wie sagt man so schön: Viele Köche verderben den Brei. Und am Ende müsste Matthias dafür grade stehen, wenn wir ihm da ständig reingequatscht hätten…

In erster Linie muss aber Amazon Prime Video Deutschland dafür gerade stehen. In Person: Sie.
Wir machen kein Redakteursfernsehen. Wir haben Matthias vertraut, dass er seinen Job gut macht – so wie bisher auch. Natürlich haben wir ihm hin und wieder über die Schulter geschaut und natürlich haben wir auch mal gefragt, ob er sich bei manchen Dingen auch sicher ist. Aber Matthias hatte eine sehr klare Vision, die er verfolgen wollte. Und wenn er diese Ansichten mit guten Argumenten verteidigt hat, dann ging das in Ordnung. Die erste Episode von „You Are Wanted“ startet subtil – weil Matthias das so wollte. Er wollte einen Übergang für seine Fans schaffen. Zu Beginn ist er noch der alte, nette Matthias, wie man ihn kennt und schätzt. Und dann geht es richtig los.

Wie genugtuend ist es eigentlich, dass Sie noch vor Ihrem direkten Konkurrenten Netflix mit einer deutschen Serie an den Start gehen?
Es ist sicherlich schön, dass wir zu den ersten gehören und vorlegen können. Ich würde lügen, wenn ich jetzt etwas anderes behaupte. Aber am Ende des Tages kommt es nicht auf das Timing an sondern auf eine gute Serie. Der Zuschauer interessiert sich nicht dafür, wer zuerst was startet – sondern für gute und interessante Serien.

Wann ist für Amazon Prime Video ein Format erfolgreich, welche Maßstäbe legen Sie an?
Wir haben keinen klassischen Quotendruck wie im linearen Fernsehen. Aber wir sehen genau, wie viele Menschen sich eine Serie anschauen, auch wie viele sie z.B. komplett gesehen haben oder vorher ausgestiegen sind. Von „You Are Wanted“ erhoffen wir uns, dass sie alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Es ist auch ein Ziel, durch diese großartige Serie neue Nutzer neugierig auf unseren Service machen können. Auch daran messen wir Erfolg.

An diesen Messwerten muss sich also auch „You Are Wanted“ erst einmal beweisen, bevor Sie der Serie eine zweite Staffel spendieren?
Korrekt.

In den USA produziert Amazon Prime Video vor allem Serien und Doku-Serien. Welche Strategie verfolgen Sie für den deutschen Markt?
Wir sind in Deutschland der am breitesten aufgestellte Video-Streaming-Service, laut Umfragen mit Abstand der beliebteste. Insofern war es nur eine logische Konsequenz, nachdem wir allein im vergangenen Jahr über 20 internationale und europäische Serienproduktionen in Deutschland gestartet haben, unseren Kunden auch eine deutsche Serie zu präsentieren. Eine Amazon Original Serie, die nur oder zuerst bei uns zu sehen ist. Im nächsten Jahr folgen mit „Deutschland 86“ und „Pastewka“ weitere deutsche Amazon Originals. Und wir haben mit „Bullyparade – Der Film“ den ersten deutschen Film an Bord, der nach dem Kinostart zuerst bei einem Video-Streaming-Service zu sehen sein wird. Und das nur gut fünf Monate nach dem Kinofenster.

Mit „Deutschland 86“ und „Pastewka“ setzen Sie bereits existierende TV-Serien bei Amazon fort. Eine Kampfansage an das deutsche Fernsehen?
Wir sehen uns nicht so martialisch, wie vielleicht andere in diesem Bereich. Wir arbeiten ganz hervorragend mit den Öffentlich-Rechtlichen zusammen, lizensieren viel von ihnen – und ich denke, dass wir ein gutes Komplementärprodukt zum linearen Fernsehen darstellen. Wir haben überhaupt kein Interesse daran, dass unsere Kunden nicht mehr fernsehen und nur noch bei Amazon unterwegs sind.

Stören würde es Sie aber sicherlich nicht.
Sie dürfen eines nicht vergessen: Amazon Prime Video-Kunden haben ein Abonnement abgeschlossen. Wir wollen, dass unsere Kunden zufrieden sind, ob sie nun nur fünf Mal im Monat vorbeischauen oder dreißig Mal. Wir verkaufen keine Werbung, wir brauchen unsere Kunden nicht davon zu überzeugen, dass sie nur bei uns einschalten dürfen. Für ihre monatliche Gebühr dürfen sie beste Unterhaltung erwarten, wann und wo sie wollen, in bester Qualität. Niemand bei Amazon sagt, dass man nur noch uns schauen soll.

Wird „You Are Wanted“ irgendwann im Fernsehen zu sehen sein?
Das kann ich mir ohne weiteres vorstellen.

Welche Sender sind auf Sie zugekommen?
Es gibt bereits viele Interessenten, aber…

…Sie können noch nichts dazu sagen?
Nein. (lacht)

Dieses Jahr werden „You Are Wanted“ und „Die Bullyparade – Der Film“ zu sehen sein, nächstes Jahr „Deutschland 86“ und „Pastewka“. Plötzlich legt Amazon Prime Video auch auf dem deutschen Markt richtig los. Warum gerade jetzt?
Wir sehen an unseren Abrufzahlen, dass die Nachfrage nach unserem Produkt in Deutschland wächst. Und wir sehen auch, dass ein Diffusionsprozess in allen Altersgruppen stattfindet: Vor drei Jahren war Video on Demand noch ein Randphänomen, das vor allem junge Männer angesprochen hat. Nun wird das Publikum breiter und auch älter.

Wer schaut den Amazon Prime Video, wie kann man sich Ihre Nutzer in Deutschland vorstellen – und was schauen Sie am liebsten?
Allzu sehr kann ich auch da nichts ins Detail gehen. Aber Amazon ist sehr breit aufgestellt – dementsprechend auch unsere Kunden und ihre Vorlieben. Wir haben ein paar mehr Leute, die sich für speziellere Serien wie etwa „Mr. Robot“ interessieren. Aber wir haben auch einen großen Kundenstamm, der sich am liebsten den amerikanischen Massenmarkt-Content wie etwa „The Big Bang Theory“ ansieht.

Netflix produziert auch Comedy-Formate und hat mit „Ultimate Beastmaster“ vor kurzem auch für den deutschen Markt eine Spielshow produziert. Wollen Sie auch in diesen Genres angreifen oder überlassen Sie das lieber der Konkurrenz?
Wir gucken uns natürlich alles an. Wir machen überwiegend Sachen aus Amerika heraus. Das europäische „The Grand Tour“ ist aber zum Beispiel eine non-scripted Show. Und wir werden auch sicherlich auch auf diesem Gebiet weiter aktiv sein. Die Frage, die wir uns dabei immer stellen, ist, ob wir unsere Formate aus Deutschland heraus machen – oder wir auf ein internationales Format zurückgreifen.

Die Frage stellen wir uns natürlich auch. Was planen Sie konkret für den deutschen Markt? Könnte sich Amazon Prime Video auch für Sportrechte erwärmen?
Wir reden nicht gern über ungelegte Eier oder Ideen. (lacht)

Dazu gehören auch weitere, deutsche Eigenproduktionen?
(lacht) Also… im Idealfall kommt im nächsten Jahr noch etwas anderes dazu.

Handelt es sich dabei wieder um eine Fortsetzung oder etwas Neues?
Es kann eine Fortsetzung und etwas Neues sein.

Wollen Sie nichts verraten oder wissen Sie es tatsächlich nicht?
Ich sage es mal so: Es könnte etwas Neues sein. Es könnte aber auch eine Fortsetzung von „You Are Wanted“ sein.

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