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Wie Facebook mit seinen unzähligen Snapchat-Klonen seine Identität verwässert

Ewiges Duell: Mark Zuckerberg  und Evan Spiegel (re.)
Ewiges Duell: Mark Zuckerberg und Evan Spiegel (re.)

Mark Zuckerberg hat eine Obsession: Snapchat zu klonen, bis es keine Relevanz mehr besitzt. Mit fast manischem Eifer ahmt das weltgrößte Social Network die boomende Messenger-App mit dem Geisterlogo nach: zunächst bei den Töchtern Instagram und WhatsApp, inzwischen aber auch beim Messenger. Nutzer reagieren allerdings zunehmend genervt auf den Jugendwahn der unzähligen Filter-Stories – riskiert das Social Network mit seiner Besessenheit von Snapchat am Ende seine Identität?

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Mark Zuckerberg und Evan Spiegel: Man kann sie ziemlich beste Feinde nennen. Inzwischen fast viereinhalb Jahre ist es her, dass der Facebook-Chef  an den jungen Snapchat-Gründer eine vergiftete SMS schickte.

„Hey Evan, ich bin ein großer Fan davon, was Du mit Snapchat anstellst. Ich würde mich sehr freuen, Dich einmal kennenzulernen und Deine Vision zu hören“, lautete Mark Zuckerbergs erste SMS an Evan Spiegel. 2012 war das.

Jahrelange Versuche, Snapchat zu stoppen

Der höflich formulierte Kontaktversuch hatte freilich ein klares Ziel: Die boomende Foto-App, die damals noch als beliebtestes Kommunikationsmittel des Sexting-Trends für Schlagzeilen sorgte, zu übernehmen.

Drei Milliarden Dollar bot der Facebook-Chef den Snapchat-Gründern Evan Spiegel und Bobby Murphy seinerzeit – und blitzte bekanntlich ab. Seitdem hat es sich Zuckerberg offenbar in den Kopf gesetzt, den Emporkömmling auf keinen Fall zu groß werden zu lassen.

Die ersten Konterversuche scheiterten allerdings recht kläglich: Zunächst floppte die Poke-App, dann vor zwei Jahren der direkte Versuch, Snapchat mit einer eigenständigen App namens Slingshot zu kopieren. Snapchat wuchs unbehelligt weiter und bringt es nun schon auf mehr als 160 Millionen täglich aktive Nutzer.

Instagram Stories schließt überraschend schnell zu Snapchat auf

Bis Mark Zuckerberg mit seiner 2012 zugekauften Foto-Tochter Instagram im vergangenen Sommer einen überraschenden Wirkungstreffer landete. Snapchats spleeniges Alleinstellungsmerkmal, den Alltag möglichst umfassend mit Foto- und Video-Schnipseln zu dokumentieren, wird seit August des letzten Jahres von der Facebook-Tochter Instagram mit dem neuen Stories-Feature attackiert, das erstaunlich gut angenommen wird.

Gerade einmal fünf Monate nach dem Rollout des neuen Features kann das boomende Fotonetzwerk 150 Millionen aktive Nutzer verbuchen – und hat damit zu Snapchat fast aufgeschlossen. Snapchats Nutzerwachstum verflachte seit dem Launch von Instagram zusehends – und kostete Snap zumindest zum Börsenstart wohl eine höhere Bewertung.

Angriffe auf Snapchat auch mit WhatsApp und dem Facebook Messenger

Doch die Instagram-Attacke reichte Zuckerberg noch nicht: Um Snap das Leben vor dem Börsengang so schwer wie möglich zu machen, rollte Facebook wenige Tage vor dem IPO auch bei seiner Tochter WhatsApp eine Stories-ähnliche Funktion aus. Nutzer können in der neuen Version von Status seit Ende Februar nun auch Bilder und  Videos mit Editier- und Filterfunktion mit Freunden und Kontakten in WhatsApp teilen.

Selbst Facebook wird unterdessen immer snapchattiger. Nicht nur, dass das Social Network in seiner Messenger-App inzwischen auch verspielte Sticker und Editierfunktionen für die jugendliche Snapchat-Zielgruppe anbietet. Auch mit einer neuen Kamera-Funktion, in der neue Masken und Filter zum Einsatz kommen, die für Nutzer von Snapchat längst zum Social Media-Alltag gehören, experimentiert Facebook seit vergangenem Herbst.

Und auch im News Feed orientiert sich das weltgrößte Social Network auffällig an seinem zehnmal kleineren Herausforderer: Die angezeigten Videos erinnern immer mehr an das vertikale Snapchat-Format –sie füllen nämlich künftig das gesamte Display aus.

Den vorläufigen Höhepunkt der Snapchat-Besessenheit präsentierte Facebook Ende vergangener Woche: Das neue Messenger-Feature Messenger Day, mit dem nun auch Facebook Snapchats beliebtes Story-Feature kopiert.

Wie bei Snapchat, Instagram und WhatsApp können künftig nun auch die 1,8 Milliarden Facebook-Nutzer Stories im verspielten Sticker- und Filter-Look mit ihren Freunden teilen, die nach 24 Stunden wieder verschwinden.

Snapchat-Gründer Evan Spiegel hat damit verspätet per Quellcode gleich die dreifache Bestätigung erhalten, die er Jahre zuvor wohl eh schon erahnt hat: Für Mark Zuckerberg sind Snapchat Stories das nächste große Storytelling-Format, das der Facebook-Chef keinem einzigen Nutzer vorenthalten möchte.

„Ich bin überzeugt, dass Zuckerberg Screenshots von Snapchat macht“
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Allein: Nachdem das gesamte Facebook-Universum snapchatisiert wurde, stellt sich die Frage, wie viel eigene Identität das weltgrößte Social Network bei seiner gnadenlosen Klon-Taktik eigentlich riskiert?

„Ich bin überzeugt, dass Zuckerberg Screenshots von Snapchat macht. Er druckt sie aus und sagt seinen Managern: Macht das auch“, witzelte unterdessen CNBC-Digital-Chefredakteur Jay Yarow.

Für den viel zitierten Wagnisfinanzierer Ben Evans ist die Klon-Methode Teil einer großangelegten Strategie:

Bleibt allerdings die Frage, ob Facebook damit nicht mehr Nutzer vergrault als es gewinnt. „Facebook Messenger hat sich von einer großartigen Texting-App zu verwirrendem Müll entwickelt“, findet Steve Kovach vom  Tech-Portal Business Insider.

Nutzer reagieren zumindest alles andere als begeistert auf den neusten Snapchat-Klon:

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